Die Bewegung ist routiniert. Jens Reule Dantas schiebt eine schwere Metalltür auf. „Willkommen in der Musikbrauerei“, sagt er und lädt ein. Im Jahr 1997 entdeckte er die Ruine der alten Schneider-Brauerei in der Greifswalder Straße 23a in Prenzlauer Berg. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt er.
Heute führt ihn sein Weg durch die roten Ziegel des denkmalgeschützten Komplexes. Er erzählt von Gentrifizierung, jahrelangen Auseinandersetzungen mit Investoren und Behörden und davon, wie viel Geld und Lebenszeit ihn der Erhalt des Ortes gekostet hat. Auch die Berliner Clubcommission habe ihn einst unterstützt.
Fast 19 Jahre war die Musikbrauerei Mitglied des Interessenverbands. Nach einem jahrelangen Streit kam der Bruch. Am 13. August erhielt Reule Dantas’ Anwalt ein Schreiben der Clubcommission, in dem der Ausschluss seines Mandanten mitgeteilt wurde. Die Entscheidung war demnach bereits am 21. April gefallen – einstimmig durch alle neun Vorstandsmitglieder. Der Vorwurf: Reule Dantas habe seine Räume wiederholt Veranstaltungen zur Verfügung gestellt, die Verbindungen zur rechtsextremen und verschwörungsideologischen Szene aufweisen. Wie kam es dazu?
Eingang zum Tonstudio Ufo Sound Systems in den Räumen der Musikbrauerei in Prenzlauer Berg
© Stephanie Steinkopf/Ostkreuz
Die Berliner Zeitung hat der Clubcommission mehrfach Gelegenheit gegeben, die einzelnen Vorwürfe zu erläutern und sich zu den Aussagen von Reule Dantas zu äußern. Eine Antwort ist bislang nicht eingegangen. Die folgende Darstellung stützt sich daher auf interne Dokumentation sowie auf die Perspektiven der Betroffenen.
Konkret werden im Ausschlussschreiben mehrere Veranstaltungen genannt, die im vergangenen Jahr in der Musikbrauerei stattgefunden haben. Eine davon war die „Erste Alternative Medienmesse“ im März. Hauptveranstalter war die bis 2025 erschienene Wochenzeitung Demokratischer Widerstand; mitorganisiert wurde die Messe vom Magazin Compact und von der Partei dieBasis.
Die Clubcommission verweist in ihrer Begründung auf den Verfassungsschutzbericht Berlin 2024. Darin wird das Medium Demokratischer Widerstand als zentraler Akteur der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ bezeichnet. „Mit der Bereitstellung der Räume hat Ihr Mandant dieser Veranstaltung eine Plattform geboten“, heißt es. Zudem listet das Schreiben ein „Vernetzungstreffen neurechter Medien“ im Mai 2025 auf, an dem auch der als „Ken Jebsen“ bekannte Kayvan Soufi-Siavash teilnahm.
Wo endet die Verantwortung des Betreibers?
Reule Dantas betont die „Unparteilichkeit“ seiner Räumlichkeiten. „Wenn jemand in der U-Bahn fährt, dann muss ich ihn U-Bahn fahren lassen und nicht sagen, nee, da darfst du nicht rein. Weil wenn ich mich dann reinsetze, dann habe ich ja Kontaktschuld.“ Der Vergleich zeigt das Spannungsfeld auf: Wie weit ist ein Betreiber für das verantwortlich, was in seinen Räumen stattfindet, und wo endet bloße Vermietung?
Der Toningenieur läuft mittlerweile wieder die Treppen hinunter und führt in den Keller der Musikbrauerei – währenddessen erzählt er weiter. Die Clubcommission greift ihm zufolge einzelne Events heraus, anstatt das gesamte Angebot seines Veranstaltungsortes zu berücksichtigen. Die Linke sei hier schon aufgetreten, und auch die Grünen hätten Interesse gezeigt, sagt er. Der Betreiber spricht über ukrainische Hilfsprojekte, LGBTQ-Partys sowie israelische und palästinensische Projekte – darunter die Präsentation des Dokumentarfilms „Amal – Hope“ durch Armin Laschet (CDU) in seiner Funktion als Vorsitzender des Abraham Accords Institute.
„Für mich existieren links und rechts nicht, sondern nur Logik und Verstand“, sagt Reule Dantas, der jetzt auf einem Ledersofa im kühlen Keller sitzt. Solche Bezeichnungen spalten ihm zufolge nur die Gesellschaft. Die Musikbrauerei sehe er als einen „neutralen Ort“ des demokratischen Austauschs, an dem auch kontroverse Meinungen diskutiert werden können. „Besonders nach Corona haben wir verlernt, miteinander zu reden.“
Toningenieur Jens Reule Dantas auf dem Dach seiner Musikbrauerei.
© Stephanie Steinkopf/Ostkreuz
Die Corona-Pandemie war auch Thema der Ausstellung „Dystopie meets Utopie“ des Künstlerkollektivs Internationale Agentur für Freiheit (IAFF), die im April vergangenen Jahres in diesen Räumen stattfand. Die Werke setzten sich mit Meinungsfreiheit, Krieg und den Corona-Maßnahmen auseinander. „Motive waren unter anderem Friedenstauben und Julian Assange“, sagt Reule Dantas und fragt: „Sind das rechtsextreme Vorbilder?“
Die Veranstaltung wird von der Clubcommission ebenfalls als Ausschlussgrund genannt – allerdings wendet sich die Kritik nicht gegen die Gemälde oder Kunstinstallationen. Problematisch war laut dem Schreiben die Berichterstattung von Compact TV.
Der Interessenverband verweist auf die frühere Einstufung des Compact-Verlags als „gesichert rechtsextrem“ (2021) und auf das Verbot durch das Bundesinnenministerium im Sommer 2024. Das Bundesverwaltungsgericht hob dieses Verbot im Juni 2025 jedoch als rechtswidrig auf. Das Gericht bestätigte zwar verfassungswidrige Einzelaktivitäten, sah die Voraussetzungen für ein Vereinsverbot aber als nicht erfüllt an, da diese für das Magazin nicht „prägend“ genug gewesen seien. Das Schreiben der Clubcommission berücksichtigt diese spätere Gerichtsentscheidung nicht.
Eine zweifelhafte Quelle
Ein Video von der Kunstveranstaltung, das Compact TV veröffentlichte, wurde auf Indymedia aufgegriffen, einer offenen Veröffentlichungsplattform. „Seit Corona ist die Musikbrauerei fester Veranstaltungsort der neurechten Szene in Berlin“, heißt es dort. In dem Beitrag wird außerdem behauptet: „Wie der Rest der Schwurbler hat sich auch der Besitzer Jens Reule Dantas weiter radikalisiert.“
Die Clubcommission führt diesen Artikel in einem Schreiben vom 15. Januar 2026 als Quelle für eine der Reule Dantas vorgeworfenen Pflichtverletzungen des Leitbilds an – dabei beobachtet der Verfassungsschutz Indymedia selbst als „gesichert linksextremistische Bestrebung“.
Im Leitbild des Vereins heißt es: „Hass, Hetze und Vorurteile haben bei uns keinen Platz, ebenso wenig wie zum Beispiel Antisemitismus, Klassismus, Rassismus, Sexismus und Rechtsextremismus.“ Reule Dantas fragt sich, warum nicht „Extremismus“ im Allgemeinen verurteilt wird.
Kritik für die Berichterstattung von Compact TV hatte zumindest auch er selbst übrig: „Sie haben ein provokantes und überspitztes Video für ihre Zuschauer zusammengeschnitten.“ Er habe daraufhin dem Verlag von Jürgen Elsässer ein Filmverbot erteilt: „Sie haben meine Gutmütigkeit ausgenutzt“, sagt Reule Dantas. Die Türen der Musikbrauerei würden jedoch weiterhin offen bleiben: „Sie dürfen nur nicht filmen.“
Weiter verweist die Clubcommission auf ein Konzert der Band Drudensang im Oktober 2025. Die Band weist demnach „mehrfach dokumentierte Verbindungen zur rechtsextremen Musikszene“ auf. Als Beispiele nennt der Verband die Teilnahme am Eternal Hate Fest, einem jährlich in Tschechien stattfindenden Musikfestival der National-Socialist-Black-Metal-Szene (NSBM), sowie eine frühere Kooperation mit dem Plattenlabel Dominance of Darkness Records, das auf Extreme-Metal-Musik spezialisiert ist.
Reule Dantas wirft dem Verband eine „Unterstellung“ vor. Die Clubcommission setze sich nicht inhaltlich mit dem Programm der Musikbrauerei auseinander. In seinen Räumen seien zu keinem Zeitpunkt Gewaltaufrufe oder menschenverachtende Äußerungen gefallen.
Musikalisch und inhaltlich fokussiert sich die Band Drudensang vor allem auf bayerisches Brauchtum, Perchten- und Krampus-Kulte sowie Folklore. Eine offizielle Einstufung als „rechtsextrem“ durch Verfassungsschutzbehörden liegt nicht vor. Die Band veröffentlicht mittlerweile über das Label Folter Records und tritt regelmäßig auf Metal-Festivals auf; die von der Clubcommission angeführte Zusammenarbeit mit Dominance of Darkness Records reicht zurück bis mindestens 2020. „Ich wusste nicht, dass sie Tierskelette aufstellten. Ich finde persönlich so etwas sehr geschmacklos, aber es bedient halt das Genre der Death-Metal-Kultur“, sagt Reule Dantas zur Veranstaltung in der Musikbrauerei.
Kritik aus den eigenen Reihen
Gleichzeitig verweist der Betreiber auf die wirtschaftliche Seite seines Geschäfts: „Es ist ein freier Kapitalmarkt, als Unternehmer muss ich auch daran denken“, sagt er. Im vergangenen Jahr sei zum Beispiel die Grundsteuer von 5000 auf 20.000 Euro gestiegen, dazu würden hohe Energiekosten ihn unter Druck setzen.
Etwa vier Kilometer entfernt von der Musikbrauerei sitzt Sascha Disselkamp in seinem Sage Club in der Köpenicker Straße 20. „In den bald 30 Jahren seit Bestehen der Berliner Clubcommission kann ich mich nicht daran erinnern, dass schon mal jemand ausgeschlossen wurde“, sagt er und rückt seine schwarze Lederjacke zurecht.
Zur Jahrtausendwende gründete er die Clubcommission unter dem Leitmotiv einer Plattform, „wo alle Kulturbetreibenden dieser Stadt sich miteinander vernetzen können“. Vor eineinhalb Jahren verließ er den Vorstand. Grund sei die ausbleibende Solidarität nach dem 7. Oktober 2023 gewesen, auch mit Blick auf die Nova-Festival-Veranstalter und deren Verbindungen nach Berlin.
Sascha Disselkamp, Mitgründer der Berliner Clubcommission, in seinem Club Sage
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
In den letzten Jahren habe sich der Lobbyverband zudem stark verändert. Disselkamp zufolge betreibt ein Großteil der Mitglieder im Vorstand heute zum Beispiel keinen eigenen Club. „Die meisten im Vorstand wissen gar nicht, was es bedeutet, einen Club zu leiten“, sagt der Sage-Betreiber.
Die Clubcommission verwaltet zudem Landesmittel: zuletzt bis zu 650.000 Euro jährlich für Clubkultur und Verband, unter anderem für den Tag der Clubkultur, sowie den Schallschutzfonds der Wirtschaftsverwaltung mit einem Ansatz von zuletzt rund einer Million Euro im Jahr. 2025 stand der Kulturetat unter Kürzungsdruck; der Verband hat sich öffentlich dagegen gestellt.
„Ich möchte weder die Programme noch überhaupt die Existenz von Clubs und auch nicht der Clubkommission davon abhängig machen, ob uns die jeweilige Regierung unterstützt oder nicht – deswegen bin ich kein Freund von staatlicher Subvention“, sagt Disselkamp dazu. Einen bedeutsamen Einfluss auf die Ausrichtung des Verbands sehe er dennoch nicht.
„Auf keinen Fall ein Rechtsextremer“
Disselkamp kann sich noch gut an ein persönliches Gespräch zwischen Reule Dantas und der Clubcommission im September 2024 erinnern, als er noch Vorstandsmitglied war. Etwa ein Jahr zuvor hatte der Verein eine anonyme E-Mail erhalten – einen Absender nennt das Schreiben vom 15. Januar nicht –, in der die Musikbrauerei als „Treffpunkt der rechtsoffenen, verschwörungsideologischen Szene“ bezeichnet wurde.
„Wir waren zwei, drei Stunden da, uns wurde der ganze Laden gezeigt, und nach allem, was Jens [Reule Dantas] da gesagt hat, war für mich glasklar: Wir haben es hier nicht mit einem Rechtsextremen zu tun. Auf keinen Fall“, sagt Disselkamp und lehnt sich zwischen einem zur Discokugel umgebauten Betonmischer und einem alten roten BVG-U-Bahn-Wagen zurück. Die schwierige wirtschaftliche Lage von Reule Dantas habe er als Unternehmer gut nachvollziehen können.
Und was ist zum Beispiel mit Drudensang? Darf die Band einfach so auftreten? Die Auftritte der Band sind laut Disselkamp „von der Freiheit der Kunst“ gedeckt. Es fehle ihm an Informationen, dass es sich dabei um eine „rechtsradikale“ Band handeln würde. Und hat die Freiheit eigentlich Grenzen – wo würde Disselkamp eine rote Linie ziehen? „Bands wie Störkraft oder früher auch die Böhsen Onkelz empfand ich immer als sehr bedrohlich. Wenn Jens diese Bands dort spielen lassen würde, fände ich das schon hart.“
„Was ich am meisten bedauere, ist, dass sich der Spirit geändert hat“, sagt anschließend der Gründer der Berliner Clubcommission und blickt auf die jahrzehntelange Geschichte des Interessenverbands zurück. „Diese Lust am Leben, das Glücklichsein über das Freisein – das hat sich verdüstert.“
Ein Ausschluss hätte für die Musikbrauerei und ihren Betreiber schwere Folgen: „Das ist so, als hätte ein unabhängiges Gremium entschieden, dass dieser Laden nicht zu besuchen ist“, sagt Disselkamp.
„Es ist Rufmord“, sagt dazu Reule Dantas im Keller seiner Musikbrauerei und knallt dabei einen Zeitungsartikel der Berliner Morgenpost vom November vergangenen Jahres auf den Tisch. „Querdenker-Treff Musikbrauerei – Clubcommission äußert Sorge bei Rauswurf“, lautet der Titel. Im Artikel schilderte Marcel Weber, erster Vorsitzender des Interessenverbands, eine bestehende Angst, ins Visier „rechter Medien“ und „Akteure“ zu geraten, wenn sich der Verein für einen Ausschluss entschieden hätte. „Wir sind ein öffentlicher Verein, der eine Adresse hat“, erklärte Weber. „Wir wissen jetzt schon, dass es richtig schlimm sein wird.“
Reule Dantas steht jetzt vor seinem „Bierschloss“, über seinem Kopf leuchtet das Aushängeschild mit der Aufschrift „Ufo Sound Systems“. Er werde rechtlich gegen den Ausschluss vorgehen, sagt der Toningenieur, bevor er sich verabschiedet.
Transparenzhinweis: Der Autor hat im Jahr 2024 (und damit vor dem im Streitfall relevanten Zeitraum) ein Künstlergespräch im Rahmen einer früheren IAFF-Veranstaltung in der Musikbrauerei unentgeltlich moderiert. An den von der Clubcommission beanstandeten Events des Jahres 2025 war er nicht beteiligt.
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