Als Anja Niedringhaus 2005 für ihre Bilder aus dem Irakkrieg den Pulitzerpreis erhielt, als erste deutsche Fotografin, wurde sie berühmt – und spätestens als sie im April 2014 an einem Checkpoint in der afghanischen Provinz von einem Polizisten erschossen wurde, zu einer Legende. Aber sie ist weder ein Robert Capa gewesen, der Draufgänger, der Kollegen kritisierte, wenn sie nicht nah genug ans Geschehen gingen, und dann selbst durch eine Landmine ums Leben kam. Noch war sie ein James Nachtwey, der sich mit dem Sendungsbewusstsein eines Heiligen zwischen den Fronten bewegte und sich für unsterblich hielt. Im Grunde, hatte Anja Niedringhaus sogar einmal gesagt, sei sie gar keine Kriegsfotografin. Was nicht stimmte.

Nur zeigte sie die andere Seite des Kriegs. Nicht die Gefechte, die Explosionen, den Pulverdampf und zerfetzte Leiber, sondern das, was der Krieg mit den Menschen anstellt. Mit denen, die kämpfen, und mit denen, die alles verloren haben. Auf den Porträts ihrer vielen Presseakkreditierungen sieht man sie stets lachen. Aber ihre Bilder aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt, vom Balkan über Kuwait, den Irak und Libyen, Israel und Gaza bis Pakistan und Afghanistan, geben selten Grund zu Optimismus; im Gegenteil. Wenn es ein Resümee ihrer Arbeit gibt, dann dieses: Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Die sieben Bände ihres Gesamtwerks belegen es auf fast jeder Seite.
Wie zur Unterstützung findet sich unter einer Aufnahme aus Jerusalem die Absichtserklärung von Condoleezza Rice, „im Laufe des kommenden Jahres“ ein Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina zu erreichen. Die damalige amerikanische Außenministerin sagte das im November 2007, ergänzt um die Bemerkung, es gebe „keine Garantie für einen Erfolg“. Die Formulierung scheint wie ein Wasserzeichen durch die Aufnahmen von Anja Niedringhaus hindurchzuschimmern.
Horror im Superlativ
In einem war sich die Bildjournalistin indes sicher: dass mit Bomben und Panzern kein Frieden geschaffen werden könne. Bisweilen fügte sie lakonisch hinzu: auch nicht mit Fotografien. Trotzdem arbeitete sie unverdrossen. Oft dort, wo sich der Horror im Superlativ präsentierte. Vier Jahre lang harrte sie während des Jugoslawienkriegs in Sarajevo aus, wo sie sich ihre Basis im Keller einer Pizzeria eingerichtet hatte, ebenso lang lebte sie in Bagdad, als dies die „gefährlichste Stadt der Welt“ war. Sie scheint sich überwiegend in der Hölle herumgetrieben zu haben. Meist auf eigene Faust, einmal nur, in Falludscha, „embedded“ in einem Konvoi der amerikanischen Armee.

Wer also war diese Anja Niedringhaus? Die Angaben in dem mehr als 1300 Seiten umfassenden Bücher-Set mit fast ebenso vielen Fotos sind knapp: erste Aufnahmen mit zwölf, erste Aufträge der „Neuen Westfälischen“ mit siebzehn. Während des Studiums Texte und Fotos fürs „Göttinger Tageblatt“. Das war Ende der Achtziger. Als sie sich bei der Deutschen Presse-Agentur auf einen Ausbildungsplatz bewarb, stellte man sie kurzerhand beim internationalen Partner, der Europäischen Presseagentur, fest an. Sie blieb zwölf Jahre, bevor sie 2002 zu Associated Press wechselte, um auch aus Krisenregionen jenseits Europas berichten zu können.
Humanismus statt Sensation
Nach ihrem Tod mit achtundvierzig Jahren fanden sich in ihrem Nachlass mehr als 600.000 Aufnahmen. Das zeugt von Leidenschaft – zumal bei einer Agenturfotografin, die selten in Bildstrecken dachte, sondern täglich Einzelbilder liefern sollte, die ebenso für den „Lauterbacher Anzeiger“ taugen mussten wie für die Titelseite von „Newsweek“. Einige gingen um die Welt, darunter die Aufnahme von George W. Bush in Bagdad, wie er seinen Soldaten an Thanksgiving Truthahn serviert. Aber das waren nicht die Bilder, die sie suchte. Getrieben von einem tief verspürten Humanismus fand sie ihre Bilder dort, wo zwischen Kampfhandlungen oder inmitten von Schlachtfeldern mit Ritualen des Alltags Sehnsucht gestillt und Geborgenheit simuliert wurde. Heile Welt freilich will man das nicht nennen.

War sie ausnahmsweise nicht unterwegs, lebte Anja Niedringhaus zurückgezogen in einem ehemaligen Forsthaus im Norden Hessens. Ihre Wohnung blieb seit ihrem Tod unverändert. An den Wänden hängen Urkunden ihrer Auszeichnungen. Auf Regalen steht Nippes. Und über einer Stuhllehne hängt wie ein Memento Mori eine kugelsichere Schussweste. Aber in ihrem Werk spielt der Tod kaum eine Rolle. Vielmehr konzentrierte sie sich auf den Kampf ums Überleben. Dabei unterschied sie selten zwischen Angreifern und Verfolgten, sondern betrachtete alle gleichermaßen als Opfer. Ob sie auf der Flucht waren oder einsam in voller Montur über eine Ödnis wachten. Sie halte das fest, damit es nicht vergessen werde, schrieb sie und wählte für sich den Begriff der Zeitzeugin. Ihr großes Thema war das Leid der Menschen, doch sie verzichtete auf Aufnahmen, die schwer zu ertragen sind. Von einem Erlebnis so grausam, dass sie die Kamera zur Seite legen musste, sagt sie nur: „Ich habe wieder zu rauchen begonnen.“ Zynismus blieb ihr fremd.
Dass Anja Niedringhaus auch eine großartige Sportfotografin gewesen ist, geriet angesichts ihrer Kriegsberichterstattung in Vergessenheit. Die Olympischen Spiele, Fußballmeisterschaften und Wimbledon mögen für sie so etwas wie ein Ausgleich gewesen sein. Das Schöne dort sei, schrieb sie, dass es immer ein Ende gebe. Leidenschaftlich widmete sie sich den Siegern im Augenblick des Jubels – und mag dabei auch selbst so etwas wie Erlösung empfunden haben. Weil die Aufnahmen in den sieben Büchern nicht chronologisch, sondern thematisch und nach Regionen sortiert sind, ist diesen Bildern ein eigener Band gewidmet – mit lauter Szenen des Triumphs.
Vielleicht sollte man Anja Niedringhaus als Porträtfotografin bezeichnen. Auch die Auswirkungen der Kriege spiegelt sie vor allem in Gesichtern. Sie scheint sich den Menschen so rücksichtsvoll genähert zu haben, dass sie oft übersehen wurde, geradeso, als sei ihr der Fotoapparat zur Tarnkappe geworden. Womöglich hat es auch geholfen, eine Frau zu sein. Unbekümmert fotografierte sie weiter, als ein libyscher Rebell wie besessen vor ihrer Kamera schrie, andererseits scheuten sich Männer nicht, vor ihr in Tränen auszubrechen. Nicht zuletzt Kindern widmete sie viel Aufmerksamkeit und zeigte sie beim Spielen zwischen Trümmern, aber auch wie zerbrochen unter der Last eines bitteren Lebens. Es wäre nicht verkehrt, die sieben Fotobände als eine Enzyklopädie der Mimik zu bezeichnen, die über die sieben Basisemotionen nach Paul Ekman weit hinausreichen. Nach Bildern ohne Menschen jedenfalls muss man bei Anja Niedringhaus lange suchen. Ihnen galt ihre Aufmerksamkeit, nein: ihre Liebe.
Anja Niedringhaus: „Photography“. Hrsg. von Gide Niedringhaus. Steidl Verlag, Göttingen 2026. Sieben Bände im Holzschuber, 1308 S., Abb., geb., 385,– €.