Boom bei Energiegemeinschaften reißt nicht ab – woran das liegt

Stromversorgung

Boom bei Energiegemeinschaften reißt nicht ab – woran das liegt

Die Zahl der Energiegemeinschaften hat sich seit 2024 mehr als verdoppelt. Doch es fehlen Speicher – und mancherorts Windkraft, wie das Beispiel Thalgau zeigt

Michael Ortner

Arbeiter montieren Photovoltaikmodule auf einem Flachdach bei sonnigem Wetter in Purbach am Neusiedler See. Im Hintergrund sind Wohnhäuser und blauer Himmel zu sehen.
Photovoltaik-Module spielen für Energiegemeinschaften eine große Rolle: Sie liefern dezentral Ökostrom.

Karl Oberascher darf man getrost als Pionier bezeichnen. Der heute 68-Jährige gründete nicht nur die Grünen-nahe Bürgerliste "Team für Thalgau", sondern auch die erste kommunale Energiegemeinschaft des Landes Salzburg – gegen die Bedenken einer ÖVP-Mehrheit. "Die Grünen haben es in einer schwarzen Gemeinde immer schwer, wenn sie mit ihren Vorschlägen kommen", erzählt Oberascher, Vizebürgermeister der 6300 Einwohner-Gemeinde. Außer seiner Fraktion interessierte sich damals niemand dafür. Doch er blieb hartnäckig.

Im Juli 2022 ging die Erneuerbaren Energiegemeinschaft (EEG) Thalgau mit 19 Verbrauchern an den Start – als erste kommunale EEG im ganzen Bundesland. Heute zählt sie 150 Mitglieder. "Wir versuchen alle gemeindeeigenen Dachflächen zu nutzen", sagt Oberascher. Nun stehen vom Gemeindeamt über die Volksschule bis zum Seniorenwohnheim Photovoltaikanlagen, die die Gebäude mit Ökostrom versorgen. Die Flachgauer Gemeinde beschritt damals unbekanntes Terrain. Heute erweist sich die Entscheidung als Segen. Und Thalgau zeigt im Kleinen, was in ganz Österreich mittlerweile ein boomender Trend ist: Energiegemeinschaften.

Erneuerbare Energiegemeinschaften sind Zusammenschlüsse von Privatpersonen, Gemeinden und Betrieben, um gemeinsam Energie aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft zu produzieren. Das Ziel ist, die lokal erzeugte Energie gemeinschaftlich zu verwenden. EEG können ihre eigenen Stromtarife festlegen. Mitmachen kann jeder Haushalt, egal, ob auf dem Dach eine PV-Anlage installiert ist oder nicht. Für Privatpersonen zahlt es sich in erster Linie finanziell aus. Sie sparen die Netzkosten, die etwa 30 Prozent der Gesamtkosten der Stromrechnung eines Haushalts ausmachen. Zudem erhalten sie steuerliche Erleichterungen, wie etwa die Befreiung von der Elektrizitätsabgabe und vom Erneuerbaren-Förderbetrag. Die Ersparnis beim Strom beträgt laut dem Obmann derzeit 3,07 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

Unabhängiger von Preisschwankungen

Antrieb ist laut Oberascher aber nicht nur ein finanzieller Vorteil, sondern ein gewisses Mindset. Die Gemeinschaft ist als gemeinnütziger Verein organisiert. Soziale und ökologische Aspekte spielen für die Menschen eine entscheidende Rolle: Sie machen sich unabhängiger von Energiekonzernen. Zudem leistet man einen Beitrag zum Klimaschutz. "Die Menschen gehen bewusster mit Energie um", sagt Oberascher. Viele erfahren über ihre Nachbarn oder Verwandte von dem Konzept und steigen ein. Ein Trend, der anhält.

In Österreich hat sich die Zahl der Erneuerbaren Energiegemeinschaften von 2024 bis heute auf mehr als 6400 verdoppelt. Eine halbe Million Österreicher nimmt aktiv an einer Energiegemeinschaft teil. "Die Strompreiskrise 2022 war sicher ein Grund für das Wachstum, ebenso wie die Unsicherheiten am Strommarkt und der enorme Ausbau der Photovoltaik", sagt Katja Hoyer, Pressesprecherin des Klima- und Energiefonds. Neben den EEG gibt es auch 5000 sogenannte Gemeinschaftliche Erzeugungsanlagen, wo die Energie etwa von den Bewohnern eines Mehrparteienhauses gemeinschaftlich erzeugt und genutzt wird, und 1100 Bürgerenergiegemeinschaften, die nicht auf einen räumlichen Bereich begrenzt sind. Energiegemeinschaften gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, wobei Gründungen im ländlichen Raum wesentlich häufiger sind.

Zu Beginn sei alles ein enormer juristischer Aufwand gewesen, erzählt Oberascher. Inzwischen sei die Umsetzung deutlich einfacher. 66 PV-Anlagen liefern derzeit grüne Energie. Sie können 150 Haushalte in Thalgau versorgen. "Wir können ein Drittel des von den Teilnehmern benötigten Stromes über das Jahr gesehen liefern", sagt Oberascher. Die zwei Wasserkraftwerke fallen aufgrund des Niedrigwassers derzeit nicht ins Gewicht. Sie sind grundsätzlich aber eine sinnvolle Ergänzung für den regional produzierten Strommix. "Idealerweise wird der PV-Strom zu Mittag in Warmwasser umgewandelt. Den Strom aus Wasser- oder Windkraft kann ich auch in der Nacht einspeisen", sagt der Energieexperte Christof Sumereder vom Institut für Energie- und Umweltmanagement an der FH Joanneum in Kapfenberg.

Ruf nach Speicher und Windkraft

Die heißen Sommermonate lieferten bisher sehr viel Sonnenstrom. Zu viel. "Wir haben einen Überschuss. Wir bräuchten wesentlich mehr Verbraucher, um den Strom wegzubringen", sagt Oberascher. Deshalb fordert er Batteriespeicher, um den untertags produzierten Strom einzuspeichern. Er könnte in der Nacht etwa für die kommunale Straßenbeleuchtung verwendet werden. Oberascher fordert auch den Ausbau der Windkraft. Bis jetzt dreht sich in Salzburg kein einziges Windrad. Bei zwei Standorten laufen die konkreten Planungen für Windparks, einer davon befindet sich in der Nähe von Thalgau. 14 Windräder sind am Standort geplant, sie könnten rund 80.000 Haushalte mit Strom versorgen "Wir als EEG drängen massiv darauf, dass wir uns an einem Windrad beteiligen können", sagt Oberascher. Der Windstrom wäre für die Energiegemeinschaft eine optimale Ergänzung bei Nacht und in den Wintermonaten. Und Karl Oberascher hätte wieder Pionierarbeit geleistet. (Michael Ortner, 13.8.2026)

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