Boom im Chip-Sektor: Die Mitarbeiter erhalten Boni, wie sie nicht einmal bei Banken üblich sind
Der niederländische Chip-Maschinenhersteller ASML will die verschnupfte Belegschaft mit einem grosszügigen Aktienbeteiligungsprogramm bei Laune halten. Aber im Vergleich zu dem, was in Korea abgeht, wirkt es europäisch bescheiden.
23.07.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

ASML ist ein zentraler Akteur im globalen Chip-Sektor, hat sich personalpolitisch jüngst aber verhauen.
Michel de Heer
Breit aufgesetzte Bonusprogramme waren bisher stärker im Dienstleistungssektor verbreitet als in der Industrie. Aber der Boom der Chip-Industrie stellt die alten Verhältnisse auf den Kopf: Nun kreieren Unternehmen aus dem Halbleitersektor Bonusprogramme, die weit über das hinausgehen, was man von Banken kennt.
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Auffällig ist, was das niederländische Unternehmen ASML vor wenigen Tagen angekündigt hat. Alle 44 000 Angestellten sollen gleichsam Mitbesitzer des Hightech-Unternehmens werden. Sie bekommen ein Aktienpaket im Umfang von 20 000 Euro zugesprochen. Allerdings mit einer Bedingung: Um wirklich in den Besitz der Titel zu gelangen, müssen sie der Firma bis zum 1. Januar 2030 die Treue halten.
ASML stösst Mitarbeiter vor den Kopf
ASML ist ein zentraler Akteur im globalen Halbleitersektor. Ohne die Maschinen der Niederländer, die pro Stück bis zu 400 Millionen Euro kosten, können TSMC, Samsung oder Intel keine Hochleistungs-Chips fertigen.
Diese Monopolstellung hat ASML zum wertvollsten Unternehmen Europas gemacht. Die Börsenkapitalisierung liegt bei 590 Milliarden Euro – und die Aktie nahe beim Allzeithoch.
ASML-Vertreter geben sich wortkarg, wenn man danach fragt, warum die Angestellten ausgerechnet jetzt mit einem so grosszügigen Bonusprogramm beglückt werden. Das sei ein Zeichen der Wertschätzung, heisst es allgemein.
Dabei gäbe es einige konkrete Erklärungen für die Aktion des Managements. So hat sich das ASML-Management jüngst ein Imageproblem eingehandelt – und das zu einem höchst ungünstigen Zeitpunkt.
Im Januar hatte ASML bekanntgegeben, dass man 1700 Stellen streichen werde. Als Begründung gab die Führung an, dass die Matrix-Organisation nach Jahren starken Wachstums zu kompliziert geworden sei. Man benötige weniger Manager und wieder mehr Ingenieure.
Der Stellenabbau kontrastierte allerdings mit den Rekordgewinnen von ASML und kam deshalb in der Öffentlichkeit sowie bei der Belegschaft sehr schlecht an. So gesehen, hatte die ASML-Führung bei den Mitarbeitern tatsächlich etwas gutzumachen.
Ein «goldener Käfig» für die Angestellten
Aber das dürfte nicht der einzige Grund sein, warum sich das Management für ein grosszügiges Bonusprogramm entschieden hat. Die Firma benötigt trotz dem angekündigten Stellenabbau dringend mehr Personal. Das Geschäft läuft infolge des KI-Booms heiss.
In Eindhoven hat sich ASML deshalb Landreserven gesichert, um dort Büros und Produktionsstätten für zusätzlich 20 000 Angestellte zu bauen. Ausreichend Spezialisten zu finden, ist allerdings schwierig, im Heimmarkt und anderswo in Europa.
Die Mitarbeiter am geschäftlichen Erfolg zu beteiligen, soll daher wohl auch helfen, Angestellte zu halten und neue zu gewinnen. ASML baue einen goldenen Käfig, sagt Jesse van Roeden von der Gewerkschaft De Unie.
Zumal ASML global um Mitarbeiter wetteifert, und in diesem Rennen bei weitem nicht am grosszügigsten ist. Spektakulär ist das Bonusprogramm, das der Halbleiterproduzent Samsung DS im Mai angekündigt hat.
Angesichts der riesigen Gewinne, welche die koreanische Firma erzielt, hatten die Angestellten auf einen grösseren Anteil am Kuchen gedrängt. Sie drohten gar mit einem 18-tägigen Streik, was im global eng vernetzten Halbleitersektor Turbulenzen ausgelöst hätte.
Um dieses Szenario zu verhindern, machte das Management den Angestellten unter der Vermittlung der Regierung ein weitreichendes Zugeständnis: 10,5 Prozent des Betriebsgewinns sollen in den kommenden 10 Jahren in ein Aktienbeteiligungsprogramm fliessen. Zugutekommen wird es allen Angestellten.
In Südkorea geistern nun Berechnungen herum, wonach Samsung-Mitarbeiter für das laufende Geschäftsjahr mit einem Bonus von durchschnittlich 509 Millionen Won (280 000 Franken) rechnen dürfen. Ob solche Berechnungen zutreffen oder nicht: Die Spannbreite der Boni wird riesig sein, so dass eine Durchschnittszahl nur beschränkt etwas aussagt. Selbstverständlich wird etwa ein Entwickler viel mehr bekommen als ein Fabrikarbeiter.
Koreas Notenbank sieht Inflationsrisiken wegen der Boni
Gleichwohl hat die Dimension des Beteiligungsprogramms Proteste von Aktionären ausgelöst. Sie stört, dass das Füllhorn, das sich über die Angestellten ergiessen könnte, von der Generalversammlung nicht bewilligt worden ist. Daher sei es nicht gesetzeskonform.
Über Samsung schwebt allerdings nicht nur die Streikdrohung, sondern auch der Markt. SK Hynix, der andere grosse Chip-Hersteller Südkoreas, hat nämlich bereits 2025 ein überaus grosszügiges Beteiligungsprogramm aufgesetzt. Infolge der unerwartet hohen Gewinne scheint es aber gerade komplett aus dem Ruder zu laufen.
Das wiederum beunruhigt die koreanische Notenbank. Warnend wies sie darauf hin, dass die hohen Boni von Samsung DS und SK Hynix die Inflation anheizen könnten.
ASML plant derweil, die Aktionäre um eine Kapitalerhöhung zu bitten oder bereits zurückgekaufte Titel für das Bonusprogramm zu verwenden. Beide Varianten seien möglich, sagt ein Vertreter der Firma.
Und was passiert, wenn die Aktienboni gleichsam die letzte Zuckung eines Spekulationsbooms sind, der vor 2030 zusammenbricht? Immerhin hat der Chipsektor in den vergangenen 40 Jahren heftige Zyklen erlebt. Man habe Signale von Kunden, dass sie noch viele neue Maschinen benötigten, heisst es von Mitarbeitern der Firma.
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