Chemische Unterwerfung: Ein Muster sexueller Gewalt rückt in das Bewusstsein der Schweizer

Das Opfer betäuben, vergewaltigen, die Tat filmen: Ein Muster sexueller Gewalt rückt in das Bewusstsein der Schweizer

Weltweit werden immer mehr Fälle von «chemischer Unterwerfung» publik. Nun beschäftigt dieses Phänomen auch die Schweizer Justiz. Der Kriminologe Dirk Baier ordnet es ein.

23.07.2026, 05.30 Uhr

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Illustration Ida Götz / NZZ

Die Taten, welche die Staatsanwaltschaft einem 57-jährigen Ex-Grossrat aus dem Kanton Aargau vorwirft, sorgen für Entsetzen. Der Beschuldigte soll seiner früheren Partnerin, ihrer minderjährigen Tochter und einer weiteren Frau heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht und sie über einen längeren Zeitraum sexuell missbraucht haben.

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Mutter und Tochter haben sich im «Tages-Anzeiger» dazu geäussert. Allein die Tochter soll vierzigmal sediert und während rund vierzig Stunden missbraucht worden sein. Die Taten flogen erst auf, als die Mutter ihren damaligen Partner aus dem Zimmer der Tochter kommen sah, durchgeschwitzt und mit einer Kamera in der Hand. Der Beschuldigte bestreite «wesentliche Teile der gegen ihn erhobenen Vorwürfe», sagen seine Anwälte gegenüber der Zeitung.

Laut SRF, dem die Anklageschrift vorliegt, soll der Beschuldigte das dritte Opfer sogar 140 Mal betäubt und sexuell missbraucht haben. Erst später soll sich der Beschuldigte gemäss Anklage auf die Mutter und die damals 15-jährige Tochter konzentriert haben. Bis das Bezirksgericht Baden ein Urteil gefällt hat, gilt die Unschuldsvermutung.

Bis anhin hörten die Schweizerinnen und Schweizer von ähnlichen Verbrechen aus dem Ausland. Jetzt hat auch die Schweiz mutmasslich einen solchen Fall. Es dürfte nicht der einzige sein.

Der bekannteste Fall mit einem ähnlichen Muster ist der von Gisèle Pelicot aus Frankreich. Dominique Pelicot betäubte seine Frau über Jahre hinweg und bot sie anderen Männern auf einem Internetforum zur Vergewaltigung an. Dominique Pelicot filmte die Taten und bewahrte die Videos wie Trophäen auf. Seine Frau hatte zwar Beschwerden wegen der vielen Betäubungsmittel. Weder sie noch ihre Ärzte fanden jedoch heraus, was der Grund für ihre Schläfrigkeit und Verwirrtheit war. Erst im Jahr 2020 wurden die Taten aufgedeckt. Das Gericht verurteilte Dominique Pelicot im vergangenen Jahr zu zwanzig Jahren Haft. Auch fünfzig Mittäter wurden bestraft.

Der Prozess sorgte in Frankreich und darüber hinaus für Aufsehen. Der Begriff «soumission chimique» etablierte sich als umgangssprachliche Bezeichnung dieses Kriminalitätsphänomens. Auf Deutsch: «chemische Unterwerfung».

Auch in Deutschland sorgte ein Fall im Jahr 2024 für Aufsehen. Zwei Journalistinnen des deutschen Nachrichtensenders NDR deckten ein internationales Online-Vergewaltigungsnetzwerk auf. Auch ein Mann aus Niedersachsen war Mitglied. Er hatte seine Frau fünfzehn Jahre lang wiederholt sediert und vergewaltigt. Im Netz tauschte er sich mit Gleichgesinnten über geeignete Medikamente und Drogen für die Betäubung aus und teilte Videos und Bilder seiner Taten mit ihnen. Mittlerweile gehen die Polizeien mehrerer Länder gegen das Netzwerk vor. Die Nutzer sind über die ganze Welt verteilt.

Grosses Dunkelfeld

Die Fälle sind verschieden. Aber drei Sachen haben sie gemeinsam: Die Täter betäuben die Opfer mit sedierenden Substanzen, nehmen an ihnen sexuelle Handlungen vor und filmen die Tat. Laut der Staatsanwaltschaft Baden weist auch der Fall aus dem Kanton Aargau diese drei Merkmale auf. Häufen sich solche Fälle?

Dirk Baier ist Professor für Kriminologie an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er sagt: «Es ist schwierig abzuschätzen, ob diese Fälle nun öfter publik werden oder ob es wirklich mehr Fälle gibt.» Offizielle Zahlen oder Schätzungen gibt es dazu nicht.

Der Kriminologe Dirk Baier.

Der Kriminologe Dirk Baier.

CH Media

Laut Baier gibt es jedoch ein deutliches Täterprofil: Der Täter ist meistens männlich, dominant und hat ein starkes Verlangen nach Kontrolle. Oft ist er bereits mit einem dominanten Vater aufgewachsen, so dass er schon in der Kindheit und Jugend eine negative Einstellung gegenüber Frauen entwickelt hat; er sieht sie eher als Gegenstand denn als Individuum. Hinzu kommen von der Norm abweichende sexuelle Vorlieben. «Heute gibt es nicht mehr von dieser Art Männer als früher», sagt Baier. Das spreche eher gegen eine Häufung der Fälle.

Was sich aber verändert habe, sei der Umgang mancher Opfer mit dem Erlebten, sagt Baier. Insofern habe Gisèle Pelicot etwas bewirkt, indem sie an die Öffentlichkeit gegangen sei und Frauen ermutigt habe, Anzeige zu erstatten, wenn sie Opfer von sexueller Gewalt geworden seien.

Auch die mittlerweile Achtzehnjährige, die vom Aargauer Ex-Grossrat mutmasslich missbraucht worden ist, wandte sich an die Medien, noch bevor der Prozess begonnen hat: «Warum sollte ich mich schämen, mich zu zeigen? Er muss sich schämen für das, was er mir angetan hat.» Damit erinnert sie stark an Pelicots Aussage: «Die Scham muss die Seite wechseln.»

Zudem hat die Schweiz in den letzten fünfzehn Jahren das Netz von Opferhilfestellen ausgebaut. Für ein Opfer von sexuellem Missbrauch ist es einfacher, eine solche Anlaufstelle aufzusuchen, als direkt zur Polizei zu gehen. Die Opfer lassen sich zuerst beraten und können sich überlegen, ob sie eine Anzeige erstatten wollen. Brigitte Kämpf, Co-Leiterin der Fachstelle Frauenberatung sexuelle Gewalt, sagt gegenüber SRF, es gebe ein stärkeres Bewusstsein, dass man sich auch melden könne, wenn man nicht ganz sicher sei. Das sei wichtig und gut.

Dennoch sind auch heute die meisten Opfer nicht bereit, Anzeige zu erstatten, wenn sie sexuelle Gewalt erfahren haben. Laut dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann werden nur etwa 12 Prozent der sexuellen Gewaltdelikte angezeigt. Oftmals schämen sich die Opfer, sind stark abhängig vom Partner oder werden von der Familie beeinflusst. Viele befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird und ein Strafverfahren aussichtslos ist, zu lange dauert und emotional belastend ist.

Das Dunkelfeld bei solchen Fällen bleibt also weiterhin gross. Zumal es aufgrund der Betäubungen auch lange dauern kann, bis die Opfer überhaupt realisieren, dass ein Missbrauch stattfindet.

Gleichgesinnte über das Netz

Was den Fall im Aargau von vielen anderen Fällen unterscheidet – zumindest nach jetzigem Kenntnisstand – ist, dass der mutmassliche Täter die Videos mit den Taten nicht im Internet weiterverbreitet hat. «Typischerweise spielt die Community von Gleichgesinnten auf Online-Netzwerken eine grosse Rolle für solche Täter», sagt Baier.

Für diesen Tätertyp seien die Präsentation der Videos und die Reaktionen darauf in der Regel wichtig. «Es gibt aber auch Täter, die das Risiko, solche Videos hochzuladen, zunächst scheuen. Oft wird das Bedürfnis nach Anerkennung aber irgendwann stärker», sagt Baier.

Das Internet hat es solchen Tätern einfacher gemacht, sich zu vernetzen. Während es vor ein paar Jahren solche Foren noch vorwiegend im Darknet gab, sind die Täter heute vermehrt auch auf Messenger-Diensten wie Telegram aktiv. Die Zugänglichkeit hat sich also stark verbessert. Und auch Drogen und Medikamente für die Betäubung ihrer Opfer beschaffen sie seit ein paar Jahren ganz einfach über soziale Netzwerke wie Instagram oder Tiktok.

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