Mein Lieber, azizam, ich sitze auf dem Stuhl am Fenster, mein Laptop steht auf dem kleinen Tisch für zwei in meiner Wohnung in Teheran. Die Wohnung ist ziemlich dunkel, und meine Katze Mi springt hin und her, weil sie einem Insekt hinterherjagt. Manchmal wird sie ganz aufgeregt, stellt sich auf die Hinterbeine und streckt die Pfoten nach oben, um es zu fangen. Durch das Fenster kommt relativ kühle Luft herein.
Ich war bei meiner Freundin H. zu Hause im Stadtzentrum. Dorthin fuhr ich mit einem Taxi. Unterwegs sah ich ein großes zerstörtes Gebäude, das aussah, als wäre es explodiert. Der Fahrer, vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, sagte: „Das haben sie im Krieg getroffen. Das war ein Gebäude der Revolutionsgarden.“ Ich sagte: „Gut, dass die Kriegstechnologie inzwischen so weit ist, dass man punktgenau treffen kann. Stell dir vor, es wäre zur Zeit des Iran-Irak-Krieges gewesen – da hätten sie ganz Teheran bombardiert.“ Dann kamen wir darauf zu sprechen, dass er Shorts trug. Eine Frau hatte ihn darauf hingewiesen, dass er auf der Straße keine Shorts tragen dürfe, und er hatte ihr geantwortet: „Gnädige Frau, steigen Sie aus meinem Auto aus. Ich selbst bin erst im Monat Farvardin aus dem Gefängnis entlassen worden.“
Soll ein Mensch sterben, damit sich etwas verändert?
Bei den Protesten um Mahsa Amini war er festgenommen worden. Er hatte vier Jahre im Gefängnis verbracht, bis er vor einigen Monaten durch eine Begnadigung des neuen Obersten Führers freikam. Er war in der Nähe des Ortes gewesen, an dem ein bewaffneter Basidschi getötet wurde – jener bekannte Basidschi, mit dem Demonstranten aneinandergeraten waren und der dabei ums Leben kam. Vier Menschen erhielten in diesem Verfahren Todesurteile. Er sagte: „Das Einzige, was ich getan habe, war, mit dem Fuß gegen die Kopfhörer des Basidschi zu treten, die auf dem Boden lagen, und sie wegzukicken. Genau das hat auch die Kamera aufgenommen.“
Dann sagte er, er sei bei Straßenprotesten immer in der ersten Reihe gewesen. Aber inzwischen wolle er mit all dem nichts mehr zu tun haben und sei sogar froh, dass er während der Proteste im Monat Dey, also im Januar, im Gefängnis gewesen sei. Ich fragte: „Warum?“ Er sagte: „Wegen meiner Eltern.“ Dann deutete er auf drei junge Frauen, die an einer roten Ampel vor unserem Auto die Straße überquerten, und sagte mit fester Stimme: „Als Mann würde ich mir den Hals durchschneiden, wenn mich die Haare dieser Mädchen erregen würden.“

Wir kamen vor H.s Haus an. Gegenüber liegt eine große Galerie. Junge Frauen und Männer mit unterschiedlichen Frisuren und in freizügiger Sommerkleidung standen rund um die Galerie, rauchten und unterhielten sich. Der Fahrer sagte: „Ich bin jetzt im Ruhestand. Und dir sage ich dasselbe: Wir können nichts verändern. Egal, wie viele wir sind – die andere Seite hat Waffen, und unsere Hände sind leer. Also leb auch du dein Leben und bleib in der Mitte. Weder auf dieser noch auf jener Seite.“ Ich sagte: „Aber ich glaube, die Bewegung ‚Frau, Leben, Freiheit‘ war anders. Ihr Ergebnis kann man mit eigenen Augen sehen. Dein Kampf war also keineswegs wirkungslos.“ Er sagte: „Auch ich hätte zum Tode verurteilt werden können. Willst du damit sagen, ein Mensch soll sterben, damit sich etwas verändert?“ Ich sagte: „Wie auch immer – ich für meinen Teil bin dir dankbar.“ Dann verabschiedete ich mich von ihm.
Parolen auf Papier, verteilt auf der großen „Straße der Revolution“
H. und ihr Freund aus dem Süden kamen mir entgegen. Wir hatten einen schönen Abend. Wir sprachen über Reisen. H.s Freund reist mit dem Fahrrad. Zuletzt, vor anderthalb Jahren, hatte er sein Fahrrad in Afghanistan zurückgelassen und war nach Iran zurückgekehrt. Er war auf der Flucht vor den Taliban. Danach arbeitete er im Palmenhain seiner Familie im Süden Irans und natürlich gemeinsam mit H. in ihrem Reiseveranstaltungs-Projekt. H. hat sich verändert. Es ist, als wäre ihr Körper jünger, ihre Seele aber reifer geworden.
Wir sprachen über dich. Sie erzählte, wie sehr du ihr geholfen hast. Und sie fragte, ob du vorhast, nach Iran zu kommen. Ich sagte, nein, solche Pläne hättest du nicht. Sie sagte, es gebe Möglichkeiten, sich zu erkundigen, ob eine Einreise nach Iran für dich sicher sei. Ich sagte, ich glaube nicht, dass das das Problem ist. In Wirklichkeit hast du kein Interesse daran, nach Iran zu kommen, und außerdem reist du nicht mit dem Flugzeug. Sie fragte mich: „Und du? Willst du nicht nach Deutschland fliegen und ihn besuchen?“ Ich sagte: „Vielleicht tue ich es. Aber ich habe es nicht besonders eilig damit.“ Sie sagte: „Ich finde, ihr habt eine seltsame Freundschaft. Ihr habt euch noch nie gesehen und seid euch trotzdem so nah. Und außerdem glaube ich, vielleicht solltet ihr euch niemals persönlich begegnen.“
Zu dritt aßen wir eine große Mango und blickten aus dem Fenster auf die Galerie gegenüber. Ich denke noch immer an den Fahrer. In diesen Tagen jährt sich der Tod von Mahsa Amini zum vierten Mal. Ich erinnere mich an diese Zeit und das Brennen meiner Augen vom Tränengas, den Geruch der Speisen in dem Restaurant, in dem ich arbeitete, und daran, wie ich mit blauen und roten Filzstiften Parolen auf Papier schrieb und sie auf den Gehwegen der großen „Straße der Revolution“, in der Metro und auf Autos verteilte. Und ich erinnere mich an meine Reise nach Tiflis.
Ich war dorthin gefahren, um meine deutsche Freundin A. zu sehen. Ich schenkte ihr eine weiße Tasche, auf deren Ecke auf Persisch stand: „Frau, Leben, Freiheit“. Eines Abends nahm sie mich mit in den ersten Club meines Lebens, und ich erinnere mich, wie ein französischer Junge uns auf Chacha, den georgischen Schnaps, einlud. Zu dritt hoben wir unsere Chacha-Shots und sagten: „To the revolution of Iran.“ Dort sprach ich zum ersten Mal das Wort Revolution aus und tanzte bis zum Morgen. Als wir uns verabschiedeten, winkte A. und rief mit ihrer charakteristischen zarten, leisen Stimme: „Don’t forget the revolution.“ Nein, ich habe sie nicht vergessen, denn ich selbst bin zur Revolution geworden.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.