Chronischer Mangel an Abwehr-Raketen: Was kann die Ukraine gegen die russischen Angriffe jetzt noch tun?
Stand: 15.08.2026, 16:00 Uhr
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Westliche Abfangraketen-Bestände sind erschöpft, die russische Produktion hingegen ungebremst: Wie die Ukraine dennoch standzuhalten versucht.
Die ukrainische Luftverteidigung befindet sich in einer Krise, die mit operativem Einfallsreichtum allein nicht zu bewältigen ist. Zwar fängt sie weiterhin regelmäßig 80–90 % aller anfliegenden Marschflugkörper (z. B. Ch-101) und Shahed-Drohnen ab, doch eine wesentliche Schwäche wird immer deutlicher: Im Juli 2026 feuerte Russland 180 ballistische und quasi-ballistische Raketen auf ukrainisches Staatsgebiet ab – 143 davon durchbrachen die Abwehr unbeschadet. Und im August 2026 spitzte sich die Lage weiter zu. Von 52 registrierten Angriffen konnte lediglich ein einziger erfolgreich abgefangen werden.

Die Ursache liegt in einer fundamentalen Asymmetrie: Russland produziert schätzungsweise zwischen 700 und 800 ballistische Lenkwaffen pro Jahr. Dabei wurde die operative Schwerpunktsetzung gezielt in das Hochgeschwindigkeitsspektrum verlagert – mit der bodengestützten Kurzstreckenrakete Iskander-M, der luftgestützten Kinschal sowie dem hypersonischen Zirkon als Kernarsenal. Demgegenüber stehen westliche Lieferketten, die hochkomplexe Abfangflugkörper nicht annähernd in vergleichbarer Stückzahl bereitstellen können. Die letzte bestätigte Lieferung von PAC-3-MSE-Raketen im März 2026 umfasste lediglich 35 Einheiten – und erforderte bereits erhebliche diplomatische Anstrengungen des deutschen Verteidigungsministeriums.
Kurzfristige Lösungsansätze: So schützt sich die Ukraine ohne Patriot-Raketen
Da nicht alle anfliegenden Raketen abgefangen werden können, setzt die Ukraine auf mehrere Gegenstrategien gleichzeitig. Zunächst zur physischen Absicherung: Der staatliche Energieversorger Ukrenergo hat wichtige Infrastruktur systematisch geschützt – mit Sandsäcken und Schutznetzen gegen Splitter, mit Betonwänden gegen Drohnenangriffe und mit unterirdischen Bunkern für besonders kritische Anlagen. Ersatzteile werden an geheimen Standorten gelagert, damit zerstörte Leitungsknoten schnell wieder in Betrieb genommen werden können. Rüstungsbetriebe verlagern ihre Produktion zunehmend in ehemalige Bergwerksstollen und unterirdische Anlagen.
Parallel dazu setzt Kiew auf technische Frühwarnsysteme. Das Netzwerk Zvook – ukrainisch für „Klang“ – besteht aus zehntausenden einfacher Mikrofoneinheiten, die an Masten und Leitungen im ganzen Land befestigt sind. Sie erkennen anhand des Motorgeräusches, ob sich eine feindliche Drohne oder Rakete nähert, und leiten diese Information binnen weniger Sekunden weiter.
So können teure Radaranlagen ausgeschaltet bleiben und werden nicht zum Ziel russischer Angriffe. Das Störsystem Pokrova ergänzt diesen Ansatz, indem es die Satellitennavigation feindlicher Flugkörper gezielt außer Gefecht setzt. Drohnen und Marschflugkörper verlieren so ihre Zielgenauigkeit und verfehlen häufig ihre Ziele oder stürzen ab.
„FrankenSAM“ und günstige Abfangraketen entlasten knappe Bestände
Um die wenigen verbliebenen Hochleistungsraketen nur dort einzusetzen, wo sie wirklich nötig sind, hat die Ukraine ein abgestuftes System entwickelt.
- Das sogenannte FrankenSAM-Programm kombiniert in Zusammenarbeit mit den USA alte sowjetische Abschussrampen mit modernen westlichen Raketen. Diese umgebauten Systeme übernehmen die Abwehr langsamerer Drohnen und Marschflugkörper.
- Für den Kampf gegen die zahlreichen russischen Angriffsdrohnen setzt die Ukraine zudem auf sehr günstige Kleinraketen (unter 45.000 Dollar, mittelfristig angestrebt: 10.000 bis 20.000 Dollar). Das estnische Unternehmen Frankenburg Technologies produziert gemeinsam mit polnischen und tschechischen Partnern einen nur etwa 60 Zentimeter langen Flugkörper, der Ziele bis zu zwei Kilometer Entfernung bekämpfen kann. Stückzahlen von bis zu 10.000 Einheiten pro Jahr und Nachfolgemodelle sind geplant.
- Daneben greift die Ukraine gezielt russische Raketenabschussbasen, Munitionslager und Produktionsstätten an – um Russland zu zwingen, seine eigene Luftabwehr im Hinterland zu stärken statt an der Front. Wesentlich wäre es dafür, wenn Elon Musk die Starlink-Sperre über russischem Territorium aufheben würde.
Mittelfristige Perspektive: Projekt „Freyja“ und weitere Systeme
Eine spürbare Verbesserung der Lage ist frühestens ab 2027 zu erwarten. Ein Rüstungswerk in Deutschland wird dann im Auftrag mehrerer NATO-Staaten neue Patriot-Abfangraketen fertigen – zwischen 120 und 170 Stück pro Jahr. Das ist gemessen an den russischen Produktionszahlen wenig, schafft aber erstmals einen verlässlichen Nachschub statt des bisherigen Rückgriffs auf schwindende Lagerbestände.

Gleichzeitig erhält die Ukraine vier Einheiten des neuen französisch-italienischen Luftabwehrsystems SAMP/T NG, das mit einer modernisierten Abfangrakete ausgestattet ist und auch schnell manövrierende Raketen präziser bekämpfen kann. Frankreich liefert dafür noch 2026 zwei ältere Systeme als Überbrückung.
Auf längere Sicht arbeiten Deutschland und die Ukraine gemeinsam an einem eigenen Raketenabwehrsystem namens Freyja. Es soll ein bewährtes deutsches Radar mit einer ukrainischen Abfangrakete verbinden – und dabei vollständig auf US-amerikanische Bauteile verzichten, die strengen Exportbeschränkungen unterliegen.