Erdgas aus Nigeria? Welche Risiken die neue Mega-Pipeline birgt

komplexe Industrieanlagen vor blauem Himmel

Moderne Gasverflüssigungsanlage auf Bonny Island, River State, Nigeria.

(Bild: Williamson ijeh (cropped), shutterstock)

Gas aus Nigeria auch für Europa: Trotz ECOWAS-Zustimmung ist die Finanzierung der Pipeline unklar. Das Gas fließt frühestens 2031.

Westafrikas Staats- und Regierungschefs haben im Mai 2026 in Freetown eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte des Kontinents offiziell abgesegnet: Die Nigeria-Marokko-Atlantik-Gaspipeline soll künftig 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr von Nigeria entlang der Atlantikküste bis nach Marokko transportieren und von dort nach Europa weiterleiten.

Doch ob das Gas tatsächlich jemals fließen wird, ist höchst ungewiss. Die Kosten werden auf 25 Milliarden US-Dollar geschätzt, die Bauzeit soll mehr als 20 Jahre betragen, und die Finanzierung ist nach wie vor nicht gesichert.

Wer leiht NNPC und ONHYM 25 Milliarden US-Dollar?

Das Projekt wird von der Nigerian National Petroleum Company (NNPC) und der marokkanischen Bergbau- und Kohlenwasserstoffbehörde ONHYM gemeinsam geleitet.

Machbarkeitsstudien und technische Planungen sind nach Angaben der Projektbetreiber abgeschlossen. Der Islamische Entwicklungsbank und der OPEC-Fonds für internationale Entwicklung hatten zusammen knapp 60 Millionen US-Dollar für diese Vorstudien bereitgestellt.

Doch wer die eigentlichen Baukosten von 25 Milliarden Dollar tragen soll, bleibt bislang unklar. Konkrete Zusagen gibt es bisher nicht.

Ein Marathon über zwei Jahrzehnte

Die geplante Route der Nigeria-Marokko-Pipeline würde 13 Länder durchqueren: Nigeria, Benin, Togo, Ghana, Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone, Guinea, Guinea-Bissau, Gambia, Senegal, Mauretanien sowie Marokko und Westsahara.

Von den 30 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr ist die Hälfte für die Versorgung der durchquerten westafrikanischen Länder vorgesehen, um Stromerzeugung, Düngemittelproduktion und industrielle Entwicklung zu fördern. Die andere Hälfte soll über die bestehende Maghreb-Europa-Pipeline durch Spanien ins europäische Gasnetz eingespeist werden.

Das Projekt soll in Etappen realisiert werden. Laut Amina Benkhadra von ONHYM werden zunächst Abschnitte gebaut, die Marokko mit Gasfeldern vor Mauretanien und Senegal verbinden, sowie ein Segment zwischen Ghana und der Elfenbeinküste.

Erst danach würde Ghana an Nigerias Gasfelder angeschlossen. Erstes Gas aus den Anfangsphasen wird für 2031 erwartet, die vollständige Fertigstellung nicht vor 2046.

Das Projekt hängt nicht von einer einzigen globalen Investitionsentscheidung ab, denn jedes Segment ist als eigenständiges System konzipiert, um frühzeitig Wert zu schaffen. Denn immerhin leben entlang der Pipeline etwa 400 Millionen Westafrikaner, deren Energiehunger nur wachsen wird.

IEEFA prognostiziert schrumpfende EU-Gasimporte

Europa braucht dagegen immer weniger Erdgas. Zwar haben europäische Regierungen nach dem Wegfall russischer Gaslieferungen großes Interesse an afrikanischen Alternativen bekundet. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis prognostiziert, dass europäische Gasimporte bis 2030 um weitere 25 Prozent zurückgehen werden.

Und aus energiepolitischer Sicht bedeuten Gasimporte nicht zwingend Unterstützung für Pipeline-Infrastruktur. Pipelines binden die Abnehmer langfristig an bestimmte Lieferanten. Flüssiggas (LNG), das per Schiff transportiert wird, bietet – gegen einen Aufpreis – mehr Flexibilität beim Wechsel zwischen verschiedenen Anbietern.

Bisher hat weder die Europäische Kommission noch irgendeine nationale Regierung in Europa feste Zusagen gemacht.

Sicherheitsrisiken und die neue EU-Methan-Verordnung

Selbst wenn die Finanzierung gesichert werden kann, bleiben erhebliche Herausforderungen. Die Sicherheit einer Pipeline, die sich über tausende Kilometer erstreckt, muss durch 13 Länder hindurch gewährleistet werden.

Charles Majomi betont die Bedeutung der Einbindung lokaler Gemeinschaften und den Einsatz von Drohnen zur Überwachung. Auch die politische Stabilität in allen beteiligten Staaten über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten ist aus historischer Perspektive keine Selbstverständlichkeit.

Ein weiteres Problem könnte sich aus den EU-Methan-Vorschriften ergeben, die ab 2030 strenge Grenzwerte für Methan-Emissionen bei Gasimporten vorschreiben. Nigerias Gasproduktion ist derzeit mit extremen Methanemissionen verbunden, was hohe Strafzahlungen nach sich ziehen könnte.

Konkurrenz durch andere Routen

Die Nigeria-Marokko-Pipeline ist zudem nicht das einzige Projekt, mit dem Nigeria seine enormen Gasreserven – nach offiziellen Angaben 206,53 Billionen Kubikfuß – in Wert setzen will. Bereits 2022 unterzeichnete Abuja mit Algerien und Niger ein Abkommen zu einer Trans-Sahara-Pipeline, die nach Europa führen soll.

Zusätzlich plant Algerien eine spezielle Wasserstoff-Pipeline nach Deutschland, die ebenfalls in Konkurrenz zu Erdgasimporten aus der Atlantik-Route stehen könnte. Und schließlich exportiert Nigeria bereits heute Flüssiggas über die Nigerian Liquefied Natural Gas Company – ein flexibleres Geschäftsmodell als Pipeline-Transport.

Traum oder Illusion?

Ob die Nigeria-Marokko-Atlantik-Gaspipeline jemals Realität wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab: Finanzierung, europäische Gasnachfrage, politische Stabilität, Sicherheit und Konkurrenz durch alternative Projekte.

Die politische Unterstützung durch ECOWAS und die abgeschlossenen technischen Studien sind positive Signale. Doch ohne konkrete Finanzierungszusagen und angesichts der schrumpfenden Gasnachfrage in Europa bleibt das Projekt vorerst eine Vision.

Doch selbst im optimistischsten Szenario wird das erste Gas frühestens 2031 fließen. Sollte es jedoch dazu kommen, würde dies die wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung Nigerias und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft schlagartig vervielfachen.