Frankfurter Buchmesse 2026: Clara Lösel stellt „Ich dachte, sowas fühl nur ich" vor

Clara Lösel freut sich in diesen Wochen über jede Minute Wartezeit. Denn die Jung-Lyrikerin aus Gießen findet seit dem Erscheinen ihres ersten Gedichtbands im April vergangenen Jahres kaum noch Zeit für eine Pause. Befeuert von ihren regelmäßig auf Instagram und Tiktok veröffentlichten und millionenfach aufgerufenen Videos schoss der Band „wehe du gibst auf“ ganz nach oben auf mehreren Bestsellerlisten. Lösel stellte Auszüge aus den 101 Gedichten bei Lesungen vor, Tausende Fans hörten ihr zu.

Kurz nach dem Jahreswechsel zierte sie den Titel der Kundenzeitschrift der Drogeriekette dm – nicht das übliche Forum für Autoren, aber ein Magazin mit enormer Reichweite. Es folgten eine weitere Tour und eine gemeinsam mit Bosse eingesungene Single, der Musiker und seine Bandkollegen holten die Mittzwanzigerin auch auf die Konzertbühne. Reihenweise PR-Termine bei Fernsehsendern und anderen Medien nicht zu vergessen. Und zwischendrin schrieb die Poetry-Künstlerin, Tochter eines Lehrerehepaars, zahlreiche neue Texte. Denn nach dem Erstling ist vor dem zweiten Buch. Zumal sich der erste Band phänomenal verkauft.

Neues Lösel-Video mit mehr als 3,6 Millionen Aufrufen

War „wehe du gibst auf“ bis vergangenen Spätherbst gut 50.000 Mal über die Ladentheke gegangen, so hat der Verlag mittlerweile rund 200.000 Exemplare abgesetzt, wie das Management der Autorin sagt. Es fühle sich jedenfalls surreal an, sagt Lösel. Gleiches gelte für die 3,6 Millionen Aufrufe eines ihrer neuesten Videos. Um solche Zahlen zu fassen, stelle sie sich stets die Menschen mit dem Buch oder dem Smartphone in der Hand vor. Dabei machte sich ihr Vater, der sein Geld als Staatssekretär in Hessen verdient, anfangs Gedanken, ob die zuerst eingeplante Druckauflage von 1000 nicht viel zu hoch gegriffen sei, wie Clara Lösel mit einem Lächeln erzählt. Die Bedenken kamen nicht von Ungefähr: Mancher Lyriker berichtet, mit 500 verkauften Bändchen schon glücklich zu sein. Allerdings hatte der Vater die Rechnung ohne Social Media und die Hunderttausenden Follower seine Tochter gemacht.

Für den Nachfolgeband hat Lösel den Verlag gewechselt. Sie publiziert nun bei Rowohlt. Ihr zweiter Band erscheint pünktlich zur Frankfurter Buchmesse am 6. Oktober. „Ich dachte, sowas fühl nur ich“ lautet der Titel. Angesichts des Erfolgs von „wehe du gibst auf“ greift Rowohlt hoch ins Regal: Der Verlag bringt den Nachfolgeband mit einer Startauflage von 100.000 heraus. Wie der Erstling enthält er 101 Texte und verspricht abermals „Clartext“, wie die Autorin augenzwinkernd formuliert, und Beiträge, „die dein Leben verändern“. Wer das erste Buch nicht kennt, mag das als etwas vollmundig bis größenwahnsinnig erachten. Wer aber um die Reaktionen von Leserinnen und Lesern auf Lösels Texte weiß, stört sich daran keineswegs.

Poetry Artist zwischen Druck aus dem eigenen Kopf und Vorfreude

Vor der Markteinführung eilt die Autorin wieder von einem Termin zum nächsten. Wie fühlt sie sich? „Zwischen Druck auf der einen Seite und Vorfreude auf der anderen Seite“, sagt sie während eines Spaziergangs am Schiffenberg über Gießen, für den sie neben einer weiten hellblauen Jeans ein hellgraues Shirt und eine wuchtige braune Lederjacke trägt. Der Druck komme aus ihrem Kopf. „Das war schon immer so. In der Schule habe ich in jeder Klausurenphase viel geheult, aber gute Noten geschrieben“, berichtet sie. An der Uni sei es im Lehramtsstudium genauso gewesen. Ein gutes Omen für die neue Veröffentlichung? Ja, meint Clara Lösel und zieht das Wort in die Länge. Allerdings gebe es einen Unterschied.

Bevor ihr Erstling erschienen sei, habe sie keine Erwartungen gehabt – „also wirklich gar keine“, versichert sie. Nun aber sei „wehe du gibst auf“ immer noch in der „Spiegel“-Bestsellerliste ganz weit oben. „Und ich verstehe es nicht“, sagt die junge Frau mit den wie in ihren Videos zu einem Zopf gebundenen gelockten blonden Haaren. Zumal Amazon und Thalia das Buch in ihren Rennlisten nicht mehr oben führten. Und in den Buchläden falle der Band nicht mehr gleich ins Auge. Bleibt im Grunde nur, dass Leserinnen und Leser den Band empfehlen oder verschenken, wie sie meint. Mit diesem Gedanken kann sie aber gut leben. Denn: „Der Buchhandel hat es ja oben hingestellt, weil die Leute es wollten.“

Der Verkaufserfolg, die ausgebuchten Shows, die ganzen Termine, heute hier, morgen dort – das alles hat seinen Preis. Bisweilen wacht die junge Autorin nach eigenem Bekunden in einem Hotel auf und weiß im ersten Moment nicht, wo sie ist. Das klingt nach dem von Jackson Browne in „The load-out“ besungenen Tour-Phänomen. Clara Lösel hat auch Fotos gepostet, auf denen sie am Tropf hängt und eine Infusion bekommt. „Das ist alles so schnell gekommen, dass ich manchmal das Gefühl habe, ich komme nicht ganz hinterher mitzuwachsen“, gibt sie freimütig zu.

Nur ein kleiner vertrauter Kreis kennt schon die neuen Texte

Bisweilen sende ihr Körper ihr dann Zeichen. Sie glaube an ein Zusammenspiel von Körper und Psyche und wisse um das Risiko eines Burnouts. „Und daher achte ich auch mittlerweile bewusster auf einen guten Ausgleich zwischen Privatleben und Beruf.“ Allerdings gebe ihr eine Tour ungeheuer viel Kraft: „Es würde mir ganz dolle fehlen.“ Sie habe zwar schon immer zuerst für sich geschrieben, als ihr noch niemand zugehört habe. Jetzt aber schreibe sie eben zum ganz großen Teil für Menschen. Da sei es wichtig, das Publikum auch zu sehen und eine Verbindung zu ihm aufbauen zu können.

Erfolgreich: Clara Lösel mit ihrem neuen Buch
Erfolgreich: Clara Lösel mit ihrem neuen BuchThorsten Winter

Bei allem Stress muss sie noch kreative Momente finden. Denn ihre Fans vom weiblichen Teenager bis zum Rentner freuen sich auf neue Texte. Und diese Momente findet Clara Lösel regelmäßig. Zu diesem Zweck setzt sie sich nicht sklavisch zu den immergleichen Zeiten an ihren Schreibtisch. Ideen für Zeilen springen sie demnach vielmehr an. „Manchmal renne ich aus der Dusche raus und schreibe was auf“, hat sie einmal gesagt. Oder spontan in der S-Bahn in Berlin, wo sie mittlerweile die meiste Zeit des Jahres lebt, wobei sie oft in der alten Heimat weilt. Und was sie schreibe, müsse zuerst ihr gefallen. Doch weiß sie um die Erwartungen an sie. So hat sie ihre neuen Texte einem kleinen Kreis zum Lesen gegeben – ihrer Familie und Freunden. Menschen, die ihr ehrlich die Meinung sagten. Die Rückmeldungen haben sie erfreut. „Das hilft mir.“

Selbst etwas Abstand von ihrem Buch habe sie während eines zweiwöchigen Urlaubs gefunden. Danach mit einem „frischen Auge“ auf die Texte zu schauen, habe ihr ebenfalls gutgetan. „Als ich sie gelesen habe, dachte ich: ist doch gar nicht so schlecht“, erzählt sie lachend. Sie fühle sich damit wohl, diese Beiträge zu posten und mit ihnen auf die Bühne zu gehen. In der zweiten Oktoberhälfte wird es wieder so weit sein. Clara Lösel tritt in Berlin, Hamburg und Köln auf. Nach Hessen verschlägt es sie erst wieder nächstes Jahr. Für den 30. Mai ist ein Auftritt in der Frankfurter Jahrhunderthalle terminiert.

Zuvor aber wird sie während der Frankfurter Buchmesse „Ich dachte, sowas fühl nur ich“ vorstellen. Im Sinn hat sie aber schon mehr: Sie habe letztens während einer Bahnfahrt gemerkt, ein schon gut gefülltes Dokument zu haben. Gedachter Arbeitstitel: Buch drei.