Ihre Mutter verstarb durch einen Unfall: Jetzt setzt Joseline sich für Verkehrssicherheit ein

Ein sonniger Mittwoch in Düren. In einem Seminarraum der Polizei sitzen junge Schülerinnen und Schüler der Fachoberschule Polizei. Sie alle wollen später Polizistinnen und Polizisten werden – Menschen helfen, für Sicherheit sorgen und Unfälle verhindern. Beim Crash Kurs NRW lernen sie heute, was auch dazu gehört: mit den Folgen schwerer Verkehrsunfälle umzugehen.

Auf der Leinwand startet ein Video. Namen von Unfallopfern, daneben ihr Alter. Die meisten noch jung. Dazu Fotos von zerstörten Autos, ein Motorrad unter einer Leitplanke. Ein Handy und eine zerquetschte Cola-Dose in der Mittelkonsole eines Autowracks. "Viele dieser Unfälle wären vermeidbar gewesen", sagt Polizeihauptkommissarin Claudia Nöthen-Becker. "Das sind alles Unfälle, die im Kreis Düren passiert sind. Und Unfälle passieren nicht einfach – ihnen geht fast immer ein Verstoß voraus."

Genau solche Geschichten sind es, die der Crash Kurs NRW erzählt. Das Präventionsprogramm zeigt jungen Menschen, welche Folgen ein kurzer Moment der Unachtsamkeit haben kann. Alleine 2025 registrierte die Polizei in NRW mehr als 650.000 Verkehrsunfälle. Viele davon verursacht durch Ablenkung, überhöhte Geschwindigkeit oder Alkohol.

Eine Geschichte hinter der Statistik

6. August 2011: Ein heißer Sommertag. Plötzlich schlägt das Wetter um, es fängt an zu regnen. Maximilian Jankowski ist als Rettungssanitäter eingesetzt, als ein Unfall in der Einsatzstelle reinkommt. Auf einer Landstraße ist ein Auto gegen einen Baum geknallt. Vor Ort versucht Jankowski gemeinsam mit seinen Kollegen, die Frau wiederzubeleben. "Wir haben dann aber gemerkt, dass alle medizinischen Maßnahmen hier nicht funktionieren und dass sie sterben wird."

Die 29-Jährige verstirbt noch vor Ort. Warum sie die Kontrolle über ihr Auto verlor, kann später nicht eindeutig geklärt werden. "Unser Einsatz war an dieser Stelle eigentlich getan. Aber irgendwo im Kreis Düren war dann eine Stelle, wo nichts mehr ist, wie es vorher war. Da fehlte jetzt jemand", sagt Jankowski.

Auch vor Ort: Polizeihauptkommissar Marco Mock. Er ist damals im Nachtdientst eingesetzt. An der Unfallstelle erfährt er den Namen der Verstorbenen und erfährt, dass es seine ehemalige Nachbarin ist. "Meine Gedanken gingen die ganze Zeit nur darum, dass sie eine kleine Tochter hat."

Dann steht er vor einer der schwersten Aufgaben seines Berufs: Er muss ihrer Familie mitteilen die Nachricht überbringen. "Der Vater war völlig aufgelöst. Wie konnte das passieren? Wie bringe ich meiner Tochter bei, dass die Mama jetzt tot ist?", erzählt Mock. Er rät dem jungen Mann, seiner Tochter eine Geschichte zu erzählen. Dass ihre Mutter der hellste Stern am Himmel ist und dass sie immer nach oben schauen kann, um mit ihr zu sprechen. "Man steht dabei und weiß nicht, was man sagen soll. Aber man möchte auch helfen."

Wenn aus Verlust eine Botschaft wird

Auf der Leinwand ist inzwischen ein Familienfoto eingeblendet: Zwei Frauen und ein Mann stehen am Wasser, lächeln in die Kamera. Eine der Frauen hält ein Kind im Arm. "Das Mädchen bin ich. Das war meine Mutter, die verunglückt ist." Joseline Bremter ist inzwischen 18 Jahre alt. Seit sie 17 ist, erzählt sie in den Crash Kursen von ihrem Leben, seit sie mit drei Jahren ihre Mutter verlor.

Deswegen steht sie heute hier. Um Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die jedem im Alltag passieren können. "Jeder ist manchmal abgelenkt. Aber an eurem Leben hängt nicht nur ihr. Wenn ihr sterbt, bekommt ihr es nicht mit. Die Hinterbliebenen haben für immer daran zu knabbern." Worte, die bei den angehenden Polizisten und Polizistinnen hängen bleiben. "Ich hab auf jeden Fall eine Gänsehaut. Weil man alles aus erster Hand gehört hat," findet der 17-jährige Leevi Walther. Der Crash Kurs hat ihm nochmal vor Augen geführt, was die Arbeit als Polizist auch bedeuten kann.

Drei Menschen, eine Geschichte

Nach dem Seminar kommen Joseline Bremter, Maximilian Jankowski und Marco Mock nochmal zusammen. "Ich habe heute erst erfahren, dass die Geschichte von dem Stern von Marco kommt", erzählt Bremter. Nach dem Unfall hatten die beiden jahrelang nichts voneinander gehört. Durch den Crash Kurs haben sie wieder zueinander gefunden. Im Crash Kurs erzählen sie jetzt zu dritt die Geschichte einer Mutter, Ehefrau, Tochter und Nachbarin. Und zeigen, dass hinter jedem Unfall nicht nur ein Einsatz steht - sondern Menschen, deren Leben danach nicht mehr dasselbe ist.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Warum persönliche Geschichten junge Polizisten erreichen, 18.07.2026, 14:31 Uhr