Das große WM-Finale: Spaniens perfekte Maschine muss Argentiniens Rausch zähmen

WM 2026

Das große WM-Finale: Spaniens perfekte Maschine muss Argentiniens Rausch zähmen

Spanien gegen Argentinien, das ist nicht nur Lamine Yamal gegen Lionel Messi, sondern sehr viel mehr. Es ist ein Duell gegensätzlicher Philosophien und Zuschreibungen

Martin Schauhuber Andreas Hagenauer

Zwei Fußballspieler auf einem beleuchteten Stadionrasen, von hinten gezeigt, vor einer großen FIFA-Weltmeisterschaftstrophäe. Der linke Spieler trägt ein argentinisches Trikot mit der Aufschrift „Messi“ und der Nummer 10, der rechte ein spanisches Trikot mit der Aufschrift „Lamine Yamal“ und der Nummer 19. Im Hintergrund ist ein großes Stadion sichtbar.
Es kann nur einen geben. Lionel Messi, der Titelverteidiger, und Lamine Yamal, der Herausforderer, greifen nach dem WM-Pokal.

Klappe, die allerletzte. Diesmal wirklich. Mit dem Finale am Sonntag im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey, geht die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 zu Ende. Es ist das 104. und letzte Spiel dieses XXL-Turniers – und naturgemäß das wichtigste. Spanien oder Argentinien: Einer von beiden wird sich am Sonntag zum Weltmeister krönen. Die Finalisten sind keine Überraschung. Auf der einen Seite steht der amtierende Europameister Spanien, auf der anderen Titelverteidiger Argentinien. Klingt vorhersehbar, ist aber keineswegs fad. Denn mit diesen beiden Mannschaften treffen Philosophien, Spielsysteme und Zuschreibungen aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Da ist Spanien, dieses fast schon kühle, unaufgeregte und immens effektive Team von Luis de la Fuente. Nach der Europameisterschaft gleitet es nun auch durch diese Weltmeisterschaft wie ein Kreuzfahrtschiff irgendwo zwischen Palma und Barcelona. Zu souverän präsentierten sich die Spanier bisher, zu wenig konnte sie aus der Balance bringen. Das überraschende 0:0 gegen Kap Verde war ein kurzer, letztlich bedeutungsloser Kursfehler. Spätestens seit der 2:0-Demontage der hoch gehandelten Franzosen im Halbfinale spricht darüber niemand mehr.

Weitwinkelaufnahme eines vollen Stadions in East Rutherford während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Spieler wärmen sich auf dem Spielfeld vor einem Achtelfinalspiel zwischen Brasilien und Norwegen auf. Zuschauer füllen die Ränge, viele tragen gelbe Trikots.
Das WM-Finale steigt im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey.

Wer vor zehn oder fünfzehn Jahren vom spanischen Fußball sprach, der sprach vom Tiqui-Taca, vom perfektionierten Kurzpassspiel. Mittlerweile sind die Iberer vor allem eines: aufregend unaufgeregt. Sie wirken stabil, kontrolliert und defensiv spektakulär unspektakulär. Schnellen Ballgewinnen folgt ein geduldiger und ungemein präziser Spielaufbau.

Spanische Präzision

Die Grundlage dafür ist eine technische Qualität, die ihresgleichen sucht. Ballannahme, Ballbehandlung, Passspiel: Alles wirkt so selbstverständlich, dass einen zwischendurch das Gefühl beschleicht, selbst Spaniens dritter Torhüter sei ein saubererer Fußballer als mancher Star der gegnerischen Mannschaft. Kaum ein Pass gerät zu kurz, kaum ein Ball springt weg. Keine Rutscher. Keine Wackler. Beinahe keine Fehler. Gerade einmal ein Gegentor kassierte die Furia Roja in diesem Turnier. Spanien zeigt Fußball in seiner sportlichen Reinform: präzise, effizient und erfolgreich.

Am ehesten tanzt Lamine Yamal aus der spanischen Reihe. Spaniens Jungstar hat bei der WM zwar erst einmal angeschrieben, ist aber in jeder Sekunde für Feuerwerk gut. Dass er in seinem bisher größten Spiel nun auf Lionel Messi trifft, hat etwas Schicksalhaftes. Argentiniens Lichtgestalt ist 39 und hat eine Epoche geprägt; Yamal ist 19 und steht womöglich am Beginn der nächsten. Auch abgesehen von ihrer außerirdischen Fußballbegabung ist das Duo längst verbunden: 2007 hielt Messi den wenige Monate alten Yamal für ein UNICEF-Fotoshooting in einer Plastikwanne im Camp Nou in Barcelona.

Und damit landen wir bei Argentinien, bei diesem Team, das für viele längst zur Reizfigur des Weltfußballs geworden ist. Vielleicht liegt es am Erfolg. Vielleicht an der bisweilen körperlichen Spielweise oder an manch fragwürdiger Schiedsrichterentscheidung. Argentinien lässt niemanden kalt – sich selbst am allerwenigsten. Keine Mannschaft besitzt einen derartigen Hang zum Drama und zu den Extremen wie die Elf von Lionel Scaloni. Immer wieder musste sie durch turbulente Schlussphasen oder Verlängerungen, immer wieder spielte sie mit den Nerven der eigenen Fans.

Argentinische Emotion

Argentinien stand öfter mit dem Rücken zur Wand, als es ihm selbst lieb war, aber immer wieder zog es sich noch aus der Affäre. Gegen Kap Verde, gegen Ägypten, gegen die Schweiz, gegen England. Die Ausnahme wurde zur Regel – und schuf bei den Spielern genau jene Überzeugung, die sie so gefährlich macht: Man muss beinahe zweimal gegen Argentinien gewinnen, um am Ende wirklich als Sieger vom Platz zu gehen. Denn dieses Team wird von einer emotionalen Intensität getragen, die es im Sport nur sehr selten gibt.

"Seit dem Tag, als mir mein Vater mein erstes Paar Fußballschuhe schenkte, habe ich auf diesen Moment gewartet", sagte Halbfinal-Goldtorschütze Lautaro Martinez unter Tränen. Und dem 23-jährigen Giuliani Simeone brach die Stimme, als er über Messi sprach: "Leo ist 39, er hat alles erreicht, und trotzdem ist er noch auf dem höchsten Level. Deshalb müssen wir alles geben. Wir müssen für ihn und für Argentinien laufen." Für jeden Kicker ist die WM wichtig, doch der Albiceleste scheint sie noch ein bisschen mehr zu bedeuten – und so spielt Lionel Scalonis Team auch.

Die Teamchefs der Finalisten. Lionel Scaloni gibt Argentinien die Richtung vor, Luis de la Fuente weist Spanien den Weg.

Auf der Taktiktafel findet man keinen Grund, warum Spaniens Fußballtechnokraten nicht auch Argentinien die Luft abdrehen sollten. Aber der Rasen ist keine Taktiktafel. Natürlich kann man auch mit Formationen und Einwechslungen erklären, wie ein zahnloses Argentinien plötzlich zur unaufhaltsamen Naturgewalt wird. Da kann man auf Nico González zeigen, der gegen England die linke Seite belebte, oder auf Messis improvisiertes Ausweichen auf den rechten Flügel. Wer aber eine dieser Aufholjagden gesehen hat, weiß: Da passiert mehr als das Verschieben bunter Magneten auf einem Whiteboard. Da entsteht ein Fußballrausch, der bis in die Eingeweide vibriert. Kann man diese Wucht zähmen? Bisher sind Argentiniens Gegner allesamt daran gescheitert – doch wenn es jemand kann, dann Spanien. (Andreas Hagenauer, Martin Schauhuber, 19.7.2026)

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