Stand: 06.09.2026, 23:22 Uhr
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Der AfD-Triumph bei der Sachsen-Anhalt-Wahl hat tiefgreifende Folgen für das Bundesland und ganz Deutschland, sagt Politologe Johannes Hillje – und appelliert an Merz.
Berlin – Die Wahlergebnisse zeichnen sich ab – und damit ein Phänomen: Es gibt einen Graben im Land, und der vertieft sich immer mehr. Die AfD dürfte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei deutlich über 40 Prozent landen. Das wäre ein Zuwachs von fast 24 Prozentpunkten oder mehr im Vergleich zur vorigen Wahl. Der andere Teil der Bevölkerung lehnt die Partei indes ab.

Schon in den Wochen vor der Wahl war spürbar, wie eine Grundspannung Nachbarschaften und ganze Stadtgemeinschaften auseinanderreißt. „In meiner Straße waren es bei der Bundestagswahl 43 Prozent“, berichtete Ingrid Pfennig, die bei „Omas gegen Rechts“ in Magdeburg mitmacht, unserer Redaktion. „Seitdem geh ich durch den Ort und denke: du eher nicht, du vielleicht ja. Das ist kein schönes Gefühl. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn der schöne Uli Ministerpräsident wird.“
„Der schöne Uli“ – so nennen manche hier AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Mit dauerhaftem Grinsen und akkuratem Scheitel marschierte er durch einen aus AfD-Sicht äußerst erfolgreichen Wahlkampf. Sein Credo „wir schreiben Geschichte“ kam offenbar bei vielen an. Die ersten Ergebnistendenzen lösten bei der AfD entsprechend Jubel aus.
Sachsen-Anhalt-Wahl: AfD triumphiert – Grüne als Zünglein an der Waage
Ob die AfD die absolute Sitzmehrheit im Landtag erreicht, ist noch offen – dafür wären 42 Sitze erforderlich. Eine entscheidende Rolle könnten dabei die Grünen spielen, die binnen weniger Wochen von drei Prozent in den Umfragen auf aktuell rund acht bis neun Prozent geklettert sind – das wohl stärkste Ergebnis der Partei im Bundesland. Besonders in der Schlussphase des Wahlkampfs gelang es den Grünen, taktische Wählerinnen und Wähler zu gewinnen, die mit ihrer Stimme einen Ministerpräsidenten Siegmund verhindern wollten. Die Parteiführung auf Bundesebene hatte vorab deutlich gemacht, auch Nichtwähler und Unentschlossene ansprechen zu wollen – eine Strategie, die offenbar aufgegangen ist. „Die Grünen haben stark mobilisiert, auch über ihr Kernmilieu hinaus“, sagt der Berliner Politologe Johannes Hillje im Gespräch mit unserer Redaktion.
Eine AfD-geführte Landesregierung hätte nach Einschätzung Hiljes indes weitreichende Konsequenzen – nicht nur für Sachsen-Anhalt, sondern für ganz Deutschland. Er spricht von einer „Zäsur für die Bundesrepublik“ und warnt: „Setzt die AfD ihr Programm um, dann würde eine illiberale Enklave in Deutschland entstehen.“ Das hieße konkret: Zeitgemäße Familienformen würden zurückgedrängt, Menschen mit Behinderung gesellschaftlich abgewertet und andere Kulturen aus dem öffentlichen Leben weitgehend verdrängt. „Die Bildungs- und Kulturpolitik ist für die Landesebene der größte Hebel für den gesellschaftlichen Umbau und diesen will die AfD maximal nutzen“, so Hillje.
Unabhängig vom finalen Ausgang sei das Ergebnis für Siegmund persönlich ein klarer Triumph. „Siegmund ist nun endgültig der neue AfD-Star“, sagt Hillje. Zugleich zeigt sich, dass Siegmund offenbar bereit ist, Positionen einer Machtperspektive unterzuordnen. „Zehn Minuten nach Schließung der Wahllokale hat Siegmund seine Position zu anderen Parteien geändert. Vorher wollte er nur mit absoluter AfD-Mehrheit regieren, jetzt zeigt er sich kooperationsbereit“, so Hillje.
In der CDU herrschte nach den ersten Prognosen betretenes Schweigen. Dem aktuellen Stand zufolge hat die Partei ihr Ergebnis gegenüber der letzten Wahl in etwa halbiert und kommt derzeit auf rund 18 Prozent. Als ein Grund für den Einbruch gilt die Unzufriedenheit vieler Menschen mit der Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung. Kanzler Friedrich Merz genießt in Sachsen-Anhalt wenig Rückhalt, bei Wahlkampfauftritten im Land hielt er eher Abstand zur Bevölkerung. Gar aus den Reihen der Landes-CDU war zu vernehmen, dass die Bundespolitik der Union dem Wahlkampf eher geschadet habe. „Ein schwacher Bundeskanzler und ein schwacher Ministerpräsident Sven Schulze, das war eine toxische Mischung für den CDU-Wahlkampf“, urteilt Hillje.
BSW als Koalitionspartner keine Option nach Landtagswahl
Ob das BSW die Fünf-Prozent-Hürde überwindet und in den Landtag einzieht, ist noch nicht entschieden. Die Bildung einer Regierung dürfte in jedem Szenario kompliziert werden. Ob die AfD eine Sitzmehrheit erreicht, ist noch offen – sie könnte das Ziel knapp verpassen. Ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen käme nach den bisherigen Zahlen nicht auf eine Mehrheit – selbst wenn die Linke als Unterstützerin hinzukäme, wäre es knapp.
Zieht das BSW in den Landtag ein, ist eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht auszuschließen. Parteigründerin Sahra Wagenknecht hatte sich bereits entsprechend geäußert. Für die übrigen Parteien dürfte das BSW damit als Koalitionspartner nicht infrage kommen. „Ein BSW-Landesverband, der der AfD die Hand ausstreckt, kann kaum ein zuverlässiger Partner für andere Parteien sein“, sagt Johannes Hillje.
Unabhängig davon, wie die Regierungsbildung ausgeht: Die gesellschaftliche Spaltung im Land bleibt. „Man muss leider damit rechnen, dass die Spaltung zunimmt“, sagt Johannes Hillje. Grünen-Chef Felix Banaszak hatte vor der Wahl von tiefen Wunden in der Gesellschaft gesprochen. Wenige Tage vor dem Wahltag hatte er in Haldensleben bei Magdeburg das Gespräch mit AfD-Anhängern gesucht – unsere Redaktion war dabei. Was als lauter Schlagabtausch begann, wurde allmählich zu einem echten Austausch. Ein Video von Ippen.Media, das die Begegnung dokumentiert, schlug bundesweit Wellen. Banaszak sagte unserer Redaktion dazu: „Man muss nicht allem zustimmen, aber ernst nehmen, zuhören und überhaupt eine Ebene wieder entwickeln, das ist wichtig und ich hatte den Eindruck, das funktioniert.“
Hillje appelliert unterdessen an die Bundesregierung: „Sie muss jetzt ein Signal des ‚Wir haben verstanden‘ senden. Eine Möglichkeit wäre, bei der Rentenreform auf die Ostverbände von SPD und CDU zuzugehen.“ Diese hatten unter anderem verlangt, die Reform zu überarbeiten und insbesondere die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren beizubehalten.