Oper ab 14
Das zu kurze Leben der Anne Frank als eindringliche Jugendoper im NEST
Grigori Frids Oper "Das Tagebuch der Anne Frank" wird in der Jugendspielstätte der Wiener Staatsoper zur Schilderung von Angst und Selbstbehauptung
Ljubiša Tošić
Anne Frank ist eine bedeutende Schriftstellerin geworden; nur hat sie ihren Erfolg nicht selbst erleben dürfen. Am 4. August 1944 werden sie und sieben weitere Bewohner und Bewohnerinnen eines Amsterdamer Hinterhauses von der SS entdeckt und deportiert. Die Eltern Otto und Edith Frank, ihre Tochter Margot, die befreundete Familie van Pels mit Sohn Peter und der Zahnarzt Fritz Pfeffer: Sie versuchen in jenem Versteck, das im Juli 1942 in Räumen von Otto Franks Firma in der Prinsengracht 263 eingerichtet worden war, als Juden unentdeckt zu bleiben.
Überlebt hat nur Vater Otto; Anne wurde zunächst nach Auschwitz und dann nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie 1945 ermordet wurde. Vater Otto veröffentlichte nach dem Krieg das Tagebuch seiner Tochter, das Anne zu ihrem 13. Geburtstag bekommen hatte. Das Tagebuch der Anne Frank wurde so zu einem der bedeutenden literarischen Zeitzeugnisse der Folgen der Nazidiktatur.
Im Tagebuch kommuniziert Anne mit ihrer imaginären Freundin Kitty, sucht fantasievoll, sich gleichsam in der Enge selbstbehauptend, so etwas wie Hoffnung zu erschreiben. Die Tagebuchoper von Grigori Frid greift in die persönlichen Aufzeichnungen nicht ein. Sie verdichtet in 21 Episoden den angsterfüllten Alltag zu einer klaustrophoben Grenzsituation. Frids Musik ist so wandlungsvoll wie Annes Situation. Tonal zugängliche Momente wechseln sich mit freitonalen Abstraktheiten ab. Anne singt qualvoll-hoffnungsvoll Charlie Chaplins Song Smile, um plötzlich von düsteren Angstclustern eingeschnürt zu werden.
Behutsame "Graphic Opera"
David Bösch inszeniert das Ganze behutsam als „Graphic Opera“. Rund um Anne, sensibel dargestellt von Olivia Warburton, dominiert ein Bühnenbild, das die Figur mit überdimensionierten Tagebuchseiten umfasst. Die Tagebuchwände dienen auch als Projektionsfläche: Dokumentarisches Filmmaterial, Animationen und Zeichnungen kontrastieren Momente der musikalischen Stille, die jene Anspannung vermitteln, welche geherrscht haben muss. Besonders während einer Razzia der Gestapo, bei der der Schutzraum hinter einem Bücherregal noch nicht entdeckt wurde.
Das Einpersonenstück schildert präzise sehr unterschiedliche innere Erlebnismomente einer jungen Frau, die mit der äußeren Bedrohung zurechtkommen muss. Projizierte Dokumente mit Hitlers gefühlt hündischem Gebell, Hakenkreuze, marschierende, martialische Massen und Detonationen wechseln sich ab mit Erinnerungen an ein unbeschwertes Leben, das Anne nur mehr als unwirkliche Fernerinnerung erscheint.
Vom Dachboden aus gibt es mitunter einen Blick nach außen auf den Himmel, eine Art Frühlingserwachen auf engstem Raum. Das Gefühl von stillstehender Zeit hat dann aber doch eher etwas von Endzeit. Die Oper blättert gewissermaßen im Buch eines nicht ausgelebten, bedrohten Lebens, das die Regie deutlich, beklemmend, aber nicht effekthascherisch gestaltet. Ein 70-Minuten-Musiktheater für Menschen ab 14 Jahren. (Ljubiša Tošić, 18.10.2026)
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