Er ist die Hauptschlagader des Nahverkehrs in Brandenburg: der Regionalexpress 1, der Frankfurt (Oder) mit Fürstenwalde, Berlin, Potsdam, Brandenburg an der Havel und Magdeburg verbindet. Eigentlich soll er im Raum Berlin sogar im 20-Minuten-Takt verkehren. So hatte es der Verkehrsverbund Berlin 2022 versprochen. Doch im Kalender muss man die Tage, an denen das tatsächlich passiert, mit der Lupe suchen. In aller Regel verkehren die Züge nicht nach Plan.
Zwei Stunden von Berlin nach Frankfurt (Oder) – statt einer
Derzeit ist der RE1 von den Bauarbeiten auf der Berliner Stadtbahn betroffen. Zwischen Charlottenburg und Ostbahnhof findet kein Zugverkehr statt. Hinzu kommen in den nächsten Wochen Baumaßnahmen rund um Erkner, die zu massiven Zugausfällen und Ersatzverkehren führen. Wer am Sonntagmittag von Frankfurt (Oder) nach Berlin wollte, wurde von der DB „Navigator“-App auf die Züge der Regionalbahn 36 verwiesen. Dahinter verbirgt sich eine eingleisige Nebenbahn, auf der batterieelektrische Triebwagen von Frankfurt über Beeskow und Storkow nach Königs Wusterhausen rumpeln. Das ist Eisenbahnromantik pur, aber statt einer Stunde zum Berliner Ostkreuz ist man auf dieser Strecke gut zwei Stunden unterwegs.
Deshalb haben die Städte Frankfurt (Oder), Fürstenwalde und Eisenhüttenstadt, der Landkreis Oder-Spree und zahlreiche Institutionen und Wirtschaftsunternehmen der Region in der letzten Woche in einer gemeinsamen Erklärung vor den Folgen der Sperrungen gewarnt. „Die Bauarbeiten dürfen nicht über Monate die Hauptstadtregion, Ostbrandenburg und die polnische Nachbarregion voneinander trennen“, hieß es darin. „Eine sich über Monate hinziehende Vollsperrung hätte täglich unzumutbare Belastungen für zehntausende Berufspendler, Studierende, Schülerinnen und Schüler zur Folge.“ Insbesondere würde dies die wirtschaftliche Entwicklung einer ganzen Region akut gefährden. Doch für 2029 ist genau das geplant: eine grundhafte Sanierung der Strecke zwischen Berlin und Frankfurt (Oder).
„Es herrscht Planungschaos“
Und auch wenn es im Verkehrsausschuss des Brandenburger Landtags kürzlich Signale der DB Infra Go zur Vermeidung einer Vollsperrung gab: Eine Antwort, die die Brandenburger Bundestagsabgeordneten Christian Görke und Isabelle Vandré (beide Linke) am Sonntag aus dem Bundesverkehrsministerium erhielten, spricht eine andere Sprache. Eine Vollsperrung 2029 wird darin nicht ausgeschlossen. „Die genaue Baustellenreihung, die Wahl der Sperrart (Vollsperrung oder eingleisige Sperrung) und Dauer der Sperrungen sind Gegenstand der laufenden Abstimmungen“, heißt es dort. „Nach Angaben der DB AG können bestimmte Arbeiten aus technischen Gründen oder aufgrund arbeitsschutzrechtlicher Anforderungen nicht unter eingleisiger Betriebsführung durchgeführt werden.“ Hierzu zählten speziell Arbeiten an Weichenverbindungen sowie an der Leit- und Sicherungstechnik.
Görke nannte die Antworten der Bundesregierung „ernüchternd“. „Der RE1 ist die wichtigste Schienenverbindung Ostbrandenburgs“, sagte der Bundestagsabgeordnete. „Wer eine monatelange Sperrung plant, muss längst erklären können, wie die Menschen trotzdem zuverlässig zur Arbeit, zur Schule oder zur Universität kommen. Stattdessen herrscht Planungschaos“. Erst werde eine der wichtigsten und meistfrequentierten Bahnstrecken Ostdeutschlands monatelang eingeschränkt und anschließend erkläre die Bundesregierung, sie wisse noch gar nicht, welche Folgen das haben werde. „Verantwortungsvolle Verkehrspolitik sieht anders aus.“
Dabei gäbe es mit der RB36 über Beeskow und der Ostbahn nach Küstrin theoretisch gleich zwei mögliche Ausweichstrecken für die Hauptbahn zwischen Berlin und Frankfurt (Oder). Doch dazu müssten beide Strecken in einem deutlich besseren Zustand sein. Eine Taktverdichtung der RB36 ist derzeit ebenso wenig möglich wie Umleiterzüge über die Ostbahn, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Beide Strecken seien „ausgelastet“. Dagegen würde ein Ausbau der Ostbahn und eine Hochstufung der Strecke in den dringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans möglicherweise helfen.
Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Generationen von Brandenburger Verkehrsministern haben sich darum in der Vergangenheit allerdings vergeblich bemüht. Und auch auf der Ostbahn ist der Verkehr durch Weichenstörungen und fehlende Triebwagen von Chaos geprägt. Die aus der Region stammende CDU-Landtagsabgeordnete Kristy Augustin hat deswegen in der vergangenen Woche ein „sofortiges Handeln“ angemahnt. „Ein weiteres Aussitzen der Situation von allen Beteiligten ist nicht mehr zumutbar.“ Denn der Osten Brandenburgs fühlt sich mittlerweile abgehängt.