Sind Sie auch im Gurken-Game? Oder im Tomaten-Fieber? Bei mir fing es ganz unverfänglich an, und hätte mir noch vor ein paar Jahren jemand gesagt, mit welch aggressiver Attitüde Gemüsegärtner bisweilen unterwegs sind, ich hätte es nicht geglaubt.
Aber fangen wir von vorn an. Alles begann auf einer dieser Pflanzentauschbörsen in Berlin. In einer Kleingartenanlage am nördlichen Stadtrand mickerte auf einer hölzernen Bierbank noch ein verbliebenes Tomatenpflänzchen vor sich hin. Es tat mir leid und ich kaufte es einer Hobbyzüchterin mit schlecht sitzender Dauerwelle und noch schlechter sitzenden Radlerhosen für schmales Geld ab.
Was in den Folgewochen geschah, hätte ich nie für möglich gehalten. Aus einem traurigen Gebilde mit drei Blättchen wurde mit verhältnismäßig wenig Aufwand eine wuchernde Dschungelpflanze, die über und über mit Tomaten vollhing. Das einzige Problem: An der Unterseite der Früchte hatten sich braune Flecken gebildet.
Ich machte nun den ersten Fehler im Gemüse-Game und fragte in meinem Bekanntenkreis herum. Es gibt gerade am Berliner Stadtrand sehr viele Kleingärtner und Hobbyzüchter, denen nichts Grünes fremd ist, die jede Pflanzenkrankheit kennen und auch sonst alles wissen.
Haste aber nich ausjegeizt, wa?
Die Mutter einer Freundin betrachtete also meinen Wildwuchs und bemerkte, über die Ränder ihrer Brille hinwegblickend: „Haste aber nich ausjegeizt, wa?“ Sie sagte es in einem Ton, als hätte ich vergessen, mein Kind zu füttern. So in etwa verhält es sich nämlich mit leidenschaftlichen Gärtnern und ihren Zöglingen – es sind ihre Babys, die liebevoll gepäppelt und natürlich ausgegeizt werden.
Ich hatte mit Geiz bis dato etwas anderes verbunden, lernte aber dank der gestrengen Bekannten und ein paar YouTube-Videos schnell, wie man neue Seitentriebe, die in den Blattachseln wachsen, entfernt.
Während ich noch mit dem Abknipsen beschäftigt war, blickte mein Nachbar durch den Zaun. „Blütenendfäule“, sagte er knapp mit Blick auf die braunen Stellen meiner Früchte. Der Mann vom hinteren Grundstück ist auch sonst nicht sehr gesprächig. „Kalziummangel“, nuschelte er noch. Ich bedankte mich artig, auch wenn ich nicht wusste, was das nun bedeuten sollte. Der Nachbar war schon lange vor mir da, die Hackordnung ist damit gesetzt. Im Garten und auch sonst habe ich nichts zu melden. Er ist der Chef. Er hat auch die schöneren Tomaten.
Mit den mir vor die Füße geworfenen Informationen beging ich den nächsten Fehler im Game. Ich begab mich in eines dieser Gartenforen auf Facebook. Zunächst ging es mir besser, denn hier gab es etliche andere verzweifelte Amateure, deren Pflanzen nicht gut aussahen. Nichtsahnend warfen sie Fotos ihres vor sich hin kränkelnden Gemüses in den Ring, in der naiven Hoffnung auf Hilfe von der Schwarmintelligenz.
Im Garten und auf Balkonien werden jetzt die ersten Tomaten reif. Also vielleicht.
© imago stock&people
„Hallo, weiß jemand, was mit meinen Tomaten los ist?“ Mit dieser Frage beginnt die Standard-Konversation im Netz. Keine zwei Kommentare später blafft der erste: „Sind das Graue noch Töpfe??!! Mach die weg!“ Ein gewisser Rudolf, der in Sachen Redefluss meinem Berliner Nachbarn ähnelt, analysiert per Ferndiagnose: „Zu viel Dünger.“
Die hobbygärtnernde Bianca erregt sich: „Wo zum Geier ist das Laub?“ Und eine Madame Süß bemerkt angesäuert: „Die gehören ausgegeizt. Und nur jeden zweiten Tag gießen.“ Wie oft man gießt, ob man ausgeizt oder nicht, womit man düngt – darüber wird in Netzforen gestritten, bis die Tasten rauchen.
Im zweiten Jahr meiner Gemüsegärtnerinnenlaufbahn beging ich den nächsten Fehler, den wohl schwerwiegendsten, weil die Enttäuschung im Nachhinein umso größer war. Ich zeigte meine Ernte stolz herum, im Internet und am Gartenzaun. Der Nachbar, ganz Berliner Stadtrandmuffel, verschwand nach einem knappen „jeht schon“ wieder in seinem Gewächshaus.
Auf Social Media, in meiner kleinen Garten-Community, schrieb jemand: „Schade, dass es nicht genügend gute Bestäuber gab. Sonst wäre die Ernte um ein Vielfaches besser.“ Nun ja, wer Bestätigung sucht, ist im Garten-Business falsch.
Das müssen auch Gurkenzüchter erfahren, die mit den Diven unter den Gemüsepflanzen eigentlich schon genug zu tun haben. Als meine Gurkenblätter trotz aller Bemühungen fleckig werden und die Früchte einfach nicht mehr weiterwachsen wollen, lande ich dank des bereits auf mich eingestellten Algorithmus in einem Gartenforum zum Thema Gurken. Können ja nicht alle so verrückt sein wie die an der Tomatenfront, oder?
Noch empfindlicher als Tomaten: Gurken sind wahre Diven.
© Christin Klose/dpa
Ich lag falsch. Es ist eigentlich noch viel schlimmer. Zu einem Bild, das meinen Pflanzen ähnelt, gibt es drölfzig verschiedene Diagnosen. „Die hat untenrum keinen Platz“, „Bitte düngen und Gelbtafeln aufhängen gegen weiße Fliegen“, „Sonnenbrand, klarer Fall“, „Nährstoffmangel“, „Größeren Topf! Viel Wasser!“, „Schau mal, ob Engerlinge in der Erde sind“. Ein Günther und eine Christina stehen sich im Angesicht der Gurke direkt gegenüber. Sie: „Als Gärtner bist du wirklich selten dämlich!“ Er: „Deiner Gurke fehlt nichts, dir fehlt was!!!“ Wutsmileys, Auslachsmileys – der Kommentarspaltenkrieg, er tobt auch hier.
Und am Gartenzaun in Berlin? Dort finde ich eines Tages ein abgegriffenes Buch aus DDR-Zeiten in meinem Briefkasten, vielleicht von meinem Nachbarn? Es ist 1982 im VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag erschienen und riecht etwas muffig. Dafür ist im Inneren alles feinsäuberlich nach Pflanzen sortiert, mit ordentlichen Abbildungen versehen und höchst sachlich aufgeschrieben.
Mir gefallen Sätze wie: „Das Ausgeizen der Tomatenpflanze erfordert einige Aufmerksamkeit.“ Oder: „Die Eierfrucht ist noch wenig in unserer Republik bekannt.“ Formulierungen wie „Es besteht die Möglichkeit, durch Arbeitsteilung innerhalb einer Kleingartensparte die Jungpflanzenanzucht zu organisieren und so noch unerfahrenen Gartenfreunden zu helfen“, lassen mich ganz wehmütig werden. Vielleicht poste ich den Satz im nächsten Jahr mal in ein Schrebergartenforum.
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