Erstmals Frau an Spitze: Delaney ist neue OMV-Chefin

Erstmals Frau an Spitze

Der teilstaatliche Öl-, Gas- und Chemiekonzern OMV wird seit Dienstag von Emma Delaney geführt. Die Irin ist damit Alfred Stern nachgefolgt, der den Konzern fünf Jahre lang leitete. Mit Delaney steht erstmals eine Frau an der Spitze der OMV – zudem ist sie derzeit die einzige weibliche Vorstandsvorsitzende eines ATX-Konzerns.

Online seit heute, 8.31 Uhr

Delaney verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Branche. Vor ihrem Wechsel zur OMV war sie mehr als 30 Jahre lang bei BP tätig – beim britischen Mineralölunternehmen leitete die 53-Jährige einen Geschäftsbereich mit über 50.000 Beschäftigten in rund 50 Ländern, er umfasste unter anderem das Tankstellennetz, Schmierstoffe und die Ladeinfrastruktur für E-Autos.

Delaney bringe zudem profunde Kenntnisse im Up- und Downstream- sowie im LNG-Geschäft mit, heißt es. Sie übernimmt das Ruder bei der OMV in einer geopolitisch und strategisch anspruchsvollen Zeit. Analysten sehen die OMV in einer Phase der Neufindung. Nach dem starken Fokus auf das Chemiegeschäft unter Vorgänger Stern rücke die Gasförderung wieder stärker in den Mittelpunkt.

Suche nach Wachstumsfeldern

Delaneys Hauptaufgabe werde es sein, Wachstumsfelder jenseits der Chemie aufzubauen, da Investoren zunehmend auf die Langlebigkeit der Ressourcen achteten, schrieben die Fachleute von RBC Europe zuletzt. Dass Finanzchef Reinhard Florey an Bord geblieben sei, wurde als wichtiges Signal für Kontinuität gesehen – das dämme kurzfristige Unsicherheiten durch den Führungswechsel ein.

Delaney spricht mehrere Sprachen, darunter auch fließend Deutsch. Laut OMV soll es einen Vertrag über drei Jahre geben, der in beiderseitigem Einvernehmen um weitere zwei Jahre verlängert werden kann. Vorgänger Stern hatte im Mai angekündigt, nach dem Auslaufen seines Vertrags Ende August nicht mehr für eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen.

Geopolitische Risiken bleiben

Unter Sterns Führung hatte die OMV den strategischen Umbau weg vom klassischen Öl- und Gasgeschäft hin zu Chemie- und Kreislaufwirtschaft vorangetrieben. Als seinen größten Erfolg bezeichnete er die Zusammenführung der OMV-Tochter Borealis mit dem Chemiekonzern Borouge aus Abu Dhabi sowie die Übernahme der kanadischen Nova Chemicals.

Alfred Stern
Stern stand fünf Jahre lang an der Spitze der OMV

Die mit dem arabischen Kernaktionär ADNOC lange verhandelte Gründung des neuen Konzerns Borouge International wurde während des Iran-Krieges Ende März abgeschlossen. Durch den Zusammenschluss entstand der viertgrößte Polyolefin-Produzent weltweit mit einer Kapazität von 13,6 Mio. Tonnen dieser wichtigen Kunststoffe pro Jahr.

Es ist zu erwarten, dass geopolitische Risiken im Nahen Osten Delaneys erste Zeit im Amt prägen könnten. Wie schnell sich der Konflikt auf die Geschäfte auswirken kann, zeigte sich im April, als bei einem iranischen Angriff in den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Anlagen von Borouge beschädigt wurden und das Unternehmen Teile seiner Produktion vorübergehend stilllegen musste.

Von hohen Energiepreisen profitiert

Als Stern im September 2021 die OMV übernahm, war die wirtschaftliche Lage eine andere: Pandemiebedingt befand sich die Wirtschaft auf Talfahrt, zudem war nach dem russischen Angriff auf die Ukraine rasch die Frage, wie man abseits von Russland zu Erdgas kommen und wie die OMV aus den Gasverträgen aussteigen kann. Von Anlegern wurde Stern jedenfalls ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Es wurden hohe Dividenden ausgeschüttet – davon profitierte auch die Republik Österreich, die über die Österreichische Beteiligungs AG (ÖBAG) knapp ein Drittel der OMV-Anteile hält. Während Sterns Amtszeit flossen aus diesen Anteil mehr als zwei Mrd. Euro an OMV-Dividenden an die Republik. Die hohen Gewinne bzw. Ausschüttungen waren freilich vor allem auf die infolge des Krieges gestiegenen Energiepreise zurückzuführen.

Delaney übernimmt damit einen Konzern, der finanziell davon profitiert hat, strategisch aber vor einer schwierigen Neuorientierung steht. Sie muss entscheiden, wie stark die OMV künftig auf Öl und Gas setzt, und zugleich zeigen, dass der unter Stern forcierte Ausbau der Chemie langfristig trägt. Auch die Suche nach neuen Geschäftsfeldern dürfte auf Delaneys Agenda stehen.