Bei Frauen, die in ihren Wechseljahren eine Östrogentherapie erhalten hatten, finden Forschende weniger Anzeichen von Morbus Alzheimer. Ob die Behandlung selbst dafür verantwortlich ist, bleibt allerdings fraglich.

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In 3000 Gehirnen von Verstorbenen, die in den Wechseljahren eine Hormonersatztherapie erhalten hatten, fanden Fachleute weniger Hinweise auf neurodegenerative Veränderungen, die im Rahmen von Alzheimer typischerweise sichtbar werden.
Morbus Alzheimer betrifft überproportional Frauen – rund zwei Drittel der Betroffenen sind weiblich. Warum, ist noch nicht vollständig geklärt. Die längere durchschnittliche Lebensdauer könnte ein Faktor sein, ebenso wie soziale und genetische Einflüsse. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch auf einen weiteren potenziellen Risikofaktor hin: die Wechseljahre.
Während der Menopause stellen die Eierstöcke die Produktion reifer Eizellen ein. Zugleich sinkt im Körper die Menge an Östrogen, einem für die weibliche Fortpflanzungsgesundheit entscheidenden Sexualhormon. Studien deuten darauf hin, dass dies unter anderem das Gehirn beeinflusst. »Eine der vorherrschenden Hypothesen ist, dass der rapide absinkende Östrogenspiegel zu Unterschieden bei der Gehirnalterung beiträgt«, erklärt die Neurowissenschaftlerin Jennifer Bruno von der Stanford University. Dies schließe die Wahrscheinlichkeit ein, an Alzheimer zu erkranken.
Mit Kolleginnen und Kollegen untersuchte sie diese Theorie in einer retrospektiven (rückblickenden) Studie – ihr Team wertete dazu zwei Datensätze mit insgesamt 21 462 Patientinnenakten aus. Die Analyse liefert einen weiteren Hinweis auf den möglichen Zusammenhang zwischen den Wechseljahren und Demenz. Denn insgesamt zeigten Patientinnen, die eine Östrogen-Hormontherapie gegen Wechseljahresbeschwerden erhalten hatten, seltener Anzeichen von Gedächtnisverlust oder kognitivem Verfall. Sie erhielten auch seltener eine Demenzdiagnose als Frauen, die ohne Hormonersatztherapie auskamen.
Einer der Datensätze umfasste knapp 3000 Menschen, die sich bereiterklärt hatten, nach dem Tod ihr Gehirn der Wissenschaft zu spenden. Eine Auswertung der postmortalen Befunde dieser Frauen zeigte, dass die Gehirne derjenigen, die Östrogen eingenommen hatten, seltener neurobiologische Merkmale der Alzheimer-Krankheit aufwiesen. Dazu zählen etwa Beta-Amyloid-Plaques oder Tau-Protein-Verklumpungen. Das war selbst dann der Fall, wenn die Fachleute Störfaktoren wie Alter, ethnische Zugehörigkeit und Bluthochdruck in der Vorgeschichte berücksichtigt hatten, erklärt der Mediziner und Mitautor der Studie Jacob Shaw. Der zweite Datensatz offenbarte zudem einen Rückgang der Alzheimer-bezogenen Biomarker bei lebenden Patientinnen, die Östrogenpräparate einnahmen.
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch Vorsicht geboten. Die Arbeit zeigt zwar einen Zusammenhang zwischen einer Hormonersatztherapie und einem geringeren Demenzrisiko auf. Sie belegt jedoch nicht, dass Östrogengaben Demenz verhindern oder behandeln. Um solche Aussagen machen zu können, braucht es weitere Studien.
Der Effekt könnte etwa auch von Faktoren ausgehen, die von der Behandlung unabhängig sind, jedoch häufig zusammen mit ihr auftreten, erklärt der Neurowissenschaftler und leitende Autor der Studie, Hadi Hosseini. Möglicherweise waren Frauen, die eine Hormonersatztherapie in Anspruch genommen hatten, schlichtweg insgesamt gesünder als jene, die keine erhielten. Eventuell hatten sie einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung – oder weitere Faktoren spielten eine Rolle, sagt er.
Ebenfalls zu beachten ist, dass das Forschungsteam keinen Zugang zu Informationen darüber bekam, warum die einzelnen Patientinnen die Behandlung erhalten hatten. Ihr Einsatz wird insbesondere bei Frauen empfohlen, die sich einer Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) unterzogen haben; die Datensätze dieser Studie enthielten jedoch keine Angaben zu solchen Eingriffen.
Eine weitere Komplikation: Frühere Untersuchungen deuteten darauf hin, dass einige Hormontherapien – darunter eine Kombination aus dem Sexualhormon Progesteron und Östrogen – mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen. Weshalb, ist ebenfalls noch unklar.
Die Autorinnen und Autoren weisen deshalb auf die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen hin. Der Zusammenhang zwischen Menopause, Östrogen und Demenz müsse weiter erforscht werden – unter anderem iin prospektiven Langzeitstudien, die Patientinnen über den gesamten Alterungsprozess hinweg begleiten. Damit schaffe man die Voraussetzungen, um neue Behandlungsansätze zu finden, die man dann in randomisierten kontrollierten Studien testen könne, dem Goldstandard der medizinischen Forschung, so Bruno.