Stand: 18.09.2026, 14:18 Uhr
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Der frühere CSU-Chef und Finanzminister Erwin Huber liest den Münchner Merkur seit Anfang der 70er-Jahre. Heute greift der 80-Jährige bereits am Vorabend zum E-Paper.
Seit 60 Jahren gehört die Lektüre des Münchner Merkur zum Tagesprogramm von Erwin Huber. Unsere Zeitung und der CSU-Politiker sind beide 80 Jahre alt. Ob als Finanzminister, Wirtschaftsminister, Staatskanzleichef oder CSU-Vorsitzender und selbst jetzt noch im Unruhestand: Erwin Huber und der Merkur sind wohlwollend-kritisch verbunden.
Wie haben Sie denn die Entwicklung unserer Zeitung in Ihrer aktiven politischen Zeit erlebt?
Ich habe den Merkur als Zeitung so richtig wahrgenommen Anfang der 70er-Jahre in München. Lockere 60 Jahre genieße ich jetzt die Zeitung und sie hat mich begleitet und verfolgt (lacht). Und ich muss sagen, es ist eine gigantische Entwicklung.

Wie sieht die aus?
In den 70er-Jahren war der Merkur eine heimattreue, eher langweilige und etwas verschlafene Zeitung. Mit dem Einstieg von Verleger Ippen und vor allem mit dem unvergessenen Chefredakteur Werner Giers ist eine neue Epoche im Merkur losgebrochen mit einer modernen, profilierten, liberalkonservativen, aber auch heimatverbundenen Zeitung, also eine echte Erfolgsgeschichte.
Was hat sich verändert im Verhältnis zwischen den Medien und der Politik?
Früher, in den 60er- bis 80er-Jahren, waren die Medien durchaus auch Wächter der Demokratie, aber vielleicht weniger aggressiv, weniger körpernah und eher distanzierter. Heute ist das Verhältnis sehr nah, sehr hart, sehr aufmerksam. Aber ich empfinde das nicht als Nachteil. Das ist der Normalfall der Demokratie.
Haben Sie sich oft geärgert über die Medien?
Wenn Sie „die Medien“ sagen, habe ich mich ständig geärgert über die Medien. Wenn Sie den Merkur meinen: Ja, natürlich habe ich mich auch gelegentlich geärgert. Und der Merkur würde auch seine Aufgabe verfehlen, wenn er nicht zum Ärgernis von Politikern würde, denn er hat eine Wächterfunktion. Und Politiker sind mehr oder weniger kraft Amtes irgendwie in einer Gefahr des Machtgebrauchs und des Machtmissbrauchs oder auch des ganz menschlichen Übersehens und Versehens. Da braucht es eine Institution, die im Sinne einer sehr aufmerksamen Beobachtung den Politiker auf Fehler und Unterlassungen hinweist. Die Demokratie braucht die freie Presse.

Haben Sie schon mal zum Telefonhörer gegriffen, wenn Sie sich zu Unrecht kritisiert gefühlt haben?
Ja, und zwar nicht nur einmal. Ich könnte Ihnen eine ganze Litanei von Chefredakteuren und Redakteuren benennen, die ich mal angerufen habe. Aber ich finde, auch das ist der Normalfall, dass man dann miteinander redet, statt übereinander zu schimpfen. Und da geht ja auch nicht die kritische Distanz verloren, es werden vielleicht Hintergründe noch besser beleuchtet und die Anlässe durchdacht. Journalisten sollten auch das nicht als übergriffig bewerten, wenn sie von Politikern angerufen werden. Ich glaube, das ist bei aller notwendigen Distanz ja auch ein Verhältnis, das Achtung und Respekt zum Ausdruck bringt.
Was raten Sie denn heutigen Politikern? Wie sollten sie mit den Medien umgehen?
Zunächst einmal müssen die Politiker heute darauf achten, dass die Presse- und Medienfreiheit gewahrt bleibt. Sie war in der Bundesrepublik noch nie so stark in Gefahr wie jetzt, weil es politische Kräfte, radikale Kräfte gibt, die diese Meinungs- und Pressefreiheit einschränken wollen. Ich nenne nur das Stichwort „Lügenpresse“. Das ist ja nicht ein schmerzhafter Aufschrei, sondern ein Angriff auf die Presse. Radikale wollen nicht unmittelbar eine Diktatur herbeiführen. Ihr Ziel ist die sogenannte illiberale Demokratie, wie wir sie in Ungarn und in Polen schon kennengelernt haben. Das ist immer verbunden mit einer Einschränkung der Unabhängigkeit der Gerichte und der Pressefreiheit. Und deshalb müssen wir wachsam sein. Die Politik sollte allen solchen Bestrebungen energisch entgegentreten. Deshalb sehe ich auch all das weniger kritisch, was mit Rundfunk-Haushaltsgebühren zusammenhängt. Fundierte Information kostet was und ist essenziell für die Demokratie.
Jubiläum: Unsere Zeitung wird 80 Jahre alt
Der Münchner Merkur feiert Jubiläum: Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe – zunächst hieß die Zeitung, weil sie zur Mittagszeit erschien, noch „Münchner Mittag“. In unserer Sonderausgabe zum Jubiläum (18. September) finden Sie auf 120 Seiten Geschichten über unsere Zeitung und Oberbayern.
HIER können Sie die erste Ausgabe von 1946 kostenlos herunterladen

Welche Rolle spielt Ihrer Überzeugung nach eine regionale Zeitung für die Stabilität der Demokratie?
Eine außerordentlich wichtige. Der Merkur ist ja, wenn man so will, eine großartige Symbiose von all den Nachrichten, die uns global beschäftigen oder belasten, und einem besonderen Blick auf Bayern, aber natürlich stark auch auf die nähere Heimat. Das heißt: Information, Meinung und Heimatverbundenheit werden durch eine Regionalzeitung besonders geprägt. Die Konzentration des Pressewesens birgt die Gefahr, dass diese Heimatverbundenheit verloren geht. Aber der Bürger lebt ja nicht irgendwo global, sondern er lebt in seiner Gemeinde, in seinem Dorf, in seinem Landkreis. Er sollte und muss auch wissen, was da vor sich geht. So gesehen hat die Heimatzeitung eine gesellschaftliche Funktion des Miteinanders und ist mehr oder weniger unersetzlich.
Aber heute sprechen alle über Social Media. Welchen Stellenwert hat denn in diesem Kontext eine gedruckte Zeitung oder ein E-Paper?
Aus meiner Sicht ist die Zeitung unersetzlich. Social Media sind schneller, sind kürzer, wenn man so will Informations-Fast-Food. Aber die gründlichere, breitere, meinungsorientierte Information bekomme ich über die gedruckte Zeitung. Das heißt, beides wird in der Zukunft nebeneinander bestehen. Man hat ja früher mal gedacht, das Fernsehen wird die Zeitung verdrängen. Es hat sich ein gutes Nebeneinander ergeben. Es wird auch in der Zukunft ein Nebeneinander von Streamingdiensten, vom Fernsehen, von Zeitungen und von Social Media geben. Ich kann den Leuten nur empfehlen, auch eine Zeitung zu abonnieren. Mit Social Media allein kann man sich informationsmäßig nicht ernähren.
Wie nutzen Sie denn die medialen Angebote heute? Wozu greifen Sie morgens?
Morgens ist zu spät. Ich genieße es, dass der Merkur am Vorabend spätestens um 20 Uhr auf E-Paper erscheint. Und ich nehme mir den prominenten Platz heraus, zu den Erst-Lesern des Merkur zu gehören. Ich lese heute schon den Merkur von morgen im E-Paper. Auf gedrucktem Papier habe ich ihn nicht mehr, denn das wäre zu umständlich und ich bin ja auch ein Klimaschützer. Manche in der CSU verdächtigen mich sowieso schon, ein Grüner zu sein (lacht). Ich spare damit eine Menge an Papier und an Rohstoffen, bin noch dazu schneller und in der gleich guten Form informiert.
Erwin Huber als Leser-Befrager
„Ich bin vor Kurzem mit meinem kleinen Enkel Lukas in Oberschleißheim vom Kindergarten nach Hause gegangen und wir beide haben eine Frau beobachtet, die zum Zeitungsständer da gegangen ist, den Merkur rausgenommen hat und den angeschaut hat. Dann habe ich mir gedacht, ich sprech die mal an, und da ich ja den kleinen Buben an der Hand habe, ist es ja eigentlich unverfänglich. Da sag ich: Warum kaufen Sie den Merkur? Da sagt sie: Weil das eine interessante Zeitung ist, die mich über meinen Heimatlandkreis informiert. Also eine mir unbekannte Dame hat ein großartiges Zeugnis für den Merkur abgelegt und Lukas und ich können das beeiden.“