Das kommt vor im Leben. Man wähnt sich in der Blüte seiner Jahre und steht am Abgrund, ohne ihn zu ahnen, geschweige denn zu sehen. Als am Vormittag des 29. Juni 1976 im Hotel „Stadt Berlin“ der DDR-Hauptstadt ein Gipfel von 29 kommunistischen und Arbeiterparteien Europas zusammentritt, beschwört das zunächst einmal Erinnerungen herauf – an das Welttreffen von fast 90 kommunistischen Parteien 1960 in Moskau etwa. Und die kritischen Umstände.
Seinerzeit soll der keimende Bruch zwischen sowjetischen und chinesischen Kommunisten verhindert werden, was bekanntermaßen misslingt. Diesmal gilt es, Kontroversen zwischen Eurokommunisten in Westeuropa und Traditionalisten in Ost- wie Westeuropa so weit einzuhegen, dass daraus keine Kluft wird.
Vorbei die Zeiten der Kommunistischen Internationale (KI), die von Lenin 1919 gegründet und von Stalin 1943 als ideologische Konzession an die Kriegsalliierten USA wie Großbritannien aufgelöst wurde. Mitgliedsparteien der „Komintern“ nannten sich in internationalistischer Manier „Sektionen“ und hielten Souveränitätsverzicht für ein Gebot der proletarischen Weltrevolution. Die steht 1976 weiter aus.
Alle kommen, nur die Albaner bleiben weg
Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) und Erich Honecker haben als Veranstalter der Ostberliner Konferenz durch geduldige Mediation jeder Partei versichert, dass sie gleiche Rechte genießt – als KP San Marinos mit 300 Mitgliedern wie als Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) mit 19 Millionen. Jede Delegation kann sich frei und ungezwungen äußern. Was, wenig überraschend, zu Grundsatzreden führt, die umgehend und ungekürzt vom SED-Zentralorgan Neues Deutschland, später in einem Konferenz-Reader veröffentlicht werden.
Bis auf die Partei der Arbeit Albaniens, die ihr Eremiten-Dasein so weit treibt, dass selbst die chinesischen Gönner fremdeln, sind in Ostberlin Dissidenten aus Passion und unbeirrbare Souveränisten dabei, darunter Josip Broz Tito für den Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) und Nicolae Ceaușescu für die Rumänische KP, die seit der Intervention in der Tschechoslowakei 1968 auf Distanz zur KPdSU bedacht ist. Deren Generalsekretär Leonid Breschnew ist zugleich Staatschef der östlichen Kernmacht. Den Ostblock als Staatenbündnis zu erhalten und zu führen, kann den Drang der KPdSU zügeln, die kommunistische Bewegung als Parteienbündnis über die Runden zu bringen.
Als das Forum zu tagen beginnt, steht fest, dass es ein „Abschlussdokument“ geben wird, um einer rituellen Übung zu genügen, die manche Teilnehmer für aus der Zeit gefallen halten. Georges Marchais, Generalsekretär der KP Frankreichs (PCF), kritisiert das unumwunden und formuliert in seinem Statement zugleich die Absage an „Konferenzen wie die gegenwärtige“. Da eine allen Parteien gemeinsame Strategie völlig ausgeschlossen sei, erscheine es zweckmäßig, „lebendigere, flexiblere und wirksamere Formen kollektiver Begegnung zu suchen“ (der SED wird es vorbehalten sein, 1983 mit einer Konferenz zum 100. Todestag von Karl Marx genau so zu verfahren).
Wie Marchais denken andere Protagonisten aus dem Lager der Eurokommunisten, wozu außer dem PCF die spanische (PCE) und die italienische KP (PCI), die Parteien aus Großbritannien, den Niederlanden und Schweden zu rechnen sind. Sie alle bestehen auf Autonomie und einer Priorität der nationalen Bedingungen für ihren Kurs, sie lehnen die „Diktatur des Proletariats“ als sozialistischen Macht- wie Staatstyp ab und wollen an der Westintegration ihrer Länder möglichst nicht rütteln. Bei der italienischen KP heißt das, einen Austritt aus der NATO mitnichten zu favorisieren, weil dies der internationalen Stabilität wenig zuträglich sei.
Die Oktoberrevolution war unser Weihnachten
Streitbare wie umstrittene Galionsfigur der Erneuerer ist Santiago Carrillo, Generalsekretär des PCE. Die Partei kehrt nach dem Tod von Diktator Franco im November 1975 gerade zur Legalität zurück und zählt trotz extrem repressiver Jahrzehnte seit dem Bürgerkrieg (1936–1939) fast 200.000 Mitglieder. Carrillo entwirft auf der Konferenz ein Sittengemälde des Brauchtums der kommunistischen Bewegung und schildert sie als „neue Kirche mit Märtyrern und Propheten. Jahrelang war Moskau, wo unsere Träume begannen, Wirklichkeit zu werden, unser Rom. Wir sprachen von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, als wäre sie unsere Weihnacht.“ Man habe sich da „in einer Kinderzeit“ befunden. „Heute sind wir erwachsen.“
Man tanze nicht länger nach einer anderen, sondern nur der eigenen Pfeife. Carrillo verkörpert, was die italienische Zeitschrift l‘Europeo in ihrer Ausgabe vom 25. April 1976 gemeint haben könnte, als sie den Eurokommunismus „als Instrument zur Pluralisierung des Kommunismus“ charakterisierte, „das zu einer Spaltung in einander gegenüberstehende Formationen führen“ könne. Sollte daher von einem „Dritten Weg“ zwischen Euro- und Sowjetkommunismus, zwischen Marxisten und Marxisten-Leninisten gesprochen werden?
Die Frage aller Fragen, die das Ostberliner Treffen mehr verschämt als offen stellt, lautet: Falls es so ist, hält das die kommunistische Bewegung auf Dauer aus, oder ist ein Bruch zwischen Reform und Prinzip, Nationalkommunismus und Internationalismus nur noch eine Frage der Zeit? Einer will es so weit nicht kommen lassen. PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer, das intellektuelle Zentralgestirn der neuen Souveränisten, verteidigt den Eurokommunismus, indem er ihn nicht rechtfertigt, sondern begründet und dadurch legitimiert. Man streife Dogmen ab und versuche, „Lösungen neuen Typs bei der Umwandlung der Gesellschaften in sozialistischem Sinne voranzutreiben“.
Nur wenige Tage sind seit einer Parlamentswahl in Italien verstrichen, bei der am 20. Juni 1976 Berlinguers PCI einen ermutigenden Triumph feiern konnte. Die Partei kam auf mehr als 12,6 Millionen Stimmen, sprang von 27,0 auf 34,4 Prozent und wurde damit die Machtalternative zur seit 1945 ununterbrochen regierenden Democrazia Cristiana (DC). Was Berlinguer dieser Partei als „historischen Kompromiss“ anbietet, läuft nicht auf eine profane Regierungsbeteiligung hinaus. Er will die Gesellschaft zugunsten von Demokratie und Sozialismus verändern, ohne sie brachial zu revolutionieren.
Breschnews vernünftiger Vorschlag
Aus seiner Sicht profitiert der PCI davon, dass in Europa ein Jahr nach Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte „eine Tendenz zur Ost-West Entspannung überwiegt“, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben habe und die man bewahren müsse. Es ist Leonid Breschnew, der bei seinem Auftritt in Ostberlin das bereits mehrfach unterbreitete Angebot wiederholt, „den Nordatlantikpakt und Warschauer Vertrag gleichzeitig aufzulösen oder zunächst deren militärische Organisation zu liquidieren“.
Carrillo, Berlinguer, Marchais – sie hoffen nicht, sie wirken davon überzeugt, dass sich in Westeuropa früher oder später sozialistische Gesellschaften durchsetzen. Marchais plädiert für einen „Sozialismus in den Farben Frankreichs“, Berlinguer schwebt eine „pluralistische Ordnung“ vor. Sie solle die Gewähr dafür bieten, dass man „sich entsprechend den Mehrheitsverhältnissen in der Regierung abwechselt“. Eine Kritik an Gepflogenheiten in Osteuropa, die „führende Rolle“ einer Staatspartei als Verfassungsauftrag zu verankern und damit als alternativlos auszuweisen.
Spurlos entschwunden
Als Berlinguer 1984 mit nur 62 Jahren stirbt, ist Michail Gorbatschow noch nicht KPdSU-Generalsekretär. Der eine geht zu früh, der andere kommt zu spät, für sein Land, womöglich auch für die kommunistische Bewegung. Mitte der 1990er Jahre wird von der nur noch ein Torso geblieben sein. Von den 29 in Ostberlin präsenten Parteien sind noch zwölf als kommunistische Organisationen aktiv – zehn, darunter die KPdSU, der BdKJ in Jugoslawien und die KP Rumäniens, wurden aufgelöst oder verboten. Sieben, wie die SED, konnten überleben, indem sie ihr Heil in „Nachfolgeparteien“ suchten, andere fanden sich um ihre Identität gebracht und sozialdemokratisiert wie die italienische KP.
Die einst größte kommunistische Partei Westeuropas bemühte sich als Partito Democratico (PD) mit mäßigem Erfolg, das Vakuum zu füllen, das die Democrazia Cristiana mit ihrem Zerfall Anfang der 1990er Jahre hinterließ. Die Kommunisten Frankreichs und Spaniens gerieten in einen Abwärtssog, verloren an Aura und Einfluss, vor allem aber an Wählern.
Als sich 1989/90 der Sozialismus im Osten Europas unerwartet abrupt aus der Geschichte verabschiedete, statt wie bis dahin Geschichte schreiben zu wollen, blieben auch die Bruderparteien im Westen – Eurokommunismus hin oder her – nicht verschont. Sich vom „realen Sozialismus“ zu emanzipieren, war kein mildernder Umstand. Mittlerweile hat es den Anschein, als sei die kommunistische Bewegung so unwiderruflich entschwunden, dass es sich erübrigt, nach Spuren zu suchen, die an sie erinnern. Es ging verloren, was heute mehr denn je gefragt sein sollte.