Der Krimi um ein 400-Millionen-Startup und Harald Mahrers Pakt mit einem "Hochstapler"

Gropyus könnte eine beeindruckende Erfolgsgeschichte sein. Wäre da nicht Investor Florian Fritsch. Das österreichische Start-Up will den Wohnbau industrialisieren und hat dafür schon rund 400 Millionen Euro gesammelt. Doch Mitgründer und Ex-Aufsichtsratschef Fritsch belastet das Unternehmen bis heute.

Illustration mit einer Collage aus verschiedenen Elementen: Ein Mann in Anzug und Krawatte im Vordergrund, umgeben von Symbolen wie einer Armbanduhr, einem Flugzeug, einem gelben Industrieroboter, einem Gebäude, Porträts zweier Männer sowie abstrakten Formen und Wasserstrukturen. Die Szene vermittelt einen dynamischen und komplexen Zusammenhang.
Der damalige ÖVP-Politiker Harald Mahrer stellte sich im Machtkampf um Gropyus auf die Seite des nun angeklagten Florian Fritsch (links), der Gründer Markus Fuhrmann rausdrängen wollte

Alle anderen Gründer des Start-Ups prozessieren gegen Fritsch. Auch abseits von Gropyus sieht sich Fritsch mit Vorwürfen konfrontiert. Etwa von einem britischen Athleten, dessen Geld Fritsch veruntreut haben soll. Oder einst von Fritschs eigener Frau, die ihm vorwarf, Goldbarren aus dem Depot "Meine Schatzkammer" entwendet zu haben. Deshalb saß Fritsch 2025 auf Anregung der Staatsanwaltschaft Wien in Untersuchungshaft.

Die Liechtensteiner Justiz hat gegen Fritsch bereits Anklage erhoben. Sämtliche Vorwürfe bestreitet der Investor; es gilt die Unschuldsvermutung.

Noch immer hält die "Fritsch AG" mehr als acht Prozent der Anteile an Gropyus. Und ein ehemaliger Verbündeter ist nach wie vor stellvertretender Aufsichtsratschef: der Ex-Politiker Harald Mahrer.

Mittlerweile lässt der frühere Ex-Wirtschaftsminister, Wirtschaftskammerpräsident und Nationalbankpräsident ausrichten, auch er habe sich vom "Hochstapler" Fritsch blenden lassen.

Recherchen des STANDARD zeigen: Im Sommer 2021 spielte Mahrer eine wichtige Rolle im Plan, Gropyus unter die Kontrolle des heute angeklagten Investors zu bringen. Fritsch prahlte wiederum, dass Mahrer "Advisor" von dessen Firma sei und seine Kontakte als WKO-Boss genutzt habe, um Fritschs Partnern zu helfen. Nach dem verlorenen Machtkampf nahm Mahrer aber nicht den Hut. Er blieb Aufsichtsratsvize bei Gropyus. Eine konfliktbeladene Situation.

Der "deutsche René Benko"

Gropyus wurde im Juli 2019 in Wien gegründet. Maßgeblich beteiligt war Markus Fuhrmann, der bereits Delivery Hero und Mjam mitentwickelt hat. In den Jahren zuvor hatte er sich gut mit Fritsch angefreundet, der sich als vermögender Investor inszenierte. Die Ermittler in Liechtenstein und Österreich vermuten, dass viel davon nicht der Realität entsprach. Fritsch soll fremde Helikopter und Autos als eigene ausgegeben und seinen Reichtum massiv übertrieben haben.

Nach Schilderungen mehrerer Personen, die später Vorwürfe gegen Fritsch erhoben, verstand er es, sein Gegenüber rasch für sich einzunehmen, nahezu charmant einzuwickeln.

Das Vertrauen von Fuhrmann zu Fritsch, der sich laut Spiegel einst als "deutscher René Benko" bezeichnet haben soll, ging sehr weit. Fritsch sollte geeignete Immobilien für Gropyus-Projekte finden, zudem lieh Fuhrmann ihm Geld für andere Investitionen. Er verließ sich so sehr auf Fritsch, dass er einen Vertrauten des Deutschen als Geschäftsführer in jener Holding installierte, die Fuhrmanns Gropyus-Anteile hält.

Das sollte sich rächen, als Fuhrmann im Sommer 2021 zunehmend Fragen zu Fritschs Kompetenz aufwarf. Die Justiz wirft Fritsch vor, seinen Vertrauten bei Fuhrmanns Holding zu Untreue angestiftet zu haben. Es geht um einen Vertrag, der sehr nachteilig für Fuhrmann gewesen wäre. Dieser sah vor, dass Fuhrmanns Holding ihre Stimmrechte an Gropyus mit jenen von Fritsch koppelt. Zudem soll Fritsch auf den Wert der Anteile als Sicherheiten zurückgreifen können. Deren Bewertung: 108 Millionen Euro. Laut Liechtensteiner Anklage ist klar, dass Fuhrmann diesen Vertrag nie unterschrieben hat. Sie zitiert eine Chatnachricht von Fritschs Bruder: "Never try to fuck a fucker".

Mahrers Machtkampf

Der sogenannte Aktionärsbindungsvertrag, um den es in der Liechtensteiner Anklage geht, soll jedoch nur ein Teil des Komplotts gegen Fuhrmann gewesen sein. Hier kommt Harald Mahrer ins Spiel.

Der damalige WKO-Präsident war von Fritsch zu Gropyus gebracht worden. Fritsch war Aufsichtsratschef, Mahrer sein Vize – und beide begannen, die Ablöse von CEO Fuhrmann zu betreiben.

In Dokumenten, die Fritsch später im Zuge des Rechtsstreits erstellen ließ, steht, dass Mahrer und Fritsch gemeinsam einen neuen CEO casten wollten. Fündig wurden sie offenbar bei Josef Brunner, einem damals guten Bekannten der beiden. Der Spiegel hatte vergangenen Herbst kritisch über Brunner berichtet. Dagegen geht Brunner rechtlich vor.

Ein Mann und eine Frau stehen lächelnd auf einem roten Teppich in einem prunkvollen Saal, vermutlich während des Wiener Opernballs. Der Mann trägt einen Anzug mit Orden, die Frau ein langes glitzerndes Abendkleid. Im Hintergrund sind weitere festlich gekleidete Personen und ein reich verziertes Interieur zu sehen.
Harald Mahrer und Ehefrau Andrea Samonigg-Mahrer beim Opernball 2020. Zwischen den beiden lugt ihr Gast Florian Fritsch hervor.

Brunner bestätigt über seinen Medienanwalt, dass ihn Fritsch angesprochen und es Gespräche mit Mahrer gegeben habe. Er habe durchaus in Betrachtung gezogen, Gropyus-CEO zu werden. Von einem Konflikt zwischen Fritsch und Fuhrmann habe er keine Kenntnis.

Mahrer wurde damals, als er noch Nationalbanks- und Wirtschaftskammerpräsident war, als Berater der Fritsch & Co AG vorgestellt. In einer internen Präsentation heißt es, Mahrer habe durch seine Funktionen "exzellente Kontakte", die er auch nutzen würde. So habe er für eine andere Firma, bei der Fritsch mitmischte, eine Landeerlaubnis für einen wichtigen Investor organisiert, obwohl das damals aufgrund der Covid-Beschränkungen untersagt gewesen sei.

Dem STANDARD liegen zudem Whatsapp-Nachrichten von Fritsch vor, die ein Selfie von Fritsch, Mahrer und Brunner zeigen. Man habe sich getroffen, "um die neue Strategie von Gropyus und Josef als neuen CEO" zu diskutieren, schrieb Fritsch. Beide unterhielten geschäftliche Verbindungen zu Brunner.

"Dr. Mahrer war nie 'Advisor' bei der Fritsch & Co AG. Er hat natürlich auch kein Geld oder eine sonstige Vergütung bekommen", sagt dessen Anwalt Gerald Ganzger. Auf die Frage, ob Mahrer seine politischen Muskeln für Fritschs Partner spielen ließ, heißt es: "Was Fritsch sonst alles behauptet hat, kann Dr. Mahrer nicht beurteilen. Wie Sie wissen, hat Fritsch sehr viel Dritten gegenüber behauptet und sich wichtig gemacht." Mehr habe Mahrer nicht zu sagen.

Die Beziehung zwischen Fritsch und Mahrer dürfte jedenfalls eng gewesen sein. Mahrer nahm den Investor zu seiner Familie nach Kärnten mit. Fotos und Videos zeigen ausgelassene Grillfeiern sowie das gemeinsame Zusammenbauen von Lego-Figuren in Fritschs Penthouse. Das Ehepaar Fritsch saß auch in der Loge am Wiener Opernball, als Mahrer im ORF-Interview scherzte, man trinke hier nur Mineralwasser, " weil wir sparsam mit den Mitgliedsbeiträgen umgehen". Potenziellen Investoren wurde bei Meetings hingegen Champagner serviert - auf Kosten von Gropyus, das sich dann laut Akten geweigert haben soll, die Rechnung zu übernehmen.

Fritsch soll auch an einer Reise der Wirtschaftskammer nach Dubai teilgenommen haben. Opernball-Besuch und Reise soll er aber selbst bezahlt haben. Die WKÖ spricht sogar davon, dass sich Fritsch nur "privat" in Dubai aufgehalten habe.

Die 44.000-Franken-Uhr

Ein Fund bei einer Hausdurchsuchung machte die Wirtschaftspolizei in Liechtenstein skeptisch. Sie entdeckte im Sommer 2022 bei Fritsch ein Zertifikat für eine Uhr, das als Besitzer Mahrer und als Käufer die Fritsch & Co AG aufwies. Der Kaufpreis: 44.000 Schweizer Franken. "Es liegt der Verdacht nahe, dass der Verdächtige Florian Fritsch mit dem Kauf dieser Patek Philippe-Uhr (...) sich Gefälligkeiten beim Präsidenten der Österreichischen Wirtschaftskammer, Dr. Harald Mahrer, erkauft haben dürfte", schrieben die Liechtensteiner Ermittler. Zu Ermittlungen gegen Mahrer kam es jedoch nie. Mahrers Anwalt gab an, der Wirtschaftskammerpräsident habe die Uhr schon ein Jahr zuvor zurückgegeben und nie eine Gegenleistung versprochen oder erfüllt. "Mit Ausnahme eines Flaschenöffners und Manschettenknöpfen hat Dr. Mahrer sonst keine weiteren Geschenke erhalten", so der Anwalt.

Drei Luxusuhren der Marke Patek Philippe mit unterschiedlichen Zifferblättern in Schwarz, Blau und Rot werden auf Ständern ausgestellt. Im Hintergrund sind weitere Uhren sowie eine gelbe Wand mit geometrischem Muster zu sehen. Die Aufnahme stammt von der Uhrenmesse
Fritsch beschenkte seine Bekannten immer wieder mit Luxusuhren, Mahrer etwa mit einer Patek Philippe (Symbolbild). Die Uhr will Mahrer aber rasch zurückgegeben haben.

Ist die Geschichte somit erledigt? Mahrer sei "leider, wie auch andere Investoren, einem Hochstapler und mutmaßlichen Betrüger aufgesessen ist, weshalb 2022 auch eine Klage der Gründer eingebracht worden ist und seitdem in Wien bei Gericht geführt wird", betont dessen Anwalt. Doch in genau diesem Prozess soll Mahrer als Zeuge der Gegenseite, also von Fritsch, geladen worden sein. Zudem war er mit Fritsch geschäftlich noch bis ins Jahr 2022 verbunden.

Die Recherchen des STANDARD werfen einige Fragen über das Vertrauensverhältnis von Mahrer zu Fuhrmann auf. Aber auch darüber, wie Mahrer seine Ämter als Wirtschaftskammer- und Nationalbankspräsident interpretierte. Aus der WKÖ heißt es allgemein, der Präsident habe "das Gelöbnis abzulegen, sein Amt im Interesse des österreichischen Staates und der österreichischen Wirtschaft unparteiisch und gewissenhaft auszuüben sowie die Gesetze, insbesondere die Verschwiegenheitspflicht gemäß § 69 Wirtschaftskammergesetz, zu beachten". Funktionärinnen und Funktionäre der Wirtschaftskammern seien selbst Unternehmerinnen oder Unternehmer und gehen neben ihrer Funktion weiterhin ihren beruflichen und geschäftlichen Tätigkeiten nach, so die Wirtschaftskammer.

Eine Sprecherin von Gropyus sagt: "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu internen Beratungen und Diskussionen innerhalb des Aufsichtsrats sowie zwischen Aufsichtsrat und Vorstand grundsätzlich nicht äußern." Involvierte berichten allerdings von dicker Luft, seit in Ermittlungsakten Mahrers Pakt mit Fritsch enthüllt wurde. Am 19. August findet jedenfalls die nächste ordentliche Hauptversammlung der Gropyus statt. Punkt 5 der Tagesordnung: Wahlen in den Aufsichtsrat. (Fabian Schmid, 1.8.2026)