Der Reiter Steve Guerdat ist Weltmeister

Der Schweizer Reiter Steve Guerdat gewinnt in Aachen WM-Gold und schafft Historisches

Der Schweizer gewinnt in Aachen überlegen WM-Einzelgold mit seiner formidablen 13 Jahre alten Stute Dynamix de Bélhème. Der Titel ist die Krönung einer herausragenden Karriere.

Stephan Klemm, Aachen23.08.2026, 20.30 Uhr

4 Leseminuten

Aktualisiert


Steve Guerdat und seine Stute Dynamix, «ein aussergewöhnliches Tier», wie der Jurassier nach seinem WM-Titel sagte.

Steve Guerdat und seine Stute Dynamix, «ein aussergewöhnliches Tier», wie der Jurassier nach seinem WM-Titel sagte.

Uwe Anspach / DPA / Keystone

Auch der letzte Sprung gelingt Steve Guerdat aus Bassecourt im Kanton Jura auf seiner formidablen Stute Dynamix de Bélhème. Keinen einzigen Abwurf hat das Paar in fünf anforderungsreichen Umläufen von Mittwoch bis Sonntag hinnehmen müssen. Das hat keine andere Springreiterin und kein anderer Springreiter bei dieser Weltmeisterschaft in Aachen geschafft.

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40 000 Zuschauer im ausverkauften Hauptstadion klatschen rhythmisch. Guerdat, 44 Jahre alt, beugt sich nach dem finalen Sprung nach vorne zu Dynamix, drückt sich an den Hals des Pferdes und flüstert ihm Dankesworte ins Ohr. Dann reitet er einige Ehrenrunden, winkt mit seinem Helm, hebt die Arme hoch.

Guerdat geniesst die Magie des Augenblicks. Nur gerade 0,86 Strafpunkte resultieren am Ende für ihn. Das Ergebnis für den zweitplatzierten Belgier Thibaut Spits und seinen Hengst Impress-K van't Kattenheye Z fällt schon wesentlich höher aus: 5,60 Punkte. Dritter wird der Brite Harry Charles mit der Stute Freda und 7,17 Punkten.

Guerdat spürt den Druck – und lässt sich nicht beirren

Die Abstände illustrieren die Überlegenheit, mit der Guerdat und seine 13-jährige Stute die Sprungtage von Aachen beherrschen. Steve Guerdat ist ein Mann für grosse Titel und ein Medaillengarant bei grossen Championaten. In Aachen vervollständigte er nun seine Sammlung. Olympisches Gold gewann er bereits 2012 in London mit Nino des Buissonnets. 2024 in Paris kam Silber mit Dynamix hinzu. Guerdat ist zudem Europameister, den Titel holte er 2023 – ebenfalls fehlerfrei – mit Dynamix in Mailand. Hinzu kommen drei siegreich beendete Weltcup-Finals. Zuletzt gelang Guerdat dieser Coup 2019 mit Alamo.

Und nun ist er auch noch Einzel-Weltmeister, als erster Schweizer. Er vollendet damit seine Titelsammlung und überhaupt seine Karriere. Beim Siegerinterview kullerten dem Jurassier Tränen über den Dreitagebart. «Das ist der Titel, den ich mir schon als Kind gewünscht habe», sagte er.

Ein Gedanke sei ihm in Aachen stets durch den Kopf geschwebt: «Eine Weltmeisterschaft findet nur alle vier Jahre statt. Es kommt zudem nicht alle vier Jahre vor, dass du über ein Pferd wie Dynamix verfügst. Und dann gingen wir als Führende in die beiden Umläufe des Sonntags.» Das alles, räumte Guerdat nach seinem Triumph ein, habe den Druck erhöht. Er habe gedacht, dass dies seine letzte Chance auf WM-Gold sei.

Hinzu kam der besondere Ort. Aachen gilt als Welthauptstadt des Pferdesports, mit dem bedeutendsten Stadion und dem fachkundigsten Publikum aller Turnierstandorte. «Ich wollte meine Karriere nicht beenden, bevor ich nicht hier in Aachen gewonnen hatte. Ich glaube nicht, dass es etwas Besseres gibt, als hier zu gewinnen», sagte Guerdat.

Blieben in Aachen fehlerlos: Steve Guerdat und Dynamix.

Blieben in Aachen fehlerlos: Steve Guerdat und Dynamix.

Christopher Neundorf / EPA

Vor dem grossen Sieg des Jurassiers vom Sonntag erreichte die Schweiz am Freitag im Preis der Nationen Platz sechs und sicherte damit die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Auch hier war Guerdats hervorragende Leistung ausschlaggebend gewesen.

Auf Dynamix und darauf, wie frisch sie auch im fünften Umlauf noch gewesen sei, sei er besonders stolz, sagte der neue Weltmeister. Schon vor den Tagen von Aachen hatte Guerdat seine Selle-Français-Stute als das beste Pferd, das er jemals geritten sei, gelobt. Er wisse schon lange, «dass Dynamix ein aussergewöhnliches Tier ist».

Tatsächlich sorgte das phänomenale Springvermögen des Pferdes in Aachen nicht selten für ein Raunen auf den Tribünen. Seit acht Jahren steht das Pferd in Guerdats Stall in Elgg im Kanton Zürich. Die Stute hat bereits Nachkommen und entstammt dem Gestüt Elevage de Bélhème in der Normandie.

Guerdat ist nicht nur ein erfolgreicher Einzelreiter. Mit der Equipe der Schweiz hat er auch schon eine Reihe von Medaillen gewonnen: Bronze bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, dazu insgesamt fünf Medaillen bei EM, darunter drei goldene.

Er wusste schon als Kind, dass er Profireiter werden will

Guerdat ist damit einer der erfolgreichsten Reiter seiner Generation. Schon als Kind wusste er, dass er für das Reiten bestimmt ist. Im Alter von drei Jahren sass er erstmals im Sattel. «Ich glaube, ich bin auf einem Pferd geboren und bin bereits geritten, bevor ich laufen konnte», sagte er einmal. Guerdat wuchs in der Umgebung von Pferden auf. Sein Grossvater war Pferdehändler und sein Vater Philippe Guerdat selbst ein erfolgreicher Springreiter, der 20 Jahre lang der Nationalmannschaft der Schweiz angehörte.

Als Zwölfjähriger war Guerdat bereits Finalist bei den Juniorenmeisterschaften der Schweiz und galt als Wunderkind. Die Schule hatte er nach der elften Klasse verlassen, sein Berufswunsch stand da schon fest: Profireiter werden.

Als Guerdat 20 Jahre alt war, verpflichtete ihn der niederländische Weltklassereiter Jan Tops als Bereiter, was seiner Karriere einen grossen Schub verlieh. Immer wieder musste er sich in seiner Zeit bei Tops allerdings von herausragenden Pferden trennen. Deshalb strebte er nach Veränderung. Und fand sie zunächst beim ukrainischen Ölmilliardär Alxander Onitschenko, was mit einem Umzug nach Belgien verbunden war. Doch Onitschenko forderte von Guerdat die Annahme der ukrainischen Staatsangehörigkeit. Das jedoch lehnte er kategorisch ab: «Ich bin Schweizer. Punkt.»

Guerdat verliess Onitschenkos Team und hatte daraufhin längere Zeit keinen Stallanschluss. Ausserdem standen ihm in jener Phase keine Pferde zur Verfügung, weshalb er die Reit-WM 2006 in Aachen verpasste. Guerdat kehrte daraufhin in die Schweiz zurück. Er hatte zuvor den Finanzier und Polospieler Urs Schwarzenbach kennengelernt.

Dieser stellte Guerdat den Rütihof in Herrliberg zur Verfügung. Unterstützung erhielt Guerdat in jener Zeit auch von Yves G. Piaget, einem Spross der Uhrenmanufaktur gleichen Namens und ein Freund der Familie Guerdat. Piaget half mit famosen Pferden aus.

In der Folge nahm Guerdats Karriere jenen Schwung auf, der ihn nun bis zum WM-Gold von Aachen trug. Einmal sagte er von sich: «Auf dem Pferd fühle ich mich am lebendigsten. Ich liebe Pferde. Ohne sie ist mein Leben sinnlos.»

Guerdat sagt von sich, dass ohne Pferde sein Leben sinnlos sei.

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Christopher Neundorf / EPA

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