Während beim ZDF nahezu zeitgleich AfD-Co-Chefin Alice Weidel Rede und Antwort stand, empfing Moderator Markus Preiß den Bundessprecher Tino Chrupalla zum ARD-Sommerinterview – zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Was folgte, war weniger ein Gespräch über Politik als eine Vorführung, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Rolle gegenüber der derzeit stärksten Kraft im Land offenbar versteht.
Ausgerechnet an einem Tag mit frühherbstlichen Temperaturen machte Preiß das Klima zum Einstieg. Mit Bildern von Niedrigwasser, den Schilderungen über Waldbrände und der Zahl von 14.000 Hitzetoten sollte offenbar Betroffenheit erzeugt werden. Chrupalla wies darauf hin, dass die Menschen sich vor allem fragen, ob sie sich Strom und Gas überhaupt noch leisten können, und benannte die eigentliche Problemlage: hohe Energiepreise, die Rentenfrage, Krieg und Frieden. Der Moderator ließ nicht locker und wollte dem AfD-Chef partout eine „graduelle“ Meinungsänderung entlocken – die es nicht gab.
Angst als Dramaturgie
Es folgte, was inzwischen seit Jahren ein Muster ist: Der Sender zeigte einen Einspieler, in dem ein syrischer Arzt, eine Lehrerin und eine Stiftungsgeschäftsführerin ihre Sorgen vor einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt schilderten– suggeriert wurde, ein ganzes Sachsen-Anhalt fürchte die anstehende„Machtübernahme“.
Solche emotional aufgeladenen Montagen findet man beim Öffentlich-Rechtlichen in dieser Form auffällig einseitig. Chrupalla argumentierte hier fast zu zahm, wenn er lediglich fragte, welcher AfD-Politiker jemals gesagt habe, dass integrierte Fachkräfte nach einer Regierungsübernahme gehen müssten.
Der eigentliche Skandal aber ist die Gewichtung. Zwei Drittel der Zeit des halbstündigen Interviews drehten sich um Personalfragen – Chrupalla selbst hielt fest, man rede „schon fast 20 Minuten über diese Dinge“.
Ein pseudoinvestigativer Einspieler zielte auf das Umfeld des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund und unterstellte einzelnen Team-Mitgliedern Nähe zu rechtsextremen Kaderschulen. Verschwiegen wurde, dass der Landesverband Personen mit einer solchen Vergangenheit umfassend überprüft. Ausgerechnet Chrupalla, der mit diesen Landespersonalien nichts zu tun hat, sollte Rechenschaft ablegen. Themen wie Rente, Migration, Sozialstaat, Wirtschaft – all das blieb außen vor.
Der Fall Stendal – Ermittlungen ignoriert
Besonders fragwürdig: Im Zusammenhang mit dem Vorschlag freiwilliger Bürgerwachten brachte Preiß einen Vorfall in Stendal ins Spiel, bei dem ein AfD-Europapolitiker involviert war und ein 14-Jähriger verletzt wurde. Dass die Ermittlungen noch laufen und die Unschuldsvermutung gilt, blendete der Moderator weitgehend aus. Chrupalla verwies korrekt darauf, dass der Sachverhalt „Bestandteil der Ermittlungen“ sei – und betonte, Selbstjustiz lehne man ab, jede Sicherheitskraft müsse die Polizei rufen.
Nicht alles überzeugte auf Seiten des Gastes. Beim Thema Briefwahl in Pflegeheimen blieb Chrupalla vage – er räumte selbst ein, geschilderte Fälle „nicht nachprüfen“ zu können, hielt an den Vorwürfen aber fest. Wer schwere Manipulationen behauptet, müsse Belege liefern oder Behörden einschalten. Auch beim Klima wirkte die Bagatellisierung des menschlichen Anteils angreifbar.
Aufschlussreich war die Passage zur Machtfrage. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will allein regieren, verzichte notfalls auf den symbolträchtigen Ministerpräsidentenposten und lehnt zumindest im Vorfeld Gespräche mit der CDU oder eine Unterstützung durch das BSW ab. Hier hätte man vom Bundessprecher eine klare Linie erwarten dürfen – schließlich kritisiert die AfD seit Jahren die „Brandmauer“ der anderen.
Chrupalla wich aus: Es sei „seine Entscheidung“, der Bundesvorstand mische sich nicht ein. Der Widerspruch bleibt bestehen: Wer im selben Atemzug die „ausgestreckte Hand“ beschwört, während der eigene Spitzenkandidat im Land Gespräche mit potenziellen Partnern kleinredet, muss sich fragen lassen, ob die Absage an Ausgrenzung nur solange gilt, wie man selbst nicht am Zug ist. An dieser Stelle blieb Preiß entsprechend hartnäckig.
Unterm Strich offenbarte dieses Sommerinterview vor allem die Prioritäten des Senders. Statt die stärkste Partei des Landes zu ihren Konzepten für Rente, Wirtschaft und Migration zu befragen, dominierten Angst-Einspieler und Herkunftsdebatten. Der Zuschauer, der Antworten auf seine Alltagssorgen suchte, blieb weitgehend im frühherbstlichen Regen stehen.
Lesen Sie mehr zum Thema