Der virtuelle Sommelier – zwei Westschweizer bringen Jungen den Wein näher
Viele Junge trinken keinen Wein mehr. Ein Startup geht nun auf die Bedürfnisse der digitalaffinen Generation ein.
20.07.2026, 06.27 Uhr
4 Leseminuten

Junge trinken weniger, aber besseren Wein.
IL21 / iStockphoto / Getty
Der Weinkonsum in Europa ist seit Jahren rückläufig. Auch in der Schweiz wird immer weniger Alkohol und insbesondere deutlich weniger Wein getrunken. Dies konstatierte der Bund in der Mitteilung zu seinem jährlichen Weinbericht 2025. «Vor allem junge Menschen wenden sich vom Wein ab, obschon diese Kultur in den hiesigen Sprachregionen fest verankert ist.» Die Gründe sind vielschichtig. Manche bevorzugen Craft-Bier oder Cocktails, andere trinken lieber Stangensellerie-Gurken-Saft – und verzichten ganz auf Alkohol.
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Die beiden Westschweizer Charles Perrier und Bryan Cornelius versuchen nun, diese digitalaffine Zielgruppe anzusprechen. Im vergangenen Jahr haben sie in Bussigny bei Lausanne die Plattform Karafe.ch lanciert. Das Startup unterscheidet sich von herkömmlichen Online-Weinhändlern. «Wir wollen den Zugang zum Wein auf spielerische Weise vereinfachen», sagt Cornelius (34). Er bezeichnet sich als Weinliebhaber, aber nicht als Experte. Ihn habe es frustriert, neue Weine zu entdecken. Die traditionelle Weinsprache und die Degustationsnotizen wirken auf Laien oft abgehoben und abschreckend.
Wenige einfache Fragen
Karafe setzt auf eine verständliche Sprache. «Wir wollen den Konsumenten bei der Hand nehmen», sagt Perrier. Die Kunden und Kundinnen erstellen mittels eines kurzen Tests ein Geschmacksprofil. Dabei beantworten sie Fragen zu ihren alltäglichen Vorlieben. Etwa, ob sie ihren Espresso mit oder ohne Zucker trinken, welche Arten von Schokolade und Früchten sie mögen oder ob sie bei Durst zu Hahnenwasser, Sprudelwasser oder Softdrinks greifen.
Am Ende des Fragenkatalogs ordnet ein Algorithmus den Nutzer einer von zehn Kategorien von Weinliebhabern zu. Basierend auf diesem Profil und dem definierten Budget schlägt die Plattform passende Weine vor. Dabei verzichten die Jungunternehmer auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Sie legen die Kriterien selbst fest und stützen sich auf statistische Auswertungen. Dank Rückmeldungen der Kunden sollen die Empfehlungen laufend treffsicherer werden.

Charles Perrier degustiert jedes Jahr zahlreiche Weine.
PD
Der 29-jährige Perrier ist als ausgebildeter Önologe für die Auswahl und die Zuordnung der Weine verantwortlich. Er stammt aus Grenoble und war zuvor unter anderem für einen grossen französischen Onlinehändler im Weinbereich tätig. Dabei stellte er fest, dass sich das Konsumverhalten verändert. Die jüngere Generation trinke weniger, achte dabei aber auf höhere Qualität. Zudem kenne die Mehrheit der Leute ihren eigenen Geschmack nicht. Und jene, die diesen kannten, hätten Mühe, aufstrebende Jungwinzer zu entdecken.
Perrier degustiert pro Jahr mindestens 6000 Weine, mit «chirurgischer Strenge», wie er es nennt. Diese Verkostungen führt er jeweils am Dienstag und am Donnerstag um zehn Uhr durch, da der Abstand zum Frühstück und zum Mittagessen ideal sei. Schliesslich wählt er rund fünf Prozent der degustierten Weine aus und schaut, ob diese mit dem Profil der Kundschaft übereinstimmen. Er setzt vor allem auf kleine Winzer und versucht, alle zu besuchen, um deren Philosophie zu verstehen.
Viele Weine aus der Schweiz
Für junge Konsumenten spielt der Preis eine wichtige Rolle. Zudem setzten sie heute voraus, dass der Weinbau nach nachhaltigen Methoden erfolge, sagt Perrier. Bei den unter Hipstern angesagten Naturweinen ist Karafe zurückhaltend. Karafe führt zwar entsprechende Weine im Sortiment, will der Kundschaft aber keine extremen Geschmacksprofile zumuten. Die Weine stammen vorwiegend aus der Schweiz, den Nachbarländern sowie aus Spanien und Portugal. Gut 30 Prozent des Sortiments von rund 150 Winzern entfallen auf die Schweiz.
Perrier und Cornelius lernten sich beim Westschweizer Onlinehändler Qoqa kennen. Cornelius war Teil des digitalen Teams und hatte zuvor unter anderem für Ebay gearbeitet. Perrier stiess vor knapp sechs Jahren zu Qoqa, als das Unternehmen während der Corona-Pandemie stark expandierte und im Alkoholsegment Verstärkung suchte.

Bryan Cornelius (links) und Charles Perrier lernten sich beim Westschweizer Onlinehändler Qoqa kennen.
Diese Erfahrungen fliessen nun in das eigene Projekt ein. Cornelius sagt, der Online-Handel mit Wein sei im Vergleich zu anderen Branchen veraltet. Unzeitgemäss seien etwa hohe Mindestbestellwerte für eine portofreie Lieferung. Karafe versendet Weine bereits ab zwei Flaschen kostenlos und innerhalb von 48 Stunden. Diese Flexibilität sei für die jüngere Kundschaft wichtig, sagt Cornelius. Viele hätten keinen Weinkeller, und sie würden Bestellungen oft kurzfristig vor dem Wochenende aufgeben. Die Einladungen zu den regelmässigen Degustationen erfolgen über eine Whatsapp-Gruppe.
Die Testphase bestätigte das Potenzial des Geschäftsmodells. Dank einer Kapitalaufnahme von 600 000 Franken können sich die beiden Gründer seit Anfang des Jahres einen Lohn auszahlen. Cornelius arbeitet inzwischen vollzeitlich für das Startup, während Perrier weiterhin in einem Teilzeitpensum als Weineinkäufer für Qoqa tätig ist. Die Überschneidungen im Sortiment seien jedoch gering.
Bislang haben rund 8000 Personen ein Profil auf der Plattform erstellt. Der Frauenanteil liegt bei 40 Prozent, jener der Männer bei 60 Prozent. Rund zwei Drittel der Kundschaft beschäftigen sich zum ersten Mal richtig mit Wein. Das Durchschnittsalter beträgt 35 Jahre, was für die Branche ein tiefer Wert ist. Der zurzeit beliebteste Wein ist der Gamay eines Kleinbetriebs aus Martigny – eine Rebsorte, die bei Weinkennern nicht den besten Ruf geniesst.
Gemäss Befragungen stimmten die vorgeschlagenen Weine zu 75 Prozent mit dem Geschmack der Nutzer überein, sagt Perrier. Ein Selbsttest bestätigt, dass die Plattform spannende Vorschläge macht, auch wenn nicht jeder Wein den persönlichen Geschmack trifft.
Die beiden Gründer planen nun, die Website weiter zu verbessern und die Personalisierung auszubauen. Sie denken an neue Dienstleistungen wie die Analyse der Weinkeller der Kunden. Zudem wollen sie in die Deutschschweiz expandieren. Der Internetauftritt ist inzwischen auch auf Deutsch verfügbar.
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