"Der Wanderer im Waldviertel": Das Zeugnis eines frühen Influencers

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"Der Wanderer im Waldviertel": Das Zeugnis eines frühen Influencers

Hofschauspieler Friedrich Reil bewanderte Anfang des 19. Jahrhunderts das Waldviertel. Nun liegt eine vollständige Ausgabe seiner blumigen Reiseschilderung vor

Christian Schachinger

Ein Mann sitzt auf einer hölzernen Bank vor einem Haus und scheint auf das Ende des Regens zu warten. Neben ihm liegen ein aufgespannter Regenschirm und eine Tasche. Im Hintergrund sieht man Gartenelemente und eine teilweise geöffnete Fensterluke, hinter der eine Person hinausschaut. Historische Szene aus dem 19. Jahrhundert in Bayern.
Ein Wanderer im bayerischen Raum wartet 1860 auf einer Hausbank das Ende des Regens ab. Regen konnte man früher auch oft im Waldviertel haben. Aktuell herrschen Wassermangel und Dürre.

Heutzutage sieht man touristische Besucher des Waldviertels eher in kanarienvogelbunter Funktionskleidung die Gegend auf E-Bikes durchstreifen. Und auch die Einheimischen setzen anstatt ihrer Autos und Pick-up-Trucks derzeit laut Kaufanregung des Lagerhauses tendenziell auf elektrisch betriebene Lastendreiräder vulgo Cargobikes. Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte man als Urlauber am schnellsten mit dem "Gesellschaftswagen" in die Gegend, um dort zum Beispiel vom Stift Altenburg aus einmonatige Sternwanderungen in der urigen Landschaft zu unternehmen.

Der am Wiener Hofburgtheater wirkende Schauspieler und Schriftsteller – so viel Zeit muss sein – Johann Anton Friedrich Reil ging es 1821 bezüglich eines sanften Tourismus gemütlicher an. Wie jetzt das lange vergriffene und erstmals seit 1823 wieder in vollständiger Fassung erschienene Buch Der Wanderer im Waldviertel zeigt, hat sich an der Faszination für das heutige Wiener Wochenendhaus-Idyll allerdings nur wenig geändert. Zwar wirken die Wälder und Felder wegen des Klimawandels 2026 so, als ob man demnächst vom berühmten Mohn- und Sonnenblumenanbau auf von der Hitze verbrannten Flächen schon bald auf Olivenbäume umsatteln sollte. Zumindest anhand dieser historischen Lektüre aber kann man sich noch einmal daran zu erinnern versuchen, wie der Landstrich früher einmal ausgesehen hat, ohne von Starkstrommasten oder sinnlosen Dorfumfahrungen verunstaltet zu werden, die man sonst von überdimensionierten Autobahnzubringern weiter unten an der Donau kennt.

"Gott grüß euch wieder!"

In einer Zeit, da es die Menschen hinaus aus den Großstädten wie Wien zunehmend in die Ferne drängte, gibt sich auch Reil zu Anfang seiner während eines Monats festgehaltenen Tagebucheinträge enthusiastisch und von Rufzeichen getrieben: "Mögen andere Japan bereisen und das australische Eden, am Nordpol oder auf den Sandwüsten Afrikas! Ich finde meinen Jupiter-Ammon näher, glückselig streife ich auf den Gefilden heimischen Bodens, österreichische Freunde! " Leider finden sich in der Neuauflage des Buchs keine weiteren Begriffserläuterungen im Anhang: Mit Jupiter-Ammon ist die damals berühmte Darstellung des gleichnamigen Orakels in der Oase Siwa in Ägypten gemeint. Ein Sehnsuchtsort des Fernwehs par excellence.

Mögen andere Japan bereisen und das australische Eden, am Nordpol oder auf den Sandwüsten Afrikas! Ich finde meinen Jupiter-Ammon näher, glückselig streife ich auf den Gefilden heimischen Bodens, österreichische Freunde!

Von Wien aus geht es für Friedrich Reil im sonnenreichen Jubelmonat Juli (ab August setzt gern der Winter ein) auf Empfehlung eines ortskundigen Wiener Freundes über Korneuburg, Stockerau und Maissau, "mit meinem kleinen Reisebündel auf dem Rücken und knotigem Schnabelstock in der Rechten" schließlich über Horn in das die ganze Gegend und seine Bauern wie Leibeigene beherrschende Benediktinerstift Altenburg, "an eine gastliche Tür".

Man freut sich mit dem Wandersmann: "So klopfe ich an und rufe ins Zimmer: 'Gott grüß euch wieder!' Freudig springt Groß und Klein mir entgegen, wir drücken uns die Hände, ich setze mich an den Tisch, verzehre ein genügsames Mahl, plaudere, lege mich schlafen, stehe in aller Frühe auf, und nun geht es an ein Herumsteigen auf die Berge, in die alten Burgen, an die Bäche, Auen, Hütten und so, wenn ich mich an einer Ansicht genug geweidet habe, in nomadischem Zug fort an alle Punkte, wo der liebe Gott etwas hingestellt hat, woran das Auge gern länger verweilen mag als im gewöhnlichen Vorbeigehen." Sprich: "Heitere Laune und himmelblaue Phantasie."

"Muntere Mädchen"

Reil durchstreift mit seiner "zur Selbstbewegung eingerichteten Figur" in den folgenden Wochen "mit frischem Geist" nicht nur das Kamptal dank der diversen Hot-Spot- und Übernachtungstipps in diversen Pfarrhöfen eines "Herrn Pater Justus": Rosenburg, Schauenstein, Steinegg, der Horner Wald und so weiter. Natürlich dürfen auch nicht das imposante Stift Zwettl, das Schloss Weitra und die im Ort befindliche Brauerei, die Glashütte Joachimsthal und der Weinbauort Langenlois fehlen.

Diese Aufzeichnungen eines frühen Reise-Influencers erweisen sich als wahres Schatzkästlein der Feel-Good-Literatur. Reil ergötzt sich bei diversen Feiern und wohl auch der Gastfreundschaft diverser Geistlicher geschuldeten Messbesuchen an Land, speziell auch an den Leuten, kurz, "schönen munteren Mädchen und rüstigen Burschen". Friedrich Reil dazu: "Die Predigt fing an, darauf wurde die Messe gelesen. Die große Kirche war ganz angefüllt mit Landvolk." Und weiter: "Lauter gesundes Volk sah ich, besonders haben die Bauerndirnen eine schöne Gesichtsfarbe und Augen wie der klare Spiegel des heiligen Brünnleins. Den Umriss ihres Gesichtes pflegen sie mit weißen Tüchern über die hohen breiten Hauben zu vermummen, selbst im Haus und bei der Schnitterarbeit auf dem heißen Feld."

Lauter gesundes Volk sah ich, besonders haben die Bauerndirnen eine schöne Gesichtsfarbe und Augen wie der klare Spiegel des heiligen Brünnleins. Den Umriss ihres Gesichtes pflegen sie mit weißen Tüchern über die hohen breiten Hauben zu vermummen, selbst im Haus und bei der Schnitterarbeit auf dem heißen Feld.

Der der damaligen Zeit geschuldeten Schwärmerei war auch während einiger Freizeitvergnügen kein Ende gesetzt: "Alle Augenblicke wurde Bescheid getrunken, die lärmenden Musikanten schmetterten dazu. Die Kinder jauchzten; das war ein Geschrei in dem niederen dünstenden Zimmer, dass einem das Gehör verging. Aber alle Gäste waren so kreuzwohl-auf und im Entzücken, als ob sie in ihrem Leben bei solchen Lustbarkeiten noch nie gewesen wären. Wo die Leute die Speisen alle hingegessen haben, begreife ich noch nicht; denn niemand ließ eine Schüssel unberührt vorübergehen."

"Rüstige Burschen"

1825 beginnt ein anderer Wandersmann Spuren in Österreich zu hinterlassen. Der Wiener Beamte Joseph Kyselak wird vier Monate lang von Graz aus den Alpenraum bis nach Südtirol und zurück nach Wien durchqueren und als früher Tagger von Graffitis seinen Namen hundertfach und riesengroß auf diversen Gebäuden und Sehenswürdigkeiten hinterlassen: "Kyselak war da!"

1827 schließlich vertont ein gewisser Franz Schubert auch F. Reils Das Lied im Grünen und beweist damit neben diversen lyrischen Wallungen im Wanderer im Waldviertel, dass die Welt bei seinem Tod 1843 nicht den größten aller Dichterfürsten verloren hat. In An das Müllermädel, geschrieben in einer Mühle am Kamp reimte er: "Mädel geh nicht in die Stadt!/ in den Zimmern gehst du glatt./ Dir wird, weißt nicht wie, geschehen./ Deine Unschuld wird man sehen,/ Und sie wird der Lüste Raub,/ Wie dem Wurm das frische Laub." Im selben Jahr gelingt Franz Schubert übrigens mit der Winterreise ein beklemmendes musikalisches Gegenstück zur erstrebten Wohlbefindlichkeit auf Reisen durch unbekannte Gegenden: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus..."

Man vergisst ja oft beim Fernweh und der Wanderlust, dass man sich selbst und seine Probleme immer im Gepäck mitschleppt. Ein krasser Gegensatz zum unbedarften Wesen Reils und seinem im Gras liegenden, blümerant-sommerlichen Waldviertler Bekenntnis: "Heute lag ich an einem ganz anderen Plätzchen, so hell, so freundlich, so heiter; so mochten die Alten sich auch eines im Elysium gedacht haben." (Christian Schachinger, 18.8.2026)

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