Deutsch-französische Uneinigkeit: Ein gemeinsamer europäischer Kampfpanzer bleibt eine Illusion
Nach dem Ende des FCAS-Kampfjets begraben Berlin und Paris ebenso Pläne für einen Panzer. Auch bei anderen Projekten hakt es. Das ist sicherheitspolitisch verkraftbar, symbolisch jedoch ein weiterer Rückschlag.
Armin Arbeiter, Berlin26.07.2026, 06.00 Uhr
6 Leseminuten

Der Leopard 2 gilt derzeit noch als der wichtigste Kampfpanzer in Europa.
Imago
Beide demonstrieren Einigkeit, als sie am 17. Juli im Schloss Augustusburg im deutschen Brühl zusammentreffen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Kanzler Friedrich Merz erklären, dass sie ihre «strategische Kooperation» vertiefen wollen. Der Ort ist mit Symbolik aufgeladen: 1962 hatte der damalige französische Präsident Charles de Gaulle dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer einen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag angeboten, aus dem später der Élysée-Vertrag entstand.
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Merz und Macron bekräftigen das Ziel einer gemeinsamen nuklearen Abschreckung. Deutsche Soldaten sollen an einer französischen Nuklearübung teilnehmen, man wolle auf dem Gebiet der Abschreckung enger zusammenarbeiten. Auch im Bereich der Rüstungszusammenarbeit.
Frankreich und Deutschland gelten als die grossen Akteure der EU – auch in militärischen Fragen. Würde es ihnen gelingen, an einem Strang zu ziehen, so viele Beobachter, würde das die europäische Verteidigung massiv nach vorne bringen. Derzeit sieht es nicht danach aus. Es ist zwar ein dichtes Gewächs aus Projekten mit komplizierten Abkürzungen entstanden, die zum Ziel haben, die Kooperation zwischen den beiden Staaten zu vertiefen. Derzeit jedoch mit wenig Erfolg.
Bereits Anfang Juni wurde nach Jahren des Streits klar, dass im Rahmen des «Future Combat Air System» (FCAS), eines langjährigen Projekts zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien, nur noch Begleitdrohnen für Kampfjets sowie eine «Combat Cloud» übrig bleiben. Letztere ist ein System, das unterschiedliche Flugzeuge, Drohnen, Sensoren und Waffen miteinander verbinden soll.
Ähnliches dürfte nun beim «Main Ground Combat System» (MGCS) der Fall sein. Aus diesem Projekt sollte unter anderem ein Panzer hervorgehen, der in den vierziger Jahren die Kampfpanzer Leopard 2 (Deutschland) und Leclerc (Frankreich) ersetzen soll. Doch wie bereits bei FCAS dürften nationale Eigeninteressen und Misstrauen zwischen den ausführenden Unternehmen KNDS Deutschland, KNDS Frankreich, Rheinmetall und Thales dazu geführt haben, dass der Panzer nun doch nicht gebaut wird.
Kampfpanzer-Projekt vom Tisch
Das deutsche Verteidigungsministerium wolle im Rahmen des Projekts MGCS eine «plattformunabhängige Technologie» für künftige bemannte und unbemannte gepanzerte Fahrzeuge und deren vernetztes Zusammenwirken mit Kampfpanzern entwickeln, liess es Mitte Juli nach dem Treffen von Merz und Macron in Brühl verlauten. Vom ursprünglich geplanten Panzer war keine Rede mehr.
Auf Nachfrage der NZZ antwortete das Verteidigungsministerium, die «Entwicklung eines Multiplattformsystems als unmittelbarer Nachfolger des Leopard 2 und des Leclerc wird derzeit angepasst». Übersetzt heisst dies, dass der Kampfpanzer nicht gebaut wird.
Damit dürfte ein weiteres symbolträchtiges Produkt deutsch-französischer Zusammenarbeit gescheitert sein. Der Wunsch Deutschlands und Frankreichs, der Welt ein modernes, gemeinsames und vor allem gelungenes Projekt zu zeigen, scheint nicht realisierbar. Ein gemeinsamer Kampfjet oder ein gemeinsamer Kampfpanzer repräsentiert die verstärkte Zusammenarbeit der wichtigsten Staaten der Europäischen Union eindrucksvoller als «Combat Clouds» oder plattformunabhängige Technologien, selbst wenn Letztere von grosser Wichtigkeit sind.
Ihr Zweck ist es, die verschiedenen Waffensysteme und Soldaten miteinander zu vernetzen. Das ist im modernen Krieg wichtiger denn je: ein klarer Überblick über die Lage, die Möglichkeit, schnell zu reagieren oder zuzuschlagen. Ohne sichere und rasche Kommunikation ist das unmöglich.
Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass der Kampfpanzer umfassend modifiziert werden muss. Drohnenabwehr, Tarnung in vielen Bereichen – etwa vor Raketen mit Infrarotsuchköpfen oder Wärmebildkameras – müssen nachgebessert werden. Der Kampfpanzer wird auch in der Zukunft von grosser Wichtigkeit sein, sofern er mit ausreichender Hochtechnologie ausgestattet ist.
Dennoch lässt das vermutliche Aus des MGCS-Panzers tief in das rüstungspolitische Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland blicken. Wie beim Flugzeug haben beide Länder auch beim Kampfpanzer unterschiedliche Erwartungen: Deutschland denkt beispielsweise in der Logik des Leopard-Systems, grosser Nato-Verbände und Bedrohungen an der Ostflanke und benötigt schwerere Panzer. Frankreich will leichtere Panzer, um diese rascher in internationale Einsätze verlegen zu können.
Streit über Kalibergrössen
Dazu kam beim MGCS-Panzer ein Streit über die Grösse des Munitionskalibers: Derzeit ist ein Kaliber von 120 Millimetern Standard. Da aber wohl auch die Panzerung anderer Kampfpanzer stärker wird, so ein Argument, werde wohl ein grösseres Kaliber benötigt. Und wer dafür das Panzerrohr für den nächsten Panzer der Zukunft entwickelt, kann sich über Milliardenaufträge freuen.
Stellvertretend für Deutschland wollte deshalb Rheinmetall ein Kaliber von 130 Millimetern entwickeln, KNDS Frankreich eines mit 140. Nach längerem Tauziehen einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Zunächst entwickelten beide Seiten ihre Kanonenrohre. Erst später hätte man sich in Bezug auf den MGCS-Panzer auf eines der Modelle einigen wollen.
Und so arbeitet KNDS Deutschland seit längerem mit Rheinmetall an einem Leopard 3 als deutscher Überbrückungslösung. Frankreich wiederum lässt KNDS Frankreich einen französischen Übergangspanzer entwickeln.
Auch Uneinigkeit bei Europa-Projekt
Mit Blick auf das schleppend verlaufende MGCS-Projekt wollte Brüssel 2023 parallel dazu ein eigenes lancieren. Doch auch die vom Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) gestartete Initiative steht mittlerweile sinnbildlich für die deutsch-französische Uneinigkeit.
Der EDF wollte ein breites, gemeinsames Konsortium, das die Grundlagen für einen modernen europäischen Kampfpanzer erarbeitet. Deutschland beanspruchte jedoch die industrielle und politische Leitung – gestützt auf die Unternehmen KNDS Deutschland, Rheinmetall und die starke Stellung des Leopard 2. Frankreich wollte laut Berichten diese deutsche Dominanz nicht akzeptieren und zugleich Schlüsselrollen für seine eigenen Unternehmen sichern.
Französische Firmen zogen sich daraufhin 2023 aus dem gemeinsamen Ansatz zurück und bildeten ein eigenes Konsortium. So entstanden zwei parallele Projekte: das deutsch geführte «Main ARmoured Tank of Europe» (MARTE) für den Entwurf einer neuen Panzerplattform und das französisch geführte Projekt «FMBTech», das neue digitale Systeme und flexibel einsetzbare Technik für Kampfpanzer entwickelt.
Die Aufteilung bildet MGCS beinahe wie ein Spiegelbild ab: KNDS Deutschland und Rheinmetall organisieren MARTE, Thales und KNDS Frankreich wiederum das französische Projekt. Beide werden jeweils mit etwa 20 Millionen Euro vom Europäischen Verteidigungsfonds gefördert. Beide liefern zunächst Studien und Designs, keine serienreifen Panzer.
Doch nur ein Projekt wird es in die nächste vom EDF unterstützte Phase schaffen: Bis zum 29. September können sich Konsortien für eine Weiterentwicklung der Studien und Designs bewerben, für die der Verteidigungsfonds 125 Millionen Euro bereithält. Aus dieser EDF-Ausschreibung soll ein Kampfpanzer-Demonstrator entstehen, der für einen Einsatz erprobt werden kann. Die EU will nur ein Projekt fördern.
Hier könnten Merz und Macron zeigen, dass sie ihre in Brühl beschworene, verbesserte Zusammenarbeit in die Tat umsetzen wollen – und dafür sorgen, dass beide Konsortien ihre Arbeiten zusammenführen.
Ein gemeinsames Angebot hätte wohl die besten Chancen, würde aber genau jene Fragen wieder aufwerfen, an denen MGCS jahrelang litt: Wer führt? Welche Bewaffnung soll es geben? Wer hat welche industriellen Anteile?
Andere Staaten verfolgen schon längst eigene Ziele
Doch selbst wenn es gelingt, aus diesem Projekt einen europäischen – oder vielmehr deutsch-französischen – Panzer der Zukunft zu gestalten, bleibt ein weiteres Problem: die mögliche Nachfrage. Die militärisch grössten europäischen Staaten haben längst eigene Beschaffungsprogramme gestartet: Polen etwa setzt auf den südkoreanischen Kampfpanzer K2 sowie eine modernisierte Version des amerikanischen Abrams-Kampfpanzers.
Italien will seine alternden «Ariete» durch einen neuen Kampfpanzer auf Basis des «KF51 Panther» von Rheinmetall ersetzen. Auch Ungarn soll mit dem Panther planen. Grossbritannien investiert in den «Challenger 3», eine Weiterentwicklung des eigenen Kampfpanzers, der bis Ende 2030 in Dienst stehen soll.

Modell des Kampfpanzers KF51 von Rheinmetall.
Malte Ossowski / Imago
Zahlreiche andere Staaten wie Schweden, Norwegen und die Niederlande verlassen sich vorerst auf den Leopard 2A8.
Angesichts dieser breiten Palette an unterschiedlichen Kampfpanzern ergibt es Sinn, dass sich Deutschland und Frankreich auf das Überbleibsel ihres ambitionierten Panzerprojekts MGCS konzentrieren und den Fokus auf die Vernetzung unterschiedlicher Kampfpanzer legen.
Die Idee eines einheitlichen europäischen Kampfpanzers dürfte jedoch für viele weitere Jahre eine Illusion bleiben. Die Mitte Juli im Schloss Augustusburg zur Schau gestellte Einigkeit in rüstungspolitischen Fragen zwischen Deutschland und Frankreich wohl auch.
Merz überreichte Macron als Geschenk ein Faksimile des Programmheftes zum Besuch von Charles de Gaulle in Brühl im Jahr 1962 und wollte damit an einen der bedeutendsten Momente der deutsch-französischen Geschichte erinnern. Dass in Zukunft Ähnliches in Bezug auf den 17. Juli 2026 geschieht, ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.
1 Kommentar
Dieter Krüger
vor 23 Minuten
1954 scheiterte die Europäische Verteidigungsgemeinschaft an der fehlenden Bereitschaft zur vollständigen Integration der Außen- und Sicherheitspolitik. Die wollte sich Frankreich keinesfalls wegnehmen lassen. Dabei ist es bis heute geblieben. Militärintegration und damit auch Rüstungsintegration ohne supranationale Politikentscheidung wird immer an die Grenze der Souveränität der Staaten stoßen, ist doch die Außen- und Sicherheitspolitik deren Kern. Heute, wo zentrale Politikbereiche vergemeinschaftet sind, gilt das mehr denn je.
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