Es ist ein ganz besonderer Tag in der Kita Kleyerstraße. Das verraten schon die großen bunten Buchstaben auf dem Schild vor dem Eingang: „Herzlich willkommen“. Und das sagen die schicke Bluse der Kitaleitung und das feine weiße Hemd des Geschäftsführers, der auch zu Gast ist. Aufgeregt sind heute vor allem „die Erwachsenen“, denn zwei Tage lang wird die Tagesstätte für den Deutschen Kitapreis begutachtet. Fachleute sind angereist und nehmen die Kita Kleyerstraße ganz genau in den Blick. Gegen mehr als sechshundert Bewerber aus ganz Deutschland hat sich die Kita im Frankfurter Gallusviertel bereits durchgesetzt, nun geht sie als eine von acht Finalisten in die letzte Runde.
Seit 2018 wird der Deutsche Kitapreis auf gemeinsame Initiative des Bundesfamilienministeriums und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung jährlich verliehen. „Dem Kitapreis geht es darum, Positives in den Mittelpunkt zu rücken, das viele Engagement zu zeigen“, sagt Elena Rehm. Als Gutachterin begleitet sie zwei Tage lang den Alltag in der Kleyerstraße. Aktuell werden hier neununddreißig Kinder von zehn Fachkräften betreut, bald sollen es vierundvierzig werden. Rehm führt Gespräche mit den Eltern, dem Team – und den Kindern: „Wie gefällt es dir hier?“, fragt sie. Aber auch: „Wer bestimmt in der Kita?“
„Die Kinder sind die Gestalter ihres Alltags“
„Nur, weil wir groß sind, dürfen wir nicht alles entscheiden“, meint Yvonne Sidjabat. Die Erzieherin leitet seit 2024 die Kita Kleyerstraße und hat dort seitdem einiges umgekrempelt. Es gibt einen Beschwerdekasten, ein wöchentliches Plenum, eine „Demokratiesäule“ für kleine Abstimmungen. Mitbestimmung ist in der Kleyerstraße zum zentralen Thema geworden. Die Kinder reden mit, welche Spielsachen bestellt werden oder was es mal wieder zum Mittagessen geben sollte.
Yvonne Anders leitet das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt, sie forscht dort zu früher Bildung und Entwicklung. Für Anders setzt die Kita Kleyerstraße genau am richtigen Punkt an: „Kitas sind der ideale Ort, um Kompetenzen für späteres demokratisches Verhalten zu stärken“, sagt die Psychologin, „denn im Kindergarten kommen Kinder aus ganz verschiedenen Hintergründen zusammen. Das ist in der Schule schon ganz anders.“

„Hier gibt es keine Matschhosenpflicht“, sagt Leiterin Sidjabat. „Die Kinder sollen selbst lernen, ihren Körper wahrzunehmen. Sie müssen kein Essen probieren und werden nicht gezwungen, auf die Toilette zu gehen.“ Anfangs habe das nicht alle überzeugt. Insbesondere die Matschhosen seien zum Diskussionsstoff mit den Eltern geworden. Mittlerweile würde das Konzept aber von allen mitgetragen. „Immer wieder erzählen mir Eltern: Ich musste damals ja immer Rote Beete essen!“, sagt Sidjabat und lacht.
„Beteiligungsverfahren im Alltag sind erst mal großartig“, bestätigt die Professorin Yvonne Anders. „Die Kinder können so lernen, andere Perspektiven einzunehmen, die Wünsche von anderen wahrzunehmen und zu respektieren. Das ist auch wichtig, um Emotionsregulierung und Frustrationstoleranz zu erlernen.“
Konrad Hirsch studiert Soziale Arbeit und arbeitet zwei Tage in der Woche in der Kita Kleyerstraße. Zuvor hat er hier bereits ein Praktikum gemacht. Das war 2022, kurz nach der Eröffnung und damals noch mit „klassischerem“ Konzept. „Im Vergleich zu damals sind die Kinder heute offener, gehen viel mehr auf einen zu, sind lauter und drücken sich mehr aus“, berichtet der Student.
Oben wohnen die Banker, im Hof kickt die Kita
Auch für die Jury des Kitapreises ist es ein großes Plus, wie die Kinder im Alltag beteiligt werden: „Wir wollen sehen, wie konsequent die Kitas die Kinder in den Mittelpunkt stellen“, sagt die Gutachterin Rehm.
Bei allen Freiheiten läuft der Kita-Alltag in der Kleyerstraße ganz geregelt ab. Er beginnt morgens um halb acht und endet um fünf Uhr nachmittags. Durch Mahlzeiten, Freispiel und pädagogische Angebote ist der Tag klar strukturiert. Gerade steht „Außenzeit“ auf dem Tagesplan, und tatsächlich tummeln sich kaum Kinder in Werkraum, Turnraum und Kinderküche. Das Leben hat sich in den Hof verlagert. Die Sandkästen und Schaukeln des Kindergartens belegen den Großteil des Innenhofs der Neubausiedlung, mit roten Rollern düsen die Kinder im Hof herum. Sidjabat blickt hinauf an der hohen Fassade, die in der Vormittagssonne besonders weiß strahlt. „Die Wohnungen mit den bunten Balkonen werden zeitweise an Banker vermietet.“

Das Gallusviertel ist bekannt für seine breite soziale und kulturelle Mischung, die nicht ohne Spannungen bleibt. Einst ein historisches Arbeiterquartier, hat es sich in den vergangenen Jahren durch viele moderne Neubauten und das angrenzende Europaviertel stark verändert. Auch in der Kita selbst zeige sich die Vielfalt des Stadtteils, meint die Leiterin Sidjabat. „Die Kinder kommen aus vielen Gesellschaftsschichten und aus vielen verschiedenen Nationen.“
Der Trägerverein ist vor allem in der Suchthilfe aktiv
Mehr als die Hälfte der Kinder in der Kleyerstraße spricht Deutsch nicht als Muttersprache, auch die Erzieherinnen und Erzieher haben unterschiedliche sprachliche Wurzeln. „Wir nutzen dann Sandwich-Sprache“, erklärt Sidjabat. „Unsere Erzieherin sagt den Satz dann zum Beispiel erst auf Ukrainisch und dann noch einmal auf Deutsch.“
Bevor sie in die Grundschule wechseln, besuchen mehr als die Hälfte der Kinder der Kita Kleyerstraße einen „Vorlaufkurs“, der in Hessen bei mangelnden Deutschkenntnissen im Vorschuljahr verpflichtend ist. „Für uns ist das hier Alltag. Wir wollen den Kindern möglichst gute Chancen für den Start in der Schule ermöglichen“, betont die Kita-Leiterin.
Hinter der Kita Kleyerstraße steht der gemeinnützige Verein „Jugendberatung und Jugendhilfe“. Gegründet 1975 als Antwort auf das zunehmende Drogenproblem im Frankfurter Bahnhofsviertel, ist der Verein auch heute vor allem in der Sucht- und Jugendhilfe tätig, betreibt aber auch Bildungseinrichtungen und die Kita Kleyerstraße.
Im November geht es für das Kita-Team zur Preisverleihung nach Berlin. Ob sie wohl gewinnen? Die Erzieher und Erzieherinnen freuen sich schon: „So oder so – wir sehen Barbara Schöneberger! Sie vergibt den Preis.“