Ukrainerin Diana: Ein Jahr zum Schweizerdeutsch lernen in Thun

Publiziert14. Juli 2026, 18:31

Ukrainerin in der SchweizDiana (25): «Ich will in einem Jahr Schweizerdeutsch lernen»

Beim Treffen in Thun erzählt Diana, wie sie in die Schweiz kam, was die Schweizer aus ihrer Sicht falsch machen – und von ihrem grössten Ziel: einmal mit Gölä «Schwan» zu singen.

Selina Keller

Einmal mit Gölä den Song «Schwan» singen: Dieses Ziel motiviert Diana, Schweizerdeutsch zu lernen. Im Video erzählt sie, warum, gibt Tipps zum Lernen und zeigt ihr Gesangstalent.20 Minuten/Selina Keller

Darum gehts

  • Die 25-jährige Ukrainerin Diana lebt seit 2022 in der Schweiz und lernt nun seit einem Monat Berndeutsch.
  • Ihr Ziel: als erste Ukrainerin nach nur einem Jahr Schweizerdeutsch zu sprechen.
  • Mit einer «Bünzli-Playlist» und einem Zettel am «Chuchichästli» übt sie täglich – ihr Traum ist es, mit Gölä «Schwan» zu singen.

«Ich will die erste Ukrainerin sein, die nach einem Jahr Schweizerdeutsch spricht.» Seit einem Monat arbeitet Diana (25) an diesem ehrgeizigen Ziel. Die Ukrainerin bezeichnet sich selbst als «halb Bünzli, halb Slawin» und lernt am Thunersee den Berner-Dialekt.

Diana (25) wohnt seit vier Jahren in der Schweiz. Hochdeutsch beherrscht sie bereits, jetzt will sie Schweizerdeutsch lernen.

Diana (25) wohnt seit vier Jahren in der Schweiz. Hochdeutsch beherrscht sie bereits, jetzt will sie Schweizerdeutsch lernen.20min/Selina Keller

Dass sie heute in der Schweiz lebt, hätte sie sich vor vier Jahren nicht vorstellen können. Damals riss ihre Mutter sie mitten in der Nacht mit den Worten aus dem Schlaf: «Es sind Bomben eingeschlagen.» Nur wenige Tage später erreichten die Angriffe auch ihre Region im Westen der Ukraine. «Ich konnte dort nicht mehr leben. Ich hatte ständig Angst: Trifft es unser Haus? Das der Nachbarn?»

Durch mehrere Zufälle in der Schweiz gelandet

Dabei war die Schweiz ursprünglich gar nicht ihr Ziel. Im März 2022 wollte Diana für einen Foto- und Videokurs in die Türkei reisen. Weil der ukrainische Luftraum geschlossen war, führte ihr Weg über Polen. Nach mehreren unglücklichen Zufällen und verpassten Flügen landete sie schliesslich in Zürich.

«Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Der Kurs war abgesagt und in der Ukraine herrschte Krieg. Also blieb ich in der Schweiz.» Als sie sich in einem Swisscom-Shop eine SIM-Karte besorgen wollte, nahm ihr Leben eine unerwartete Wendung. «Ich telefonierte mit meiner Mutter und weinte. Ein Mitarbeiter bemerkte das und vermittelte den Kontakt zu einer Frau im Berner Seeland, die Ukrainer aufnehmen wollte.» Diana zog zu ihr und sagt heute: «Ich bin ihr mein Leben lang dankbar.» Der Start sei dennoch nicht einfach gewesen. «Ich kannte niemanden, sprach die Sprache nicht und wusste fast nichts über die Schweiz.»

«Ich lerne die Sprache nicht für andere, sondern für mich. Ich möchte mich richtig zugehörig fühlen.»

Diana (25)

Trotz der schwierigen Anfangszeit lebte sich Diana schnell ein. «Ich hatte das Gefühl, das Leben hat hier auf mich gewartet. Ich wusste schon immer, dass ich nicht in die Ukraine gehöre – auch wenn ich mein Land liebe.» In der Ukraine hatte sie Lehramt und Fremdsprachen studiert, Deutsch gehörte jedoch nicht dazu. Die Sprache lernte sie im Alltag – unter anderem bei ihrer Arbeit als Tagesschulbetreuerin und Lehrerin.

Mit «Bünzli-Playlist» zum Erfolg

«Wenn du Hochdeutsch sprichst, wirst du oft als Ausländer wahrgenommen. Sobald du Schweizerdeutsch sprichst, öffnen sich die Menschen viel mehr.» Für Diana war deshalb klar: Sie will den nächsten Schritt gehen und Schweizerdeutsch lernen. Einfach sei das nicht. «Es gibt keine einheitlichen Grammatikregeln oder Lehrbücher wie beim Hochdeutschen. Jede Region spricht ihren eigenen Dialekt – und ich lerne ausgerechnet Berndeutsch», sagt sie lachend. Seit rund einem Monat übt sie täglich. «Ich mache das nicht für andere, sondern für mich. Ich möchte mich richtig zugehörig fühlen.»

Beim Lernen helfen ihr vor allem Mundart-Songs: «Ich habe eine Bünzli-Playlist und höre sie jeden Tag unter der Dusche.» Darauf laufen Hecht, Lo & Leduc, Züri West und vor allem Gölä. Ihr Traum: eines Tages mit ihm gemeinsam «Schwan» zu singen.

Ihre «Bünzli-Playlist» hilft Diana dabei, Schweizerdeutsch zu lernen.

Ihre «Bünzli-Playlist» hilft Diana dabei, Schweizerdeutsch zu lernen.20min/Selina Keller

Aber Musik allein reicht nicht. «Ich rede mit allen Menschen, die ich treffe – bei der Arbeit, im Laden oder am Feierabend bei einem Bier.» Selbst zu Hause erinnert sie sich ständig ans Üben: An ihrem «Chuchichästli» klebt ein Zettel mit berndeutschen Wörtern und Redewendungen, die sie jeden Tag liest.

Bitte an die Schweizer: «Korrigiert mich!»

Dafür brauche es auch Mut, sagt die 25-Jährige. «Viele Ukrainerinnen und Ukrainer trauen sich nicht, weil sie Angst vor Fehlern haben.» Was das Lernen zusätzlich erschwere: Viele Schweizerinnen und Schweizer empfänden es als unhöflich, jemanden zu korrigieren. Dabei sei genau das wichtig, findet Diana: «Nur so können wir die Sprache lernen.» Deshalb hat sie eine Bitte: «Seid nicht immer so nett – korrigiert uns!»

Dianas Bitte an die Schweizerinnen und Schweizer: «Bitte korrigiert mich!»

Dianas Bitte an die Schweizerinnen und Schweizer: «Bitte korrigiert mich!»20min/Selina Keller

Auch auf Instagram dokumentiert Diana ihren Lernfortschritt und bittet ihre Community um Korrekturen. Mit ihrem Beispiel möchte sie anderen Mut machen: «Redet einfach – und macht Fehler.» In Zukunft möchte Diana als Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung arbeiten. «Ich möchte Menschen helfen, ihren Weg zur Selbstverwirklichung zu finden und ihr Potenzial zu entfalten.»

Selina Keller

Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community

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