Nicht ganz auszumachen, ob es Zittern oder doch sanftes Aufbegehren ist, das in ihrer Stimme liegt. Am Pult, das gleichermaßen exponiert und verlassen wirkt in der Weite des hölzernen Hörsaals, beginnt sie jedenfalls zu sprechen: vorsichtig, ringend, unübersehbar nervös. Sie, eine Schriftstellerin, sei eigentlich hier, um eine Poetikvorlesung zu halten. Um also, wie ein solches Format es will, in zusammenhängender Weise Auskunft zu geben über die Grundlagen ihrer literarischen Arbeit. Jedoch könne sie nicht, wie sie in die Stille des Auditoriums hinein gesteht. Der Sinn für Kohärenz sei ihr abhandengekommen, ihr Schaffen befinde sich in einem „Prozess der Auflösung“. Und dennoch: Trotz ihrer Krise wolle sie sprechen, nicht „ihren Kopf aus der Schlinge ziehen“. Sie könne über einen letzten, nie zu Ende gebrachten Text sprechen, über „ein Wust an Notizen und Fragmenten“, über „Relikte einer Reise“.
Wie Dorothee Elmigers verschlungene, literarische Expedition lässt auch der Theaterregisseur Jan Friedrich am Deutschen Theater Berlin die „Holländerinnen“ mit dem beginnen, was sich an den Rändern des Sagbaren abspielt. Die zehrende Bedrängtheit, die die Schriftstellerin am Pult ausstrahlt, ist nicht etwa einer Vortragsangst geschuldet, keiner Situation, die sich mit etwas Übung und Zuspruch einfach auflösen ließe. Nein, vielmehr wird in den ersten Zeilen von Elmigers Roman spürbar, dass sie schwieriger zu Greifendes umkreist, dass sie die existenziell verunsichernde Erfahrung einer Sprachkrise zum Ausgangspunkt nimmt – um dann doch der Möglichkeit des Erzählens nachzugehen. Wie Hofmannsthals Chandos-Brief am Epochenumbruch zur Moderne ist Elmigers zeitgenössische Schriftstellerin erneut mit der Erfahrung des Zerfalls der Begriffe, der Zersplitterung der Welt konfrontiert.
Der Roman des letzten Jahres
„Die Holländerinnen“, das war der Roman, der letztes Jahr als kleine literarische Sensation den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte. Bildet die umrissene Poetikvorlesung die Rahmenhandlung, so bleibt sie zu dem undurchsichtigen Geschehen, zu dem die Erzählung dann auswuchert, beinahe marginal. Der Großteil spielt in ganz anderen Gefilden als dem Vorlesungssaal: im lateinamerikanischen Dschungel. Drei Jahre zuvor wurde die Schriftstellerin von einem ominösen Theatermacher mit Hang zur Megalomanie kontaktiert und eingeladen, an einem Theaterprojekt teilzunehmen. In dieser „Theatermaschine“, dieser „tropischen Passion“, will er einen Fall „rekonstruieren“: das rätselhafte Verschwinden zweier junger Holländerinnen im Regenwald Panamas. „Rekonstruieren“ meint für den exzentrischen Künstler freilich kein ermittlungstechnisches, sondern ein mimetisches Verfahren, eine etwas nebulöse Methode, bei der es darum geht, „die Dinge am eigenen Leib“ zu erfahren.
In dem Roman bleiben die jungen Holländerinnen eine Leerstelle, eine Art MacGuffin: Sie treiben die Erzählung zwar an, unabschließbar wird um sie gekreist, doch selbst tauchen sie nie auf. Streng genommen treten auch die anderen Figuren der sonderbaren Künstlerreisegruppe nicht in Erscheinung – zumindest nicht im szenischen oder dialogischen Sinne. Das gesamte Geflecht der Erzählung entspinnt sich im Konjunktiv I, in der indirekten Rede, die die Schriftstellerin aus dem Hörsaal als eine Art Selbstgespräch entwickelt. Reich an seltsamem Stoff ist sie dennoch. Jeder der Charaktere gibt während des Dschungelaufenthalts Geschichten zum Besten: mal verstörend, mal skurril, mal übernatürlich. Anekdoten, die Spuren des Traumatischen in sich tragen.
Medium der Illustration
Das Kreisen um eine finstere, niemals vollends auszuleuchtende Leerstelle, die Ersetzung der unmittelbaren, lebendigen Rede durch eine distanzierte, potentiell misstrauische Vermittlung: All das schreit nicht gerade nach einer Übersetzung auf die Bühne – jedenfalls nicht, wenn man Theater vor allem als Medium der Illustration und des dramatischen Dialogs versteht. Würde man zunächst denken. Jan Friedrich aber, der mit dieser Inszenierung am Deutschen Theater debütiert, versucht erst gar nicht, die Hindernisse zu kaschieren, die Unmöglichkeiten der Erzählung zu verdecken, die der Roman auslotet. Er will nicht einen draufsetzen, indem er die im Text vergrabenen Gefühle überillustriert oder indem er versucht, aus den Tiefendimensionen der Expedition in das Unbewusste einer Zivilisation eine eindeutige politische Botschaft herauszudestillieren. Friedrich, und das ist für diesen Berliner Abend ein Glück, nimmt zuallererst den Text ernst: in all seiner Befremdlichkeit, in seinem stetigen, unauflösbaren Changieren zwischen existenzieller (Sprach-)Not und seinem parodistischen – aber niemals zynischen – Gehalt.

Möglich wird diese ernsthafte Zuwendung zum Text auch durch ein Ensemble, das sich mit jeder Faser und hohem Präzisionswillen auf Friedrichs Zugriff einlässt. Über die vollen drei Stunden wird der Text tastend, hoch konzentriert und mit vollem Bewusstsein für seine changierenden Abgründe vorgetragen. Carmen Steinert verleiht der Erzählerin ihre existenzielle Not, ist wahrhaft schockiert, um im nächsten Moment in lebendige Neugier für das befremdliche Potential des Erzählten zu kippen: in die Faszination auf das „Hinstarren aufs Unheil“, in dem ein „unausgesprochenes, heimliches Einverständnis“ liege. Moritz Kienemann fällt nicht der Versuchung anheim, den Theatermacher, diese nach Parodie schreiende Rolle, in den Klamauk zu ziehen. Mit seinen ruhigen, leicht blitzenden Augen, seiner vor sich hin trottenden, aber dennoch besessenen Sprache bringt das lächerlich Exzentrische wie auch das allzu menschlich Suchende, das in dieser Figur angelegt ist, umso mehr zur Geltung.
So wie der Abend dem Text Raum gibt, ihn mit zitternder Ruhe all seine Fremdheit, all seine Abgründe entfalten lässt, so hält er dessen Deutungsmöglichkeiten offen. Mal blitzen Spuren kolonialer Gewalt auf, etwa wenn sich vorgestellt wird, wie die ersten europäischen Eroberer nicht triumphal, sondern voller Verlorenheit im Dickicht des Urwalds irrten.
Mal wird die Grenze zwischen dem Zivilisierten und dem Tierischen infrage gestellt: in einer langen, verstörenden Szene, in der ein obskurer Pferdeflüsterer in seinem Domestizierungsversuch, seiner Nähe zum Tier abstoßend von Manuel Harder beäugt wird. Mal zeigt sich schlicht die Absurdität dieser Charaktere im Dschungel, verlorene Seelen, die sich in Grenzerfahrungen verlieren, ohne System, ohne Plan. Doch erzählt hat sie dann doch eine Schriftstellerin, in deren Stimme man zum Ende hin etwas weniger Zittern, etwas mehr Aufbegehren zu vernehmen meint.