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Unternehmen erstellen virtuelle Profile ihrer Beschäftigten, um Schichtpläne zu simulieren und Arbeitsabläufe zu steuern. Datenschützer warnen.
Digital Twins werden bei der Stadtplanung oder Verkehrssteuerung genutzt. Die digitalen Zwillinge sind virtuelle Abbilder von Objekten und werden auch im Arbeitsleben bedeutsam.
"Viele Chatbots oder Avatare spiegeln dokumentiertes Wissen wider, etwa FAQs und andere fachspezifische Informationen. Es fehlt jedoch an Daten zu Persönlichkeit, Leistung oder Verhalten. Auch KI-gestützte Trainingsplattformen oder Simulationen basieren häufig auf generischen Rollen statt auf den Stärken, Entwicklungspotenzialen oder Motivationen realer Personen", erläutert das Persona Institut in Wertheim.
Ein "Digital Twin" ist das virtuelle Abbild eines Objekts oder Systems. Er verbindet die reale Welt mit der digitalen, indem Sensordaten in Echtzeit genutzt werden. Inzwischen werden von Beschäftigten "Human Digital Twins" erstellt. Dies können auch KI-Avatare sein, die als virtuelle Assistenten eingesetzt werden und sind rund um die Uhr verfügbar. Interaktive Dialog-Avatare können Fragen beantworten und Kunden durch Technik-Systeme leiten.
Der digitale Zwilling entsteht, "indem Daten über den digital abzubildenden physischen Gegenstand erfasst und in das digitale Modell eingespeist werden. Dies geschieht mithilfe von Sensoren. So kann der digitale Zwilling das Verhalten des Originals in Echtzeit überwachen und die Reaktion in alternativen Szenarien errechnen, oder sogar Prognosen geben, wie sich der Gegenstand in der Zukunft verhalten wird", erläutert Dr. Gereon Weiß, Leiter der Abteilung "Automation Systems" am Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme IKS.
An Digital Twins von Automobil-Prototypen lassen sich dadurch kleinste Detailänderungen simulieren, um die Auswirkungen auf den Fertigungsprozess zu testen.
Im Arbeitsalltag wird zunehmend versucht, Menschen als digitale Zwillinge zu simulieren. Anhand virtueller Profile werden Schichtpläne simuliert. Human Digital Twins sollen bei der Qualifizierungsplanung individuelle Lernbedarfe vorhersagen und Mitarbeiter gezielter für neue Aufgaben weiterbilden. Sie können auch zur Simulation von Teamarbeit genutzt werden, indem Kommunikationsmuster analysiert werden.
Was Human Digital Twins im Arbeitsalltag leisten
Besonders interessant sind für das Management die Stellen im Unternehmen, an denen Mensch und Maschine eng zusammenarbeiten. Kernstück der modernen Industrie ist eine rundum vernetzte Produktion. Sie beruht auf technologischer Intelligenz, die in Produkten und Maschinen eingebunden wird. Beschäftigte sind oft ausgestattet mit sogenannten Assistenzsystemen, also Tablets und Smartphones, die ständig Informationen geben und teilweise auch mit Anleitungen bei der Arbeit helfen.
In modernen Produktionsanlagen genügt es oft nicht mehr, nur Maschinen zu simulieren. Die Reaktion der Beschäftigten soll simuliert werden, um zu sehen, wie Arbeiter Entscheidungen treffen oder unter Belastung arbeiten. Denn die Arbeitenden sind zunehmend als Problemlöser gefragt, um bei Störungen aktiv zu werden und eine vernetzte Fabrik am Laufen zu halten
"Durch die Digitalisierung der Produktionslinie werden zudem Daten aus allen Aspekten der Fertigung gesammelt, was eine Überwachung der Produktionslinie ermöglicht. Außerdem kann ein digitaler Zwilling in Echtzeit relevante Informationen sammeln, mit denen die finalen Fertigungsprozesse verbessert werden."
Ein konkretes Beispiel ist das Vermeiden eines Maschinenausfalls während der Spitzenproduktionszeiten.
Digitale Zwillinge machen Bewegungen, Entscheidungen und Verhaltensmuster messbar. Sie können so auch zur Kontrolle genutzt werden. Der Mensch wird damit selbst Teil der digitalen Prozesssimulation. Durch Tracking der Lagerarbeiter entstehen genaue Daten über Verhalten und Arbeitsweise. Die Verknüpfung mit algorithmischem Management ist einfach, der digitale Zwilling wird zum unsichtbaren Anweiser.
Das hat Folgen in der Praxis: Ergibt die Simulation, dass der Weg vom Regal zum Lieferwagen schneller zu erledigen ist, wenn der vorberechnete Weg gegangen wird, erfolgt eine Korrektur über das Headset. Früher musste die Arbeitsvorbereitung mit Klemmbrett und Videokamera auswerten, was der Human Digital Twin in Echtzeit bekanntgibt.
Datenschutz: Was Unternehmen oft unterschätzen
Datenschutzrechtliche Risiken unterschätzen Unternehmen dabei oft. Sobald Kameras, Mikrofone und Sensoren personenbezogene Daten erfassen, gilt die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Jan Tibor Lelley, Fachanwalt für Arbeitsrecht auf dem Fachportal Legal Tribune Online schreibt dazu:
"Digital Twins arbeiten regelmäßig mit biometrischen Daten im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) – also mit Gesichtsbildern, Stimmmustern und Bewegungsprofilen, für die ein besonders strenger Schutzmaßstab gilt."
Auch der Betriebsrat ist zu beteiligen. Es besteht eine Unterrichtungspflicht nach § 90 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) bei der Planung neuer Arbeitsmethoden. Die Einführung von Human-Digital-Twin-Lösungen, die Mitarbeiterdaten verarbeiten, unterliegt der Mitbestimmung des Betriebsrats nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG.
Und nach der EU-KI-Verordnung haben Arbeitgeber, die KI-Systeme zur Erstellung oder Verarbeitung von Inhalten verwenden, Transparenzpflichten.
"Betreiber müssen offenlegen, dass Bild-, Ton- oder Videoinhalte künstlich erzeugt oder manipuliert wurden. Dies ist insbesondere für Unternehmen relevant, die KI-gestützte Avatare oder synthetische Medien in der internen oder externen Kommunikation einsetzen, etwa für Schulungsvideos, virtuelle Assistenten oder Marketingkampagnen."
Jan Tibor Lelley