Geschichte der Sekte Methernitha in Dokfilm von Zürcherin

Dokfilm «Der Engelmacher» über Sekte Methernitha in Linden BE

Neue Erkenntnisse über Guru Paul «Vatti» Baumann

1976 wurde Paul Baumann – Oberhaupt der Sekte Methernitha – wegen sexuellen Missbrauchs zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Verbrechen gingen später weiter. Regisseurin Marina Klauser beleuchtet im Dokfilm «Der Engelmacher» die erschütternden Hintergründe.

Publiziert: 19:03 Uhr

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Aktualisiert: 19:28 Uhr

Darum gehts

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  • Marina Klauser veröffentlicht Dokfilm über die Sekte Methernitha in Linden BE
  • Sektenchef Paul Baumann wurde 1976 wegen Missbrauchs zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt
  • «Der Engelmacher» beweist, dass der Missbrauch nach Baumanns Freilassung weiterging
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Jean-Claude GalliRedaktor People

Heute wirkt die Gemeinde Linden BE wie ein Hort der Idylle. Der letzte Mann, der von hier aus Schlagzeilen machte, war Tom Lüthi (39) als Motorrad-Weltmeister 2005. Vor 50 Jahren jedoch schaute ganz Europa mit Entsetzen auf das Dorf am Übergang vom Emmental zum Oberland, inklusive riesigen Presserummels. 1976 wurde Paul Baumann alias «Vatti», Anführer der Sekte Methernitha, wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Vor 15 Jahren starb er 94-jährig, die Methernitha existiert bis heute.

Marina Klauser (41) hat die Geschichte im Dokfilm «Der Engelmacher» minutiös aufgearbeitet – die Weltpremiere war letzten Donnerstag am Locarno Film Festival. Die Zürcherin hat einen direkten persönlichen Bezug. «Vor sieben Jahren erfuhr ich, dass meine Tante Käthi eine der zentralen Figuren in diesem Drama war», erzählt die Regisseurin Blick.

«Ich googelte dann den Namen Baumann und sah sein Gesicht, das ich kaum vergessen konnte. Vor fünf Jahren ergab sich schliesslich die Gelegenheit, mit der Tante über die Zeit bei Methernitha zu reden. Sie erzählte mir ihre ganze Geschichte, vier Stunden am Stück. Das war die Initialzündung zum Film.»

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Mit Erlaubnis der Tante suchte Klauser weitere Belastungszeuginnen. «Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Viele der Beteiligten sind 70 oder 80, und dies ist der letzte Zeitpunkt, diese Geschichte noch einmal umfassend zu erzählen und vor allem auch für immer festzuhalten. Das war meine grösste Motivation.»

Paul Baumann, geboren 1917 in Linden, verliess die Schule in der fünften Klasse, war handwerklich begabt und verdiente sein Geld anfangs mit Reparaturen. Er hatte ein Geschick, die Leute mit Tricks zu manipulieren und sie glauben zu lassen, er könne Wunder bewirken.

Fasziniert vom Altertum und Ägypten – im Film symbolisiert durch den Skarabäus –, inszenierte er sich als spirituelle Figur und scharte Anhänger um sich. Anfang der 1950er-Jahre gründete er die Methernitha. Dort unterhielt der 1,58 Meter kleine, hagere Mann ein ausgeklügeltes Hierarchie-System. Dazu gehörten Inszenierungen mit historisch wirkenden Gewändern.

«Geistige Reinigung»

Klausers Tante kam 1959 als 15-Jährige mit ihren Eltern nach Linden und hütete vorerst Baumanns Sohn, der auch im Film vorkommt. Bald wuchs ihre Rolle, sie wurde zur Nummer «1» und erhielt den Namen Kometria. In weissen Gewändern wurde sie Baumanns Anhängern als «Engel» vorgeführt. Das Ziel aller weiblichen Mitglieder war es, irgendwann zu Engeln zu werden. Buben und Männer waren zum Arbeiten da und wurden in den gemeinschaftlichen Handwerksbetrieben eingesetzt. 

Um die Missbräuche gegen innen zu kaschieren, behauptete Baumann, die Mädchen «geistig reinigen» zu müssen, damit sie Engel werden könnten. Er nahm auch eigenhändig Schwangerschaftsabbrüche vor, was den Filmtitel «Der Engelmacher» doppelt treffend macht. Eindrücklich schildern Ruth, die von 1958 bis 1976 in Linden war, und Béatrice (von 1963 bis 1973 in Linden) diese Übergriffe.

Zu Fall brachte «Vatti» die Deutsche Gaby Gerth (heute 82), die bei der Methernitha nach einem neuen Lebenssinn suchte. «Vatti» versuchte sie als «Engel» zu vereinnahmen, doch sie durchschaute seine Absichten. «Vatti war ein Verbrecher, und ich wusste, ich musste ihn auffliegen lassen», sagt sie im Film. Sie motivierte Klausers Tante zur Flucht zu ihren Eltern, die danach mit der Aufklärung einzelner Mitglieder begannen. Gleichzeitig wurde Béatrice als Mitwisserin zur Bedrohung von «Vatti». Sie floh aus Linden und zeigte ihn an. Im Mai 1974 wurde er verhaftet.

Marina Klauser sagt: «Die Geschichten dieser Frauen sind alle ineinander verwoben. Ihre Aktionen setzten eine Kettenreaktion in Gang und lösten die Verhaftung aus. Es waren sehr aktive Frauen, die den Weg nach aussen suchten.» Angesichts des damaligen Zeitgeistes sei ihr Effort noch bewundernswerter. «Das war eine Riesenleistung: offen über Missbrauch zu sprechen, einen Prozess auszulösen und ihn sogar zu gewinnen.»

Missbrauch ging weiter

Nach 1976 verwendete die Methernitha sehr viel Energie darauf, die Opfer-Täter-Rollen anzuzweifeln. Zwei Drittel der rund 300 Mitglieder wandten sich von der Gemeinschaft ab. «Wer blieb, war noch viel extremer im Denken.»

So ist auch zu erklären, dass kurz nach «Vattis» vorzeitiger Entlassung wegen guter Führung wieder Missbrauchsfälle stattfanden, wie Klausers Film erstmals zeigt. «Mir war fast klar, dass es so kommen musste: dass einer, der nie gestand, nie bereute und sich nie einer therapeutischen Massnahme unterzog, wahrscheinlich rückfällig werden würde», so die Regisseurin.

Klauser hatte Kontakt zu mehreren Frauen, die nach Baumanns Freilassung missbraucht wurden. Eine von ihnen äussert sich anonymisiert in einem Brief – einer der eindrücklichsten Momente in diesem erschütternden Film. «Der Missbrauch lief weiter und weiter, bis Baumann körperlich und altershalber keine Bedürfnisse mehr hatte», heisst es im Brief.

Methernitha und Gemeinde schweigen

Gerne hätte man gehört, wie sich die Sekte und die Gemeinde Linden zu den jüngsten Erkenntnissen äussern. «Die Leute, die uns bei der Methernitha empfangen haben, waren sehr freundlich, aber wir kamen nicht weiter. Wir konnten nur mit Männern von der Verwaltung sprechen. Sobald wir die Vergangenheit ansprachen, sagten sie, sie seien erst später hinzugekommen und hätten Baumann nicht persönlich gekannt.»

Auch die Gemeindeverantwortlichen wollten nichts sagen. «Für sie ist es natürlich bis heute ein schwieriges Kapitel», sagt Klauser. «Viele sind noch traumatisiert von der Berichterstattung. Linden war lange ein Schandfleck. Der Tenor lautet nun: Warum sollte man wieder Staub aufwirbeln, wenn langsam alles vergessen ist?» Eine bittere Erkenntnis nach 180 packenden Filmminuten.

SRF 1 zeigt «Der Engelmacher» ab Donnerstag, 27. August 2026.