„Eiche“ Scherhant: Vom gesperrten Trainingsplatz in Klopps Kader
Stand: 01.10.2026, 07:24 Uhr
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Derry Scherhant kletterte in Berlin über Zäune, um auf gesperrten Plätzen zu trainieren. Nun wartet die Länderspielpremiere in der deutschen Nationalmannschaft.
München – Derry bedeutet auf Irisch „Ort der Eichen“. Mit seiner Körpergröße von 1,85 Metern ist Derry Scherhant nicht unbedingt von der Statur eichenähnlich, aber zumindest hat der Linksaußen vom SC Freiburg seine Wurzeln vorerst in der deutschen Nationalmannschaft geschlagen. Bundestrainer Jürgen Klopp nominierte den 23-Jährigen für die Nations-League-Spiele gegen Serbien und Griechenland.

Bundestrainer Jürgen Klopp nominierte den 23-Jährigen für die Nations-League-Spiele gegen Serbien und Griechenland. Für den Freiburger Flügelspieler ist das der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die in Berlin begann – und alles andere als geradlinig verlief. Scherhant durchlief kein klassisches Nachwuchsleistungszentrum. Er ist ein Quereinsteiger.
Scherhant tingelt durch Berliner Klubs
Erst mit 18 Jahren wechselte er zur Hertha-Akademie. Davor spielte er beim SC Charlottenburg, bei Tennis Borussia, bei Viktoria 1889 und beim Berliner SC. Was ihn antrieb, war kein Förderplan. Es war ein Schwur. Als Scherhant noch U17-Spieler bei Viktoria 1889 war, saß er auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions.
Er schaute einem Spiel zu. Dann wandte er sich an einen Freund und sagte: „Wenn ich hier nicht irgendwann auf dem Platz stehe, habe ich alles falsch gemacht.“ Fünf Jahre später stand er dort. Am 13. August 2022 debütierte er unter Trainer Sandro Schwarz in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt. Der Schwur hatte sich erfüllt.
Doch der Weg dorthin war steinig. war der Corona-Lockdown. Während viele Talente in dieser Zeit den Anschluss verloren, kurbelte Scherhant seine Karriere selbst an. Er kletterte über Zäune, um auf gesperrte Plätze zu gelangen. Der Trainingsplatz von Tennis Borussia am Kühler Weg wurde sein Zuhause. Stundenlang schoss er alleine aufs Tor. Kam das Ordnungsamt, sprintete er weiter zum nächsten Platz – zum TuS Makkabi Berlin.
Scherhant ist kein gewöhnlicher Fußballer. Ein Hobby von ihm ist Lesen. Die Autobiografie seines damaligen Vorbilds Memphis Depay, „Heart of a Lion“, verschlang er auf Englisch. Er schlug Wörter nach. Er machte Bleistiftnotizen. Dazu las er Philipp Lahms „Der feine Unterschied“ und „Die Brüder Boateng“ von Michael Horeni.
An seiner Wohnungswand hingen Zettel und Poster. Zwei Wörter in Großbuchstaben blickte er jeden Morgen an: „Stärker“ und „Besser“. Auf anderen Zetteln klebten Kästchen – jedes Kreuz darin stand für ein erzieltes Tor. Vor der Regionalliga-Saison 2021/22 setzte er sich ein konkretes Ziel: 15 Tore. Nicht willkürlich. Er hatte analysiert, wie viele Treffer Ex-Hertha-Stürmer Jessic Ngankam gebraucht hatte, um einen Profivertrag zu erhalten.
Nach zehn Spieltagen hatte Scherhant noch kein einziges Tor erzielt. Am Ende der Saison standen 16 Treffer zu Buche. Der erste Profivertrag folgte. Im FAZ-Fragebogen nennt Scherhant bei der Frage nach seinem wichtigsten Trainer einen Namen, der in keiner Datenbank auftaucht. Markus Schatte. Lehrer an der Poelchau-Schule im Olympiapark, Trainer beim Berliner SC. „Bei transfermarkt.de ist er nicht mal als mein Trainer aufgelistet“, sagt Scherhant.
Schatte glaubte an ihn – zu einer Zeit, als Scherhant weder Jugendnationalspieler noch in einem Nachwuchsleistungszentrum war. „Er hat mich gefördert und mich begeistert, weiterzumachen und an meinem Traum festzuhalten“, sagt Scherhant. Auch sein heutiger Trainer Julian Schuster spielte eine besondere Rolle.
Schuster lockt Scherhant mit Nachricht zum SC Freiburg
Im Sommer 2025 schrieb Schuster dem damals noch bei Hertha unter Vertrag stehenden Scherhant eine persönliche Nachricht. Einen Satz daraus gab Scherhant preis: „Kein Trikot steht dir besser.“ Scherhant wechselte für zwei Millionen Euro nach Freiburg. Dort ist er heute Leistungsträger. Mit dem SC Freiburg liegt er in der Bundesliga-Tabelle auf Rang drei.
Und Scherhant träumte laut: „Es wäre ein großer Traum, irgendwann einmal unter dem Bundestrainer spielen zu dürfen“, sagte er noch vor seiner Nominierung. Jürgen Klopp hat diesen Traum nun wahr gemacht. Eichen wachsen langsam. Dafür werden sie alt. Scherhant hat das auf seine Art bewiesen: kein Förderweg, kein NLZ, kein gerader Pfad. Nur Wurzeln, die tief genug reichen – und ein Name, der von Anfang an Programm war.