Eichenprozessionsspinner: Eine Raupe bildet 700.000 Reizhaare

Stand: 21.07.2026, 06:30 Uhr

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Auf dem Kathuser Friedhof kamen im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner schweres Gerät und Schutzkleidung zum Einsatz.

Auf dem Kathuser Friedhof kamen im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner schweres Gerät und Schutzkleidung zum Einsatz. © Immanuel Dobrowolski

In Bad Hersfeld müssen Forstarbeiter in doppelten Schutzanzügen auf Friedhofsbäume steigen. Die Nester sind größer als im Vorjahr und fassen über 100 Raupen statt 20.

Bad Hersfeld – Christof Michalak zieht sich an einem warmen Vormittag am Kathuser Friedhof einen weißen Schutzanzug an. Und dann noch einen. Auch die rosafarbenen Handschuhe zieht der Forstarbeiter in zwei Lagen an. Eine Vollschutzmaske noch, der elektrisch betriebene Filter lässt seine Luftzüge mechanisch klingen, und von Michalak sind nur noch das Gesicht und die Augen hinter der Kunststoffscheibe der Maske zu erkennen.

Die Raupen der Schmetterlingsart sind wenige Zentimeter groß, die Nester kaum zu erkennen.

Die Raupen der Schmetterlingsart sind wenige Zentimeter groß, die Nester kaum zu erkennen. © Stadt Bad Hersfeld

Die Sonne scheint durch die Eichen des Friedhofs. Auf Flatterband um die Stämme einiger Bäume ist der Grund des Arbeitseinsatzes Michalaks und seines Kollegen Tomasz Dzieciol zu lesen: „Vorsicht – Eichenprozessionsspinner.“ Die Population der Insekten, die mit ihren giftigen Haaren ganze Gegenden kontaminieren können, ist dieses Jahr in ganz Deutschland explodiert.

„Eine einzige Raupe bildet ab dem dritten Verpuppungsstadium bis zu 700.000 Reizhaare, eine unglaubliche Zahl“, sagt Immanuel Werner, Mitarbeiter der Grünanlagenkolonne Bad Hersfelds. Die Nester der Schmetterlingsart an den Eichen bieten Platz für bis zu 200 Jungraupen. „Im gesamten Stadtgebiet sind dieses Jahr mehr Nester aufgetaucht, und die sind größer als im Vorjahr“, sagt der zertifizierte Baumkontrolleur.

Zusammen schauen die Männer in die Baumkronen. Entdeckt einer ein Nest, macht er die anderen mit einem Laserpointer darauf aufmerksam. Auf 30 Raupen schätzte Werner im vergangenen Jahr die fast nicht sichtbaren, mit Raupen und Kotablagerungen gefüllten Eigelege, kleine Erhöhungen an den Eichenstämmen. Die Beulen, auf die jetzt der grüne Punkt des Laserpointers fällt, „müssen über 100 fassen“, sagt der Gartenlandschaftsbauer.

Dzieciol beobachtet, wie sein Kollege sich auf die Hebebühne des Hubsteigers begibt. Auch hier ist Flatterband angebracht. „Wir müssen auf den Wind achten“, sagt er, „wegen der Haare.“ Beide haben trotz der Vorsichtsmaßnahmen schon die typischen juckenden Quaddeln und Bläschen der Raupendermatitis – in schlimmeren Fällen löst sie Bindehautentzündungen und Atemprobleme aus – am eigenen Leib erlebt. Bei Werner bildete sich die Dermatitis mit Kortisonsalbe nach etwa einer Woche zurück, Michalaks Handgelenk war ohne Salbe drei Wochen entzündet.

Werner zeigt eine Karte des Stadtgebiets, er dokumentiert alle Fälle. Der Eichenprozessionsspinner ist überall. „Der Befall in ganz Deutschland ist viel höher“, sagt er. Wer allerdings denke, bei dem Tier würde es sich um eine invasive Art handeln, irre sich. „Der Eichenprozessionsspinner wurde schon 1826 in Deutschland dokumentiert“, sagt der Baumkontrolleur. Werner sieht die Klimaverschiebung als Grund für die Verbreitung im Binnenland – 2020 tauchte das Tier erstmals in Bad Hersfeld im Ortsteil Asbach auf – wie auch für die explosiv steigende Population an.

Michalak ist in den Baumwipfeln. Ein Stromgenerator auf dem Fahrzeug brummt und versorgt über eine Leitung einen Spezialsauger. Mit der freien Hand hantiert der Mann an dem Eichenstamm. „Manche Nester sind zäh. Die müssen wir mit den Händen zusammendrücken, damit der Sauger sie aufnimmt“, sagt Dzieciol, der zu seinem Kollegen hochschaut. Er hat eine lange Hose und ein Langarmhemd an, um noch mehr Schutz zu haben.

Immanuel Werner zeigt eine Karte des Befalls im Stadtgebiet.

Immanuel Werner zeigt eine Karte des Befalls im Stadtgebiet. © Immanuel Dobrowolski

An normalen Arbeitstagen sind beide Kollegen der Forstmanagement-Firma Thomas Müller aus Oberaula abwechselnd je vier Stunden in den Bäumen. In der vergangenen Hitzewelle haben sie sich alle anderthalb Stunden abgewechselt. „Was will man machen – sollen wir ‚nein‘ sagen, wenn Spielplätze befallen sind?“, fragt er.

Thomas Rohr ist bei der Stadt Bad Hersfeld mit einem Kollegen für die Friedhöfe zuständig. Am frühen Morgen war er mit den Arbeitern bereits knapp vier Stunden auf der Hohen Luft. „Dort sind die Wege breiter, hier in Kathus muss der Hubsteiger vorsichtiger rangieren“, sagt er. Auf den Friedhöfen im Stadtgebiet stünden vorwiegend Eichen, dies verschlimmere naturgemäß die Situation mit dem Insekt.

Rohr, Dzieciol und Michalak arbeiten nahe der Friedhofskapelle. Hier haben bereits viele Eichen das rote Flatterband. Werner überprüft die Westseite des Geländes. Abgefressene Äste lassen ihn aufmerksam werden und dann entdeckt er ein weiteres Nest: „Reingesponnen in die Astgabel, kaum zu sehen.“ Dann eine weitere Eiche. Sie ist mit vier Nestern befallen. Jedes der Nester schätzt Werner auf 100 Raupen, 2020 seien es noch im Durchschnitt 20 gewesen.

Es gebe Landkreise, die Biozide im Kampf gegen die Tiere einsetzen. „Aber das tötet alles, nicht nur den Eichenprozessionsspinner“, sagt Werner. Gerade Eichen sind insektenreich. Hunderte verschiedene Arten können die Krone des Baumes bewohnen. „Wenn es noch mehr wird, gibt es vielleicht keine andere Möglichkeit mehr“, sagt Werner. Diese Entscheidung müssten aber dann der Magistrat und beteiligte Behörden treffen. Ein toter, ausgewachsener Hirschkäfer liegt im Gras. Werner hebt ihn auf. „Was für ein schönes Tier. Tot, und in den Eichen ist alles voll von den Schädlingen.“

Michalak ist wieder auf dem Boden. Er hat die Handschuhpaare ausgezogen und auch die Atemmaske. Schweißtropfen glänzen auf seinem Gesicht. „Hier waren sie ziemlich zäh“, sagt er, „die meisten musste ich zusammendrücken.“ Die kontaminierten Handschuhe werden wie die Overalls und die Staubsaugerbeutel mit den Raupen in einem schwarzen Deckelfass für Gefahrstoffe landen und später von einem Spezialunternehmen verbrannt.

Die Flatterbänder bleiben aber auf den Friedhöfen Kathus und Hohe Luft. Die Reizhaare der Raupen sind immer noch an den Bäumen und im Gras. Wind kann sie verwehen, Tritte können sie aufwirbeln. Die nahe Umgebung wird kontaminiert bleiben, bis der nächste Starkregen die Haare auswäscht.