Die Ruhe der Tiroler Berge mag dieser Tage so gar nicht zu dem passen, was die HSV-Profis täglich auf dem Trainingsplatz erwartet. Harte Arbeit ist angesagt, so will es Merlin Polzin und so setzt er es im österreichischen Längenfeld auch um. Entsprechend zufrieden wirkt der Coach im MOPO-Interview, in dem er offen über seinen Vertrag, Fábio Vieiras Zukunft und auch ein mögliches Ende seiner HSV-Zeit spricht.
MOPO: In rund fünf Wochen startet die neue Bundesliga-Saison – nach einer Mammut-Sommerpause und langer Vorbereitung. Wie glücklich sind Sie, dass Sie ohne schlechtes Gewissen nun wieder 24 Stunden am Tag an Fußball denken dürfen?
Merlin Polzin (35): Sehr glücklich. Aber es war auch von großer Bedeutung, dass ich meine Akkus zuvor mal komplett aufladen, den Laptop zuklappen und nur für wenige Menschen erreichbar sein konnte. Das war auch für mein Umfeld sehr wichtig, denn im Laufe einer Saison stecken wir Trainer alles, was wir haben, in die Arbeit und sind mit unseren Gedanken voll beim HSV. Da bleibt wenig Zeit für die Familie und die Freunde.
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Sie gelten als Workaholic. Wie muss man sich Ihren Urlaub vorstellen?
Ich habe gut gegessen, viel Sport gemacht und mich mit kulturellen Dingen fernab des Fußballs beschäftigt. Das alles gemeinsam mit meiner Freundin. Wir hatten großartige Wochen in den USA, erst in New York, später an der Westküste. Wir haben auch bewusst darauf verzichtet, ein WM-Spiel im Stadion zu sehen.
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Mit Miro Muheim und Sander Tangvik waren zwei Ihrer Spieler dabei, die demnächst im Volkspark zurückerwartet werden. Was werden die beiden von der WM mitgenommen haben?
Viel Positives. Sander hat als Ersatzkeeper zwar nicht gespielt. Aber allein schon diese sportlich tolle norwegische Reise mitmachen zu können, war eine wichtige Erfahrung. Miro hat seine Minuten gesammelt und seinen Teil zur historischen Leistung der Schweiz beigetragen (die Eidgenossen erreichten erstmals seit 72 Jahren wieder ein WM-Viertelfinale, die Red.).
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Auch der HSV steht nach der vergangenen, so erfolgreichen Saison vor dem nächsten Schritt. Inwiefern hat sich die Ausgangslage für Sie nun verändert?
Fast komplett. Wir haben im Vorjahr nachgewiesen, dass wir in der Bundesliga auf unsere Art und Weise erfolgreich sein können. Bildlich könnte man sagen: Letztes Jahr hatten wir nach dem Aufstieg ein weißes Blatt Papier. Nun haben wir die Seite beschriftet und können uns die wichtigsten Punkte davon rauspicken. Das ist ein großer Unterschied zu der Situation, die wir als Aufsteiger mit dem damals enormen Umbruch vorgefunden haben. Jetzt gilt es, Dinge zu verfeinern.
Erkennen Sie bei sich selbst Entwicklungsschritte?
Es wäre schlimm, wenn das nicht so wäre. Unabhängig von der Liga geht es immer darum, sich zu reflektieren und das eigene Handeln zu hinterfragen. Das habe ich getan und Dinge festgestellt, die mir auch an mir selbst nicht so gut gefallen haben. Ich habe viele Gespräche geführt, vielleicht auch mal unangenehme, die mich aber besser machen.
Merlin Polzin schätzt die Zusammenarbeit mit Kathleen Krüger beim HSV
Könnte einer der nächsten Entwicklungsschritte sein, die Impulsivität am Spielfeldrand etwas zu verringern? Sie und ihre Assistenten kassierten ligaweit die meisten Karten.
Es muss sicherlich unser Ziel sein, das kontrollierter zu machen. Das heißt nicht, dass wir gar nichts mehr sagen wollen, sondern es bedeutet, in den richtigen Momenten der Mannschaft vom Rand aus zu helfen. Aber das ist ein Lernprozess. Es sollte sicherlich im Interesse von uns allen sein, dass wir seriös auftreten.
Ihr Vertrag endet im Sommer 2027. Grundsätzlich ist die Vereinsspitze sehr an einer Verlängerung interessiert. Die neue Sportvorständin Kathleen Krüger möchte sich allerdings noch ein eigenes Bild von Ihrer Arbeit machen. Wie verfolgen Sie den Prozess?
Ich glaube, man hat gesehen, welche Entwicklungen wir im Trainerteam, mit der Mannschaft und dem Verein genommen haben: den Aufstieg und dann auf Anhieb Rang 13. Es ist von allen, die um die Mannschaft herum das Sagen haben, sehr gut gearbeitet worden. Natürlich sind wir daran interessiert, das weiterzuführen. Dass sich Kathleen selbst ein Bild machen möchte, ist völlig verständlich. Es ist aber nicht so, dass ich deshalb schlecht einschlafe. Wir haben einen guten Austausch. Es geht alles in die richtige Richtung.
Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit?
Als wirklich gut. Der HSV hat sich ja ganz bewusst für Kathleen mit ihren fachlichen und menschlichen Qualitäten entschieden. Dass sie zu Claus (Sportdirektor Costa, die Red.), Eric (Finanzvorstand Huwer, die Red.) und unserem Trainerteam passt, war, glaube ich, eine Grundvoraussetzung vonseiten des Aufsichtsrates.
Wie wichtig wäre es für Sie, noch vor der Saison zu verlängern und nicht mit einem auslaufenden Vertrag in die Spielzeit zu starten?
Darüber mache ich mir aktuell keine Gedanken. Ich bin voll fokussiert. Damit habe ich genug zu tun, denn wir wollen eine erfolgreiche Saison spielen.
Wo gilt es, diesbezüglich den Hebel anzusetzen?
Was das kompakte und tiefe Verteidigen betrifft, waren wir in der Vorsaison für die Gegner sehr unangenehm zu bespielen. Zum Ende der Saison standen wir aber auch in Sachen Ballbesitz auf Rang zehn der Liga. Wir sprechen also von einer Mannschaft, die den Ball haben möchte. Nun geht es darum, diese Momente noch viel intensiver, aggressiver und mutiger zu gestalten. Dazu gehört, dass die Schienenspieler noch deutlich öfter rauf- und runtermarschieren und dass wir bei Ballverlusten häufiger in den höheren Pressing-Momenten bleiben.
Er ist eine große Persönlichkeit und sehr beliebt im Verein. Vermutlich ist er der beste Fußballer, der in den vergangenen 20 Jahren für den HSV gespielt hat.
Eine Ihrer treibenden Kräfte war in der Vorsaison Fábio Vieira, der nach seiner Leihe jetzt wieder beim FC Arsenal trainiert. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es mit einem Kauf klappt?
Er ist eine große Persönlichkeit und sehr beliebt im Verein. Vermutlich ist er der beste Fußballer, der in den vergangenen 20 Jahren für den HSV gespielt hat. Wenn da eine Tür aufgeht, ist es unsere Pflicht, alles zu geben, damit es funktioniert.
Halten Sie Kontakt zu ihm?
Es ist nicht so, dass wir aktuell dreimal am Tag miteinander telefonieren. Ich weiß aber aus der Mannschaft, dass die Jungs sehr aktiv in seine Richtung sind (schmunzelt).
Während das Warten auf Vieira weitergeht, ist der erste neue Stürmer mittlerweile da. Am Dienstag stieß Patson Daka zur Mannschaft. Was erhoffen Sie sich von ihm?
Er deckt das Profil ab, das wir gesucht haben, spielt sehr intensiv und hat ein hohes Ethos, was das Verteidigen und Pressen betrifft. Zudem verfügt er über ein brutales Tempo und spielt sehr mannschaftsdienlich.
Allerdings hat er nach drei sehr starken Spielzeiten in Salzburg nun fünf eher durchwachsene Jahre in Leicester hinter sich.
Patson ist 2021 für 30 Millionen Euro nach Leicester gewechselt. Hätte er dort seine Torquote gehalten, wäre er jetzt wohl kein Kandidat für uns gewesen. Ich denke, dass wir ein Umfeld erschaffen haben, in dem Spieler, die eine kleine sportliche Delle hatten, wieder zu ihrer Topform finden können. Da sind Fábio Veira oder Albert Sambi Lokonga gute Beispiele.
Auch Bilal Nadir ist zum HSV gewechselt. Was ist er für ein Spieler?
Er verstärkt uns sowohl in der Breite als auch in der Spitze. Bilal ist ein technisch sehr versierter Spieler, den wir flexibel einsetzen können. Wir wollen ihm schnell unsere Spielidee näherbringen und ihm gleichzeitig die nötige Zeit geben, sich einzuleben.
Wie Polzin neue Spieler vom HSV überzeugt
Welchen Eindruck machen die anderen Zugänge Kofi Amoako und Martin Adeline auf Sie?
Beide haben sich gut in die Mannschaft integriert. Kofi hat mit Rambo (Nicolai Remberg, die Red.) einen absoluten Leader und Führungsspieler auf seiner Position neben sich, von dem er sich sehr viel abschauen und lernen kann. Martin wiederum kann durch seine Intensität und seinen Fleiß seine offensive Rolle etwas freier gestalten und sich ausleben. Das ist das, was wir auf dieser Position haben wollten.
Die nächsten Zugänge sollen und müssen folgen. Neben einem weiteren Stürmer sucht der HSV einen Vuskovic-Ersatz für die Abwehrmitte und Schienenspieler. Wie entscheidend sind in den Verhandlungen die Gespräche, die Sie persönlich mit den Kandidaten führen?
Total entscheidend. Es geht ja nicht nur darum, dem Spieler zu verdeutlichen, was ihn bei uns erwartet und wie wir Fußball spielen wollen. Ich muss auch herausfinden, wie ein Spieler reagiert, wenn er mal nicht spielen sollte, und ob er auch zu unserer Vereinskultur passt.
Klingt nach aufwendigen Auswahlverfahren. Wie viele Gespräche mit potenziellen Zugängen haben Sie in diesem Sommer geführt?
Gar nicht so viele. Weil wir im Nachgang der Saison sehr klare Profile festgezogen haben, wo wir uns verbessern wollen und welche Spieler passen würden. Mir ist auch wichtig, dass ich keine Werbegespräche führe. Ich möchte keinem Spieler etwas versprechen, damit er zum HSV kommt, sondern möchte aufzeigen, wie wir arbeiten.
Es wird allerdings auch beim HSV immer wieder unzufriedene Spieler geben. Einer von ihnen könnte aktuell Jean-Luc Dompé sein, der den Verein gern verlassen würde. Wie beurteilen Sie seine Situation?
Natürlich ist es immer ein großes Thema, wenn ein Spieler in der Vergangenheit gute Leistungen gezeigt hat, diese Momente im Hier und Jetzt aber etwas weniger stattfinden. Jean-Luc ist ein Teil unserer Mannschaft und dementsprechend arbeiten wir gut mit ihm zusammen. Er ist in der Mannschaft beliebt. Es ist nicht so, dass wir einen Problemfall haben, der mitgeschleppt werden muss. Er weiß, was ich von ihm erwarte.
Polzin: Keine zu hohen Erwartungen an den HSV
Vertreter anderer Vereine gehen davon aus, dass der HSV recht zügig größere Sprünge machen kann. Frankfurt-Boss Axel Hellmann bezeichnete den HSV als den nächsten Stern, der aufgehen werde. Wie gehen Sie mit solchen Aussagen um?
Es freut mich, wenn der HSV von anderen Personen derart ernst genommen und respektiert wird. Aber es bringt mir nichts, Ergebnisziele auszurufen, bei denen es schwer einzuschätzen ist, ob sie möglich sind oder nicht. Wir arbeiten täglich hart dafür, jedes Spiel in der Bundesliga gewinnen zu können oder zumindest eine Chance zu haben. Aber wir werden jetzt nicht anfangen, uns Ziele zu setzen, die vielleicht über das Ziel hinausschießen.
Im vergangenen Jahr ist es dem Verein gelungen, Geduld und Demut vorzuleben. Wie wichtig wird es sein, dass die Anhänger auch im zweiten Bundesliga-Jahr nach dem Aufstieg realistisch bleiben?
Extrem wichtig. Unsere Fans hatten in der Vergangenheit ein großes Gespür für die Situation – gerade auch in etwas härteren Momenten. Natürlich gehört es im Fußball dazu, groß zu denken. Der HSV polarisiert und elektrisiert. Doch ich weiß genau: Bei unserem ersten Saison-Heimspiel gegen Mainz wird der Volkspark voll da sein und auch ein Gespür für die Mannschaft haben.
Wenn Sie über den HSV sprechen, fällt auf, dass Sie sich noch immer die Begeisterung bewahrt haben, die Sie vom ersten Tag an ausstrahlten. Wie schaffen Sie das, angesichts aller Schattenseiten, die Sie ja gelegentlich auch kennenlernen?
Für mich bleibt der Erfolgsschlüssel die Zusammenarbeit, vor allem mit Loic. Wenn ich das Gefühl hätte, ich müsste alles allein machen, wäre das in Hamburg mit diesem Pensum nicht zu schaffen. Ich habe um mich herum Leute, auf die ich mich verlassen kann und die eine enorme Qualität mitbringen. Auf der anderen Seite lasse ich es zu, dass sie sich voll ausleben können. Loics und meine Verbindung ist da das beste Beispiel. Das gibt mir ein überragendes Gefühl. Dazu kommt: Hamburg ist nun mal meine Heimatstadt.
Wenn du Angst um deinen Job hast, merken es die Spieler in der ersten Sekunde. Bei solchen Angelegenheiten sind die Jungs unfassbar feinfühlig.
Sie standen früher als Fan in der Kurve und leben die Liebe zu ihrem Verein vor. Ganz ehrlich: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Ihre Zeit als HSV-Trainer irgendwann mal enden wird?
Ja. Für vier Wochen, als ich Ende 2024 Interimstrainer war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Aber all das, was wir jetzt erleben dürfen, treibt mich maximal an. Ich denke an keinem einzigen Tag an das Ende. Und eines ist auch klar: Wenn du Angst um deinen Job hast, merken es die Spieler in der ersten Sekunde. Bei solchen Angelegenheiten sind die Jungs unfassbar feinfühlig. Würde ich vor einem Spiel denken, dass wir verlieren, oder hätte ich Angst um meinen Job, hätte ich schon verloren.
Und doch wird der Tag des Abschieds irgendwann kommen.
So ist das als Trainer. Aber ich denke nicht daran. Seien wir ehrlich: Ich bin 35 Jahre alt und stehe noch ziemlich am Anfang. Es ist ja auch ein reizvoller Gedanke, vielleicht irgendwann mal im Ausland zu arbeiten, eine neue Sprache, Menschen oder Kulturen kennenzulernen. Aber ich denke jetzt nur daran, dass wir eine geile Saison spielen wollen. Unser Weg mit dem HSV ist doch noch lange nicht zu Ende.