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Hebamme in Offenbach Wie ein Mann im Kreißsaal seine Berufung fand
Roman Linares-Ebert hat in seinem Leben schon einige Berufe ausprobiert. Als Hebamme im Sana-Klinikum Offenbach hat er seine Berufung gefunden. Hier erzählt er, wie er bei Patientinnen ankommt – und was er anderen Männern mitgeben möchte.
Roman Linares-Ebert arbeitet als Hebammen-Student im Sana-Klinikum Offenbach. Bild © Levi Pfeuffer-Rooschüz
Pepe wirkt noch etwas verschlafen, als Roman Linares-Ebert ihn sanft auf den Rücken dreht und aus seinem Baby-Bett hebt. Der Säugling ist wenige Stunden alt, für ihn steht die sogenannte U1-Untersuchung an. Der Mann in der blauen Uniform betastet die Wirbelsäule, zählt die Finger, testet Reflexe. Alles in Ordnung: "Sehr gut, jetzt darfst du zurück zur Mama."
Hier in der Geburtshilfe des Sana-Klinikums in Offenbach arbeitet Roman Linares-Ebert seit zwei Jahren als Hebammen-Student. Er studiert dual, das bedeutet: Hörsaal in Frankfurt, Berufspraxis in Offenbach. Auf seiner Station ist er fast der einzige Mann.
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01:14 Min.|hessenschau.de
Roman will Hebamme werden
Ende des Videobeitrags Nur zwei von über 1.000 Hebammen männlich
Nach Angaben des Statistischen Landesamts waren 2024 nur zwei von 1.057 Hebammen männlich. Beim Hebammen-Nachwuchs sieht es ähnlich aus: Unter den insgesamt 487 Studierenden waren im Sommersemester 2026 zwei Männer.
Trotz seines Exoten-Daseins ist Linares-Ebert sich sicher, am richtigen Fleck zu sein. Als Hebamme werde man "nicht reich". Es sei vielleicht auch nicht der angesehenste Beruf, "aber einer der wichtigsten". So wichtig, "dass es auch egal ist, wenn ich in die Nachtschicht muss oder Weihnachten verpasse".
An die erste Geburt während eines Praktikums erinnert er sich noch genau, an die Schmerzen der Patientin, an ihre Erleichterung danach. "Die Schultern sind dann runtergesackt, sie hat laut ausgeatmet." Für Linares-Ebert war das eine "überwältigende" Erfahrung, die seinen Berufswunsch festigte.
Neugierde, aber auch Bedenken im Team
Vor zwei Jahren erreichte das Hebammenteam im Sana-Klinikum die Anfrage, einen männlichen Studenten aufzunehmen. Bei der Teambesprechung gab es Neugierde – aber auch Skepsis.
In Offenbach entbinden viele Frauen mit Migrationsgeschichte: "Manche Kolleginnen hatten Bedenken, ob der Roman da akzeptiert wird", erzählt seine Praxisanleiterin Sophia Azzarone.
Praxisanleiterin Sophia Azzarone Bild © hr
Auch Linares-Eberts Kommilitonin und gute Freundin Annika Schmidt hatte Fragen: "Wie kann ich mit ihm arbeiten? Kann ich mit ihm über dasselbe reden wie mit den Frauen?"
"Roman schlägt sich gut als Hahn im Korb"
Doch die Neugierde im Team überwog, die Entscheidung fiel für Linares-Ebert. Eine gute Wahl - findet Sophia Azzarone. "Empathisch, offen und neugierig" - so beschreibt ihn seine Praxisanleiterin. "Roman schlägt sich gut als Hahn im Korb."
Annika Schmidt erzählt, dass gerade Väter sich bei ihrem männlichen Kollegen gut aufgehoben fühlten: "Sie trauen sich dann eher, Fragen zu stellen." Linares-Ebert ist selbst Vater von Zwillingen.
Annika Schmidt studiert zusammen mit Roman Linares-Ebert. Bild © hr
Frust und Zweifel
Zurück auf der Station: Linares-Ebert ist zur Visite im Familienzimmer, die Patientin hat gestern entbunden. Die Hebamme beglückwünscht Mutter und Vater und erkundigt sich: "Wie klappt es mit dem Stillen? Wie ist es mit der Blutung?"
Die Arbeit im Kreißsaal und auf der Wochenbettstation ist intim. Für die Patientin heute ist Linares-Eberts Geschlecht kein Thema. "Fürsorge und natürlich die fachliche Kompetenz" müsse eine Hebamme mitbringen. Alles andere sei ihr egal, sagt sie.
Die allermeisten Patientinnen akzeptierten und schätzten ihn, erzählt Roman Linares-Ebert. Doch manche lehnten ihn ab: "Da darf ich noch nicht mal in den Kreißsaal, da rufen die schon, dass sie keinen Mann wollen".
Linares-Ebert sagt, er könne das schon verstehen. Er hilft dann im Hintergrund, zieht Medikamente auf – und trotzdem: "Ich kann nicht abschalten, dass dann Gefühle wie Zweifel oder Frust hochkommen."
Roman Linares-Ebert bei der Nachsorge Bild © hr
"Hebamme ist ein starker Begriff"
Wer "Hebamme" im Internet sucht, findet nur Bilder von Frauen. Männliche Vorbilder? Fehlanzeige. Bis 2020 hießen männliche Hebammen "Entbindungspfleger", seither ist "Hebamme" ein generisches Femininum. Das heißt: Männer sind mitgemeint.
Roman Linares-Ebert gefällt das. "Hebamme" sei "ein starker Begriff, voller Energie", mit dem jeder etwas verbinde. Seit 2020 führt der Weg in den Beruf über ein Studium. Man kann es in Hessen in Frankfurt, Gießen, Fulda und Marburg absolvieren.
Linares-Ebert ist es wichtig, den Beruf für Männer zugänglicher und normaler zu machen. Er will zeigen, "dass es okay ist, in einem klassischen Frauenberuf zu arbeiten". Überhaupt wünscht er sich, "dass sich mehr Menschen trauen, Dinge zu tun, von denen andere denken, dass sie verkehrt oder nicht so angesehen sind".
Bundeswehr, Fitness, Kloster
Linares-Eberts Weg in die Geburtshilfe verlief keineswegs gradlinig. Nach dem Fachabitur ging er zur Bundeswehr, diente zwei Jahre auf dem Segelschulschiff Gorch Fock. Für ihn war das ein "Übergangsritual": "Ich wollte mich von zu Hause abnabeln, brauchte einen Tapetenwechsel."
Bei der Marine hielt es ihn nicht. Er probierte sich als Fitnesscoach, ging in ein hinduistisches Kloster, studierte Theologie. "Ich musste herausfinden, was ich will", sagt der heute 33-Jährige rückblickend.
Ist vielleicht auch das Hebammenstudium nur ein Kapitel auf seiner Reise? Roman Linares-Ebert schüttelt den Kopf: "Ich habe das Gefühl, dass ich angekommen bin."