Schüsse in Aarau - Gewalttat strapaziert Vertrauen in öffentliche Sicherheit

Die Schüsse an einer Rave-Party in Aarau haben das grundsätzliche Vertrauen in die Sicherheit der Schweiz erschüttert.

01.09.2026, 19:14

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Die Gewalttat habe in erster Linie das Sicherheitsgefühl der Menschen erschüttert, sagt Ineke Pruin, Kriminologin an der Universität Bern. Die Schweiz bezeichnet sie als extrem sicher, aber bei jedem Zugunglück, jedem Unfall und jeder schweren Straftat würden die Menschen daran erinnert, was alles passieren könnte. «Dann setzt das Gefühl ein, dass alles gefährlich und niemand mehr sicher ist.»

Risiken werden nicht rein statistisch beurteilt

Das Sicherheitsgefühl und die tatsächliche Sicherheit sind gemäss Ineke Pruin jedoch nicht dasselbe. «Ich kann mich extrem verunsichert fühlen, auch wenn ich eigentlich statistisch gesehen total sicher bin.» Personengruppen, die statistisch kein hohes Risiko haben, Opfer von Straftaten zu werden, können sich subjektiv sehr gefährdet fühlen. Und umgekehrt. Im Fachjargon heisst das «Kriminalitätsfurcht-Paradox». Es zeigt, dass das subjektive Sicherheitsgefühl und die objektive Sicherheitslage nichts miteinander zu tun haben, so Ineke Pruin.

Kriminalitätsfurcht-Paradox

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Hier geht es um einen Widerspruch: Gruppen mit einem statistisch geringen Risiko, Opfer von zum Beispiel Strassenkriminalität zu werden (wie Frauen und ältere Menschen), zeigen eine besonders hohe Angst vor Kriminalität. Umgekehrt fürchten sich junge Männer deutlich weniger, obwohl sie laut Kriminalstatistik am häufigsten Opfer von Gewaltdelikten werden.

Dass die Veranstalter des Raves im Aargau mehr Polizeipräsenz an grösseren Anlässen fordern, könne auf die Besucherinnen und Besucher beruhigend wirken, sagt die Professorin. Obwohl sich dadurch die Sicherheit nicht grundlegend verändere. «Viel wichtiger ist für mich der Zusammenhalt, dass wir aufeinander achten und hinschauen, wenn wir etwas Verdächtiges sehen», sagt Ineke Pruin, die selbst auch Technopartys besucht.

Nahaufnahme von roten Rosen auf einer Oberfläche, mit einem unscharfen Polizeiauto im Hintergrund.
Legende:

Die Blume der Liebe als Zeichen der Trauer und Anteilnahme beim Tatort in Aarau.

Keystone / MICHAEL BUHOLZER

Wenn eine Tat unerwartet, schwer vorhersehbar und an einem grundsätzlich als sicher wahrgenommenen Ort geschieht, sei die Erschütterung besonders stark, betonen Lyn Ellen Pleger und Alma Ramsden, Dozentinnen an der ZHAW, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Weil Menschen Risiken nicht rein statistisch beurteilten.

Kantone zur Forderung nach mehr Polizeipräsenz

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Die Forderung der Rave-Organisatoren nach mehr Polizeipräsenz stösst bei der KKJPD auf offene Ohren, heisst es auf Anfrage. Für die kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren ist nachvollziehbar, dass solche Vorfälle für Verunsicherung sorgen. Gleichzeitig sei der öffentliche Raum in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr sicher.

Die Mitglieder der KKJPD setzten sich in ihren Kantonen seit Langem für mehr Mittel für die Polizei ein. Zum Teil erfolgreich. Damit mehr Polizistinnen und Polizisten angestellt werden können für den Einsatz auf der Strasse.

Allerdings könne auch eine sehr hohe Polizeidichte keine hundertprozentige Sicherheit garantieren.

Besonders spektakuläre, gewaltsame und kaum vorhersehbare Ereignisse, etwa Terroranschläge oder Flugzeugabstürze, blieben den Menschen besonders stark in Erinnerung. Die Grossereignisse erscheinen so als massive Gefahren. Niemand denke nach einem Schusswaffenangriff daran, ob es statistisch möglich ist, selbst Opfer eines solchen zu werden. Für die Menschen sei klar: «Wenn es dort passieren konnte, könnte es auch mir passieren», so die beiden Expertinnen.

Stressreaktionen auch bei keiner unmittelbaren Betroffenheit

Auch wenn die Gefahr subjektiv wahrgenommen werde, sei sie bedeutend. Die Forschung zu Massenschiessereien zeige bei direkt Betroffenen und Menschen aus dem Umfeld unter anderem erhöhte Angst, Stressreaktionen und andere psychische Belastungen. Auch Menschen, die nicht unmittelbar betroffen waren, spürten kurzfristig stärkere Ängste und ein vermindertes Sicherheitsgefühl, betonen Lyn Ellen Pleger und Alma Ramsden.

Gedenkkerzen und Blumenarrangements auf einem Tisch.
Legende:

Zeichen der Anteilnahme nach der Schiesserei in Aarau. Eine junge Frau wurde getötet.

Keystone / MICHAEL BUHOLZER

Ob die Angst das Verhalten der Menschen verändert, ist für Lyn Ellen Pleger und Alma Ramsden entscheidend. Die Leute könnten beispielsweise bestimmte Veranstaltungen meiden, nachts weniger ausgehen, gewisse Orte nicht mehr besuchen oder ihre Kinder stärker einschränken. Wenn dieses Verhalten aus Angst lange andauert, hätte das relevante gesellschaftliche Folgen. Etwa soziale Isolation.

Echo der Zeit, 31.8.2026, 18 Uhr; sche/wilh