Eine Mutter stellte ihrem Sohn jeden Tag dieselbe Frage – später gewann er den Nobelpreis

Stand: 17.09.2026, 20:08 Uhr

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Der Physik-Nobelpreisträger Isidor Rabi führt seinen Werdegang als Wissenschaftler auf eine Frage zurück, die ihm seine Mutter täglich nach der Schule stellte.

Frankfurt – Große Genies der Geschichte sind oft für ihre skurrilen Gewohnheiten bekannt: Albert Einstein soll täglich zehn Stunden geschlafen haben, Nikola Tesla schwor auf tägliche Zehenübungen. Doch eine andere Geschichte ist weit unscheinbarer – und womöglich aufschlussreicher. Isidor Isaac Rabi kam 1902 als jüdisches Einwandererkind aus Galizien nach New York und erhielt später den Nobelpreis für Physik. Den Grundstein dafür, so sagte er selbst, legte seine Mutter – „ohne es jemals beabsichtigt zu haben“.

Ein kleiner Junge beobachtet Schmetterlinge

Gute Fragen können Neugierde wecken. (Symbolfoto) © Cavan Images/Imago Images

Andere Eltern fragten ihre Kinder nach der Schule, was sie gelernt hätten. Rabis Mutter nicht. Sie wollte wissen: „Izzy, hast du heute eine gute Frage gestellt?“ Für Rabi war das mehr als eine Kleinigkeit. „Dieser Unterschied – gute Fragen zu stellen – hat mich zum Wissenschaftler gemacht!“, sagte er in einem Artikel der New York Times, der 1988 kurz nach seinem Tod erschien. Vierundvierzig Jahre zuvor hatte er den Physiknobelpreis für seine Forschungen zum Atomkern erhalten und gemeinsam mit Robert Oppenheimer am Manhattan-Projekt gearbeitet.

Das Stellen guter Fragen ist jedoch kein Selbstläufer. „Man muss das Fragenstellen lernen“, sagt Garvin Brod, Entwicklungspsychologe am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen, der dort die Arbeitsgruppe Entwicklung und Adaptives Lernen leitet. Wer richtig nachfrage, lerne, sich bewusst mit einem Thema auseinanderzusetzen, und werde selbst aktiv. Das helfe Kindern, Informationen besser zu verstehen, zu verarbeiten und zu behalten. „Durch diese aktive Auseinandersetzung wird das Wissen am Ende besser behalten“, sagt Brod gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Neugier als Antrieb für das Verstehen und Lernen bei Kindern

Auswendig lernen funktioniert – doch Neugier ist beim Lernen ein oft unterschätzter Faktor. Dabei hat Neugier eine Voraussetzung, die zunächst paradox klingt: Man braucht bereits Wissen, um überhaupt neugierig werden zu können. „Wir können nur neugierig auf ein Thema sein, wenn wir schon einiges darüber wissen“, sagt Brod. Dahinter steckt die sogenannte „Knowledge Gap Theory“: Neugier entsteht erst dann, wenn Lücken im eigenen Wissen erkannt und der Wunsch geweckt wird, diese zu schließen.

Auswendig gelerntes Wissen füllt solche Lücken von außen. Neugier hingegen treibt die Beschäftigung mit einem Thema von innen heraus an. In der Wissenschaft gilt sie deshalb nicht als trainierbare Fähigkeit, sondern eher als Zustand – einer, der entsteht, wenn man immer wieder mit Unerwartetem konfrontiert wird. „Überraschung und Neugier hängen eng zusammen“, sagt Brod.

Als Beispiel nennt Brod Dinosaurier: Kinder, die bereits etwas über sie wissen, haben Ankerpunkte im Kopf. Präsentiert man ihnen eine überraschende neue Information dazu, entsteht Neugier fast von selbst. Bei einem fiktiven Marswesen funktioniert das nicht – ohne Vorwissen gibt es keine Lücken, die sich auftun könnten. Die Botschaft für Eltern und Lehrkräfte ist daher weniger kompliziert, als sie klingt: erst anknüpfen, dann überraschen.

„Hast du heute eine gute Frage gestellt?“: Wie die Neugier nicht verloren geht

Im besten Fall reißt der Wissensdurst nie ab: Auf eine Frage folgt die nächste. Dieser sich selbst verstärkende Prozess wird in der Forschung auch als „Matthäus-Effekt“ bezeichnet – er hält Interesse und Neugier an einem Thema dauerhaft aufrecht. Brod zieht die Parallele zur Wissenschaft: „So entwickeln sich Kinder zu Experten. Man beginnt mit einer groben Frage, dann wird man immer feingliedriger.“

Rabis Mutter hatte diesen Mechanismus instinktiv verstanden. Ihre tägliche Frage – „Hast du heute eine gute Frage gestellt?“ – knüpfte an den Schulalltag ihres Sohnes an und öffnete gleichzeitig eine neue Lücke. Nicht „Was hast du gelernt?“, sondern „Was willst du noch wissen?“. (Quelle: New York Times, eigene Recherche)