Urteil in Erfurt
Urteil in Erfurt: Siebeneinhalb Jahre Haft für Drogendealer aus ’Ndrangheta-Umfeld
Stand: 17.09.2026 20:07 Uhr
Am Landgericht Erfurt ist ein 31-jähriger Italiener zu sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Mann aus Kalabrien in großem Stil Kokain, Marihuana und Crystal gedealt hatte oder solche Geschäfte einfädelte. Die Staatsanwaltschaft Gera hatte dagegen 13 Jahre Gefängnis gefordert - auch weil der Mann Mitglied der italienischen Mafia-Organisation Ndrangheta gewesen sein soll.
von Axel Hemmerling, MDR THÜRINGEN
Francesco P. war am Plaudern: In einem italienischen Restaurant in Leipzig drehte er das ganz große Rad. Er sei Mitglied der kalabrischen Mafia. Sein Geschäft: Kokain. Freimütig schilderte er seinem Gegenüber, wie das Kokain aus Südamerika nach Europa kommt. Und mehr noch: Marokkaner schmuggeln für die 'Ndrangheta die Drogen in den Containern aus den holländischen Häfen. 200.000 Euro bekommen sie dafür pro Ladung.
Um das zu belegen, zeigte der Mann aus San Luca seinem Tischgesellen die Nummer des Verbindungsmannes im Hafen. Er berichtet von Preisen für das Kokain: Das Kilo kostet bei "guten Freunden" 20.000 Euro. Was Francesco P. nicht ahnte, der interessiert zuhörende Mann ist ein nicht offen ermittelnder Beamter (NoeB), ein Polizist. Fein säuberlich notierte der Beamte die Erkenntnisse in einen Vermerk. Ein paar Tage später verkauft Francesco P. dem NoeB 100 Gramm Kokain in Erfurt.
Mit Mafia-Mitgliedschaft nur geprahlt?
Alles Prahlerei, behauptet nun der Verteidiger des Mannes. Nichts weiter. Das Gericht folgt ihm, obwohl Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft weitere Indizien und Hinweise auf eine Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta zusammengetragen hatten. Nur durch die Anklage und das Plädoyer, für das die Oberstaatsanwältin immerhin zweieinhalb Stunden braucht, wird erläutert, dass nicht nur ein "normaler" Drogendealer auf der Anklagebank sitzt.
Entsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen: Der Gefangenentransport wurde immer von schwer bewaffneten Polizisten abgesichert, es gab Personenkontrollen vor dem Gerichtssaal und selbst die Oberstaatsanwältin stand lange Zeit unter Personenschutz. Im Verlauf des Prozesses spielt die Mafia aber kaum eine Rolle. Da die meisten Akten im sogenannten Selbstleseverfahren - alle Beteiligten lesen für sich die Unterlagen - behandelt werden, kommen die vielen Hinweise auch nicht an die Öffentlichkeit. Schweigen über die 'Ndrangheta.
Lieber Drogen als Mafia?
So fällt es der 4. Strafkammer auch leicht, sich in erster Linie auf die Drogengeschäfte zu konzentrieren: Hier ist der Erfolg größer, die Verfahren werden kürzer. Außerdem sind die zu erwartenden Strafen für harte Drogen wie Kokain deutlich höher als für die Mitgliedschaft in einer (ausländischen) kriminellen Vereinigung. Noch dazu müssen da Strukturen aufgeklärt und beispielsweise der gemeinsame Wille zur Begehung von Straftaten nachgewiesen werden. Das ist mühsam.
Staatsanwaltschaft hatte höhere Strafe gefordert
Der Angeklagte wurde wegen Drogenhandels unter anderem mit Kokain zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und neun Monaten verurteilt, wie ein Gerichtssprecher auf Anfrage mitteilte. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von mehr als 13 Jahren verlangt.
Dennoch hätten sich gerade die Ermittler im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität erhofft, dass die immer unter dem Radar agierende 'Ndrangheta auch juristisch fassbar wird - eben durch ein entsprechendes Urteil. Solche gibt es tatsächlich schon in Nordrhein-Westfalen: in Dortmund oder Duisburg. Nur für Ostdeutschland gibt es ein solches Urteil nicht.
Thüringen ist Mafia-Stützpunkt
Dabei hat schon ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss festgestellt, dass die 'Ndrangheta in Thüringen einen Stützpunkt - eine Locale - betreibt. Das Landeskriminalamt ordnet dieser Zelle 21 mutmaßliche Ndrangheta-Mitglieder zu, die vor allem in Erfurt, Eisenach und Arnstadt, aber auch in Leipzig tätig sind.
Wie Francesco P., der eigene Restaurants betrieb, und letztendlich in Nordrhein-Westfalen verhaftet wurde - in einer Eisdiele. Bisher ist immer davon ausgegangen worden, dass in Ostdeutschland über Restaurants vor allem Drogengelder gewaschen werden. Nun hat der Prozess ergeben, dass die Organisation auch Kokain und andere Drogen verkauft.
Das Gericht kann nicht ausschließen, dass Francesco P. der 'Ndrangheta angehört. Es fand aber keine Beweise. Die 'Ndrangheta hat längst gelernt, sich gut zu tarnen - und sie kann noch dazu mit den überlasteten Gerichten rechnen, die ihre Verfahren möglichst schnell abarbeiten wollen.
MDR, dpa (gh)
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