Zwischen eng stehenden Häusern liegt ein Trümmerhaufen. Bagger schaufeln den Schutt auf Lastwagen. Rettungskräfte stehen an der Seite. Fernsehkameras verfolgen die Bergungsarbeiten. Auch am Tag nach dem Einsturz der Studentenunterkunft ist noch nicht ganz klar, ob im Keller weitere Verschüttete liegen. Bisher wurden sieben Tote geborgen, darunter fünf Studenten und zwei Arbeiter. Mindestens zwölf Personen waren in Krankenhäuser gebracht worden. Ein Ladenbesitzer sagt, es habe einen lauten Knall gegeben, als das Haus zusammenbrach. Er war gerade an dem Haus vorbeigefahren. Wenn es stehen geblieben wäre, hätte es auch ihn erwischt.
Der Besitzer der Studentenunterkunft habe im Keller wohl Baumaßnahmen durchgeführt, sagt der 21 Jahre alte Akmal, der seinen Nachnamen lieber für sich behalten will. Das Haus sei etwa 50 Jahre alt und über die Jahre um mehrere Stockwerke erweitert worden, sagt der Student. Er habe einige Meter entfernt gerade eine Zigarette geraucht, als am Sonntag das Gebäude einstürzte. Die Luft war voller Staub, Funken sprühten aus den gekappten Stromleitungen. „Es bot sich ein verheerendes Bild. Die Leichen der Studenten lagen auf den Trümmern oder tief darunter“, sagt er. In einem Leichnam, der abtransportiert wurde, hatte er einen Bekannten wiedererkannt.
Rücktritt des Bildungsministers erzwungen
Nach dem Gebäudeeinsturz wurden der Besitzer, seine Frau und sein Sohn festgenommen. In Satya Niketan, einer Siedlung mit engen Gassen, in denen wirre Knäuel aus Stromkabeln zwischen den Häusern baumeln, verlangen viele, dass auch die Politik Verantwortung übernimmt. Die meisten Wohnungen werden an Studenten vermietet. Der Südcampus der Delhi-Universität liegt nur wenige Straßen weiter. Für viele junge Inder repräsentiert das Unglück die Missstände im Bildungssystem, gegen die sie im Sommer auf die Straße gegangen waren. Sie reagieren besonders schockiert auf die Bilder eines Studenten, der unter den Trümmern liegend per Videotelefonat nach Hilfe gerufen hatte.
Die sogenannte Kakerlaken-Bewegung hatte mit ihren Demonstrationen im Zentrum Delhis den Rücktritt des Bildungsministers im Rahmen des Skandals um durchgestochene Prüfungsaufgaben erzwungen. Die Proteste in der Hauptstadt sind mittlerweile beendet. Aber die „Cockroach Janta Party“ (CJP) hat eine landesweite Kampagne gestartet, in der sie marode Schulen und andere Missstände im Bildungssystem anprangert. Sie zwingt die Regierung, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu geben. Einen Tag vor dem Unglück hatte Ministerpräsident Narendra Modi an der Delhi-Universität im Rahmen einer Veranstaltung eine Rede gehalten.
„Studenten verdienen sichere Wohnheime“
Auch einige der Bewohner der Studentenunterkünfte in Satya Niketan hatten sich an den Kakerlaken-Protesten beteiligt. Unter ihnen ist der 21 Jahre alte Vikash Mishra, der die Rettungsarbeiten an dem Unglücksort beobachtet. Er empfindet Indiens Bildungssystem als tief ungerecht. Wer es sich leisten könne, schicke seine Kinder auf eine Privatschule, sagt er. CJP-Gründer Abhijeet Dipke äußerte sich ebenfalls zu dem Unglück. „Wie lange müssen die Studenten in diesem Land noch den Preis für marode Infrastruktur und Vernachlässigung zahlen?“, schrieb er auf der Plattform X. „Studenten verdienen sichere Klassenzimmer, sichere Wohnheime und ein Mindestmaß an Würde.“
In den Gassen von Satya Niketan ziehen junge Leute Rollkoffer hinter sich her. Sie fühlen sich in ihren Unterkünften nicht mehr sicher und versuchen, vorübergehend in Wohnheimen, bei Freunden und Verwandten unterzukommen. Andere bleiben. Sie haben keine Wahl. „Für die Studenten gibt es keinen anderen Ort, an dem sie leben können“, sagt der Student Akmal. Die verschiedenen Colleges der Universität, die die meisten Studenten hier besuchen, bieten nur wenige Wohnplätze für ihre Studenten an. In Satya Niketan bezahlten die Studenten wegen des knappen Wohnraums für ein Zimmer „in der Größe einer Streichholzschachtel“ im Monat mindestens 10.000 Rupien, umgerechnet etwa 90 Euro, sagt Akmal.
Müll im Treppenhaus und eine kaputte Küche
Der Student Daksh Kumar führt durch ein dunkles und vermülltes Treppenhaus in seine Wohnung. „Hier: Hundekot“, sagt er, als er durch den schmalen Aufgang steigt. Eigentlich sollte hier regelmäßig geputzt werden, aber das sei nur oberflächlich, berichtet er. Die kleine Wohnung, die er zeigt, hat nur wenige Möbel und eine Küche mit einem kaputten Gasherd. Die Unterkünfte seien dreckig und von Kakerlaken verseucht, ergänzt sein Freund Akmal. Wenn es regnet, versinken die Gassen in einer Brühe aus Müll, Schlamm und Abwasser.
Zahlreiche politische Gruppen halten am Rand des Viertels Kundgebungen ab. Regierungsnahe Studentenverbände und Oppositionelle fordern gleichermaßen hohe Strafen für die Verantwortlichen. Mehrere Vertreter der Stadtverwaltung wurden suspendiert. Ein Demonstrationszug von Studenten der Delhi-Universität zieht vorbei. Sie fordern lautstark „Gerechtigkeit“ und angemessene Wohnheime an den Universitäten. Die 18 Jahre alte Studentin Abigail Egbert sagt, diesmal habe es niemanden getroffen, den sie kenne. „Aber beim nächsten Mal könnten ich oder eine meiner Freundinnen dran sein.“