Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, genannt ADHS, ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich bereits in den ersten Lebensjahren manifestiert und typischerweise spätestens im Einschulungsalter auffällt. In Deutschland sind rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen.
„Die Studienlage zeigt, dass circa 80 Prozent der Symptome von genetischen Bedingungen abhängen“, erklärt Prof. Dr. Tobias Renner, ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Tübingen. Gemeinsam mit Dr. Kirsten Stollhoff, Hamburger Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Neuropädiatrie und Sozialpsychiatrie, berichtet er im Interview, welche typischen Anzeichen es für ADHS bei Kindern gibt und worauf Eltern besonders achten sollten.
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ADHS bei Kindern: Wie äußert sich es?
Bei Kindern mit ADHS sind die Netzwerke im Gehirn beeinträchtigt, die für die Ausführung der sogenannten „Exekutivfunktionen“ verantwortlich sind. „Das sind Aufgaben, die der Mensch leisten muss, um zu entscheiden, ob er eine Tätigkeit beginnt, wie er sie ausführt und ob er sie zu Ende bringt“, erklärt Stollhoff. Die Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle der Betroffenen seien dadurch gestört.
„Die Diagnose wird üblicherweise mit dem beginnenden Schulalter erstellt“, meint Renner. Es handle sich dabei um eine klinische Diagnose, das heißt, es werde mit den Kindern, den Eltern oder anderen engen Verwandten und Personen des nahen Umfelds – unter anderem Lehrern – gesprochen. Anschließend werden Betroffene psychologischen Testverfahren unterzogen, die weitere Hinweise erbringen, ob eine ADHS vorliegt und wenn ja, in welchem Ausmaß. Es gäbe keine sogenannten Biomarker, beispielsweise Blutwerte, die eine ADHS-Diagnose rechtfertigen.
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„Wir haben hier ein Krankheitsbild, das die Symptome bereits im Namen trägt“, so Renner. Die Aufmerksamkeit der Betroffenen sei klassischerweise eingeschränkt, es bestehe eine deutliche Erhöhung der motorischen Unruhe und der Impulsivität. Die meisten Eltern berichteten meist schon im Kleinkindalter von ungewöhnlicher Unruhe und ständig wechselnden Beschäftigungen. Spiele könnten nicht gut durchgehalten werden, Warte- und Sitzzeiten wie der Stuhlkreis im Kindergarten würden nicht eingehalten und Betroffene platzten ungefragt mit Antworten heraus.
Unterschiede von Mädchen und Jungen bei ADHS: Darauf sollten Eltern achten
„Kinder mit ADHS haben ganz große Schwierigkeiten, weil sie permanent andere Ideen haben. Die Mutter muss immer danebenstehen und jeden Handlungsschritt kontrollieren“, ergänzt Ärztin Stollhoff. Eine ausgeprägte Hyperaktivität sei dabei am auffälligsten. Doch nicht immer ist ADHS mit dem „klassischen Zappelphilipp“ gleichzusetzen.
Was die Geschlechterverteilung angeht, dürften die Statistiken überraschen: „Ausgehend von den Erhebungen für das Vollbild ADHS, bei dem alle drei Symptomebenen betroffen sind, haben wir die Annahme, dass vier Jungs auf ein betroffenes Mädchen kommen. Allerdings gibt es auch die ADS, also die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung ohne Hyperaktivität oder erhöhte Impulsivität, die bei Mädchen deutlich häufiger vorkommt“, sagt Prof. Renner.
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Ebenfalls zu bedenken sei, dass ADHS bei Mädchen unauffälliger und daher tendenziell weniger oder verspätet diagnostiziert werde. „Jungs mit ADHS treten durchaus auch aggressiv auf und halten sich nicht an Regeln, bei Mädchen ist dieses Verhalten reduziert“, erzählt der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums.
Behandlung von ADHS bei Kindern: Wann Medikation unvermeidlich ist
Der Leidensdruck scheint deswegen jedoch nur bedingt geringer. „Die Studien belegen, dass Mädchen oder Frauen zwei bis drei Jahre später diagnostiziert werden als die Jungs“, weiß Stollhoff. „Gerade Mädchen kämpfen sich mit viel Anstrengung durch die Schule. Sie fallen erst einmal nicht auf, können sich jedoch kaum auf eine Sache fokussieren, nur schwer zuhören und das Gesagte oft gar nicht speichern. Sie werden den Leistungsansprüchen nicht gerecht.“
„In Deutschland ist die erste Behandlungsmaßnahme die Psychoedukation“, so Renner. Es gehe darum, aufzuklären und ein Verständnis für die Störung bei den Kindern, den Erziehungsberechtigten und dem nahen Umfeld zu entwickeln, damit man dann entsprechende Schritte zum Umgang mit der Krankheit einleiten könne. Dazu gehörten wiederum psychotherapeutische Maßnahmen sowie die Medikation, die angewendet wird, wenn psychoedukative und therapeutische Maßnahmen alleine keine ausreichende Verbesserung des Krankheitsbildes bewirken.
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„In ganz schweren Fällen kann die Medikation auch am Anfang der Behandlung stehen, wenn Kinder einer Psychotherapie aufgrund ihrer Beschwerden überhaupt nicht folgen können.“ In den englischsprachigen Ländern ist die Medikation laut Prof. Renner jedoch häufig die erste Therapie. Dr. Stollhoff empfiehlt Eltern außerdem, regionale Angebote wie beispielsweise Selbsthilfegruppen in Anspruch zu nehmen. Eine weitere Maßnahme seien gut ausgebildete Ergotherapeuten, die Elterntrainings vermitteln. „Die Erziehung ist eine enorme Herausforderung für die Eltern“, gibt die Fachärztin zu. „Und es sieht nicht sehr rosig aus, was Unterstützung betrifft.“
Trotz unterschiedlicher Symptome bei den Geschlechtern erfolgt die Therapie bei Jungen und Mädchen gleich: „Eine Behandlung ist nicht nur defizitorientiert, sondern wir wollen auch erfassen, welche Ressourcen die Kinder haben“, erklärt Prof. Renner. „Wo bringen sie schon Stärken mit? Wo kann man sie unterstützen? Deswegen finde ich auch die Psychotherapie sehr wichtig, weil viele soziale Fertigkeiten sowie der Selbstwert gestärkt werden können.“ Egal, ob Mädchen oder Junge – es gehe darum, individuell zu fördern. Auch die Medikation sei geschlechtsunabhängig und sowohl bei Mädchen mit ADS als auch bei Jungen mit ADHS wirksam.
Depression und Suchterkrankungen: ADHS kann ernsthafte Folgen haben
Kinder mit ADHS haben ein höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken und ohne angemessene Behandlung zudem eine zwei- bis fünffach erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine Suchterkrankung zu entwickeln. Wer ständig aneckt, viel geschimpft wird und zahlreiche negative Lebenserfahrungen macht, die den Selbstwert beeinträchtigen, leidet auch im Jugend- und Erwachsenenalter häufig an den Folgen.
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Das Wichtigste sei, dass Eltern mit einem Verdacht auf ADHS bei ihrem Kind sich frühzeitig um Aufklärung bemühen, erklärt Prof. Renner: „Je eher man Bescheid weiß, je eher auch die Kinder das wissen, desto besser kann man damit umgehen. ADHS ist keine reine Lern- und Leistungsstörung, sondern bringt oft auch soziale Schwierigkeiten mit sich. Und das ist etwas, das Kinder über längere Zeit prägen kann.“

Kinder mit ADHS hätten einen hohen Regelbedarf, betont Renner. Es sei daher essenziell, dass Regeln stets konsequent um- und durchgesetzt werden. Ebenso wichtig sei es jedoch, „dass die Eltern das Tolle an ihren Kindern nicht aus dem Blick verlieren. Auch das hat seinen Platz in der Erziehung und ist für die Kinder eine große Hilfe bei der Entwicklung.“ Dr. Stollhoff sieht das ähnlich. Die Hamburger Fachärztin bietet in regelmäßigen Abständen Informationsabende für Eltern an, in denen sie über ADHS aufklärt und Tipps gibt. „Die Rückmeldung von Eltern ist wirklich sehr positiv, weil sie damit auch selbst entschuldet sind. Das setzt bei betroffenen Eltern so viel Energie und auch wieder eine positive Einstellung zum Kind frei.“