Martha's Rule am Kinderspital Zentralschweiz: Eltern können Zweitbeurteilung verlangen

Publiziert19. Juli 2026, 18:27

«Martha's Rule»Sepsis statt Grippe? Eltern sollen schneller Gehör finden

Influenza oder doch gar eine Sepsis? Fühlen sich Angehörige mit ihren Bedenken nicht ernst genommen, können sie am Kinderspital Zentralschweiz eine unabhängige Zweitbeurteilung verlangen.

Karin Leuthold

Darum gehts

  • Das Kinderspital Zentralschweiz führt die «Martha's Rule» ein: Angehörige können ein unabhängiges Team für eine dringende Zweitbeurteilung beiziehen.
  • Die Initiative geht auf die 13-jährige Martha Mills zurück, die 2022 in London an einer Sepsis starb, weil Hinweise ihrer Familie ignoriert wurden.
  • Auch das Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen und das Stadtspital Zürich prüfen die Einführung der Regel.

Angehörige bemerken häufig sehr früh, wenn sich der Gesundheitszustand eines Menschen bedrohlich verschlechtert. Dennoch werden ihre Hinweise – wie im Fall von Elia Epifanio – nicht immer ernst genommen. Die sogenannte Martha's Rule soll Familien in solchen Situationen eine Möglichkeit geben, sich Gehör zu verschaffen.

Am Kinderspital Zentralschweiz können Angehörige ein unabhängiges Behandlungsteam beiziehen und eine dringende Zweitbeurteilung verlangen, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Bedenken nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Wer war Martha Mills?

Die Initiative geht auf den Tod der 13-jährigen Martha Mills zurück. Sie starb im Londoner King's College Hospital an den Folgen einer Sepsis. Ihre Familie hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass sich ihr Zustand verschlechterte, fühlte sich mit ihren Sorgen jedoch nicht ernst genommen. Ein Gerichtsmediziner kam 2022 zum Schluss, dass Martha mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt hätte, wenn sie früher auf eine Intensivstation verlegt und entsprechend behandelt worden wäre.

Martha Mills starb 2022 nach einer nicht rechtzeitig erkannten Sepsis – ihr Fall führte zur Einführung der Martha's Rule.

Martha Mills starb 2022 nach einer nicht rechtzeitig erkannten Sepsis – ihr Fall führte zur Einführung der Martha's Rule.Wikipedia/Creative Commons

In Grossbritannien wurde die Martha's Rule 2024 eingeführt. Seither wurde das unabhängige Expertenteam gemäss Angaben des National Health Service 573-mal hinzugezogen. In 57 Fällen führte die Zweitbeurteilung zu einer Intensivierung der Behandlung und zu potenziell lebensrettenden medizinischen Massnahmen.

So funktioniert Martha's Rule in der Schweiz

«Die Einschätzung von Eltern ist für uns ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung. Eltern kennen ihr Kind am besten und nehmen Veränderungen früh wahr. Beobachtungen wie ‹So kenne ich mein Kind nicht› oder ‹Mit meinem Kind stimmt etwas nicht› nehmen wir deshalb ernst und beziehen sie in unsere klinische Einschätzung ein», wie die Verantwortlichen gegenüber 20 Minuten erklären.

Gleichzeitig betont das Spital, dass sich die Initiative nicht primär auf seltene Krankheitsbilder wie Sepsis konzentriere.

Nach der Einführung in Grossbritannien wird die Martha's Rule auch von mehreren Schweizer Spitälern geprüft, um die Patientensicherheit weiter zu verbessern. (Symbolbild)

Nach der Einführung in Grossbritannien wird die Martha's Rule auch von mehreren Schweizer Spitälern geprüft, um die Patientensicherheit weiter zu verbessern. (Symbolbild)Lakeland Mom

Reicht ein Bluttest?

Doch warum werden die Beschwerden einer möglicherweise lebensgefährlichen Sepsis zunächst häufig als grippaler Infekt oder Influenza interpretiert? «Gerade in der Anfangsphase könnten die klassischen Entzündungswerte noch nicht oder nur wenig verändert sein», erklärt das Team des Kinderspitals Zentralschweiz.

«Deshalb ist es nicht sinnvoll, nur auf Bluttests zu setzen. Die Bluttests können aber im Verlauf wichtige Hinweise liefern. Die Entscheidung für solche Untersuchungen erfolgt jedoch nicht anhand eines einzelnen Symptoms, sondern aufgrund der Gesamtsituation.»

Was denkst du über die Einführung der «Martha's Rule» in Schweizer Spitälern?

Sehr wichtig, es stärkt die Patientenrechte und kann Leben retten.

Eine gute Idee, aber es braucht klare Regeln, um Missbrauch zu verhindern.

Ich bin unsicher, ob das wirklich nötig ist oder zu mehr Bürokratie führt.

Eher kritisch, ich vertraue dem medizinischen Personal.

Ich habe mich mit dem Thema noch nicht befasst.

Am Kinderspital Zentralschweiz wurde Martha's Rule zunächst im stationären Bereich erprobt. «Auf dem Notfall bestehen bereits verschiedene Sicherheitsmechanismen wie strukturierte Triageverfahren, wiederholte Beurteilungen und die Möglichkeit, jederzeit weitere Fachpersonen beizuziehen», teilt das Spital mit.

Auch andere Schweizer Spitäler prüfen derzeit die Einführung von «Martha's Rule», darunter das Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen sowie das Stadtspital Zürich.

Der Swiss Sepsis Report

In der Schweiz zeigt der Swiss Sepsis Report 2025 das Ausmass von Sepsis im Land, zum ersten Mal wie auf Sepsis.ch steht: Jährlich zählen die Spitäler rund 20'000 Fälle, über 500 davon bei Kindern. Wie es weiter heisst, sterben fast 4000 Menschen an Sepsis im Spital. Sepsis sei damit ein häufiges und lebensbedrohliches Gesundheitsproblem, das immer noch unterschätzt werde.

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Karin Leuthold

Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.

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