Erlkönigs Krieg als Reigen kleiner Totengeister im Tanzstück "Nocturne"

Impulstanz

Erlkönigs Krieg als Reigen kleiner Totengeister im Tanzstück "Nocturne"

Die Französin Phia Ménard stellt bei Impulstanz ihr Performancestück "Nocturne (Parade)" vor, eine Attacke gegen kleptokratische Oligarchen

Helmut Ploebst

Eine Bühne mit warmem, rotem Licht. In der Mitte steht eine durchsichtige, skulpturale Pferdefigur aus einem leuchtenden Material. Darüber schwebt eine ähnliche menschliche Figur. Rechts hält eine Person ein weiteres transparentes Element. Zuschauer sind im Hintergrund erkennbar.
Der Reiz der zarten Plastikfolie: In dem Tanzstück "Nocturne (Parade)" geistern Schatten und Phantome von Goethe und Picasso herum.

Erst lockt der Erlkönig mit süßen Worten: "Du liebes Kind, komm, geh mit mir! / Gar schöne Spiele spiel ich mit dir." Aber dann droht er: "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." Punktgenau trifft Geheimrat Goethes literarisches Erbe hier unsere Gegenwart, in der machtgeile Gecken erst bezirzen, bevor sie durchgreifen.

Auf diese Erkenntnis baut die französische Performancekünstlerin Phia Ménard ihr unheimliches Kammerstück Nocturne (Parade), das gerade bei Impulstanz im Bühnenraum des Burgtheaters zu sehen ist. Darin hat auch die Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte einen dämonischen Auftritt, und von fern winkt Picassos Kooperation mit dem Choreografen Léonide Massine für das Stück Parade (Ballets Russes, 1917).

Darin berühmt wurde der Auftritt überdimensionaler Managerfiguren. Ménard übernimmt dieses Motiv für eine wilde Kriegsszene. Ihre Figuren aus zarter Plastikfolie tanzen auf einem runden Podest im Wirbelwind von zwölf Ventilatoren. Anfangs wird der Erlkönig rezitiert, schwingt ein Tod mit Lederkappe schwarze Fahnen, tanzt ein transparentes Foliengeistchen mit buntem Reifen.

Gegaukelte Schwerelosigkeit

Ménard bringt sich selbst als Darstellerin ein, neun kleine Totengeister veranstalten um sie einen Reigen bis hoch hinauf zur Decke. Mit vorgegaukelter Schwerelosigkeit erinnert die Künstlerin an die falschen Versprechungen, von denen sich allzu viele täuschen lassen. Und dramatisch zaubert sie den Krieg, in dem wir tanzen, ohne ihn richtig wahrhaben zu wollen, aus dem Hut ihrer Bühne. Bomben fliegen, der Tod regiert, sein finsterer Gaul fliegt heran.

Aber auch die Hoffnung hat ihren Platz. Nocturne (Parade) ist eine an Tim Burtons pseudokindliche Film-Animationen erinnernde Attacke gegen kleptokratische Oligarchen, die gerade unsere Welt zu Tode hetzen. Ein geschickt gemachtes Werk, das Kleists Bewunderung für das "Marionettentheater" (1810) noch eine stürmische Dimension hinzufügt. (Helmut Ploebst, 26.7.2026)

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