„Erweitert die Grenzen des Möglichen“: Forschungsteam stößt auf Amöbe, die selbst große Hitze überlebt
Stand: 23.09.2026, 18:31 Uhr
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Eine Amöbe überlebt 70 Grad Celsius – und bricht damit eine biologische Schallmauer, die Forschende jahrzehntelang für unüberwindbar hielten.
Syracuse – Komplexe Lebewesen galten bislang als empfindlich gegenüber extremer Hitze. Temperaturen jenseits von 60 Grad Celsius, so die gängige Lehrmeinung, würden ihre Zellstrukturen unweigerlich zerstören. Ein von der NASA unterstütztes Forschungsteam hat diese Annahme nun widerlegt – mit der Entdeckung einer bisher unbekannten Amöbe.

Im Lassen Volcanic National Park in Kalifornien stießen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den außergewöhnlichen Organismus. Selbst bei 63 Grad Celsius teilte sich die Amöbe noch, bei 64 Grad jagte sie weiterhin nach Beute. Wird es ihr noch heißer, greift sie zu einem bizarren Trick: Sie gibt ihre kugelige Form auf und verwandelt sich in ein wurmartiges Gebilde. Durch dieses aktive „Gestaltwandeln“ versucht sie, der Hitze im Gewässer physisch zu entkommen.
Neu entdeckte Feueramöbe hält bis zu 70 Grad Celsius aus
Steigen die Temperaturen auf bis zu 70 Grad Celsius, hüllt sich der Einzeller als letzte Rettung in eine schützende Kapsel. Man sieht gleich: Den Namen Incendiamoeba cascadensis – zu Deutsch „Feueramöbe“ – trägt der Organismus nicht ohne Grund. „Diese Entdeckung erweitert die Grenzen dessen, was wir für möglich gehalten haben, und das ist unglaublich spannend“, erklärt Angela Oliverio von der Syracuse University, korrespondierende Autorin der im Fachjournal Cell veröffentlichten Studie.
In der Wissenschaft galt für komplexe Lebensformen jahrzehntelang eine harte biologische Schallmauer bei etwa 60 bis 62 Grad Celsius. Ob die Entdeckung der Feueramöbe diese Grenzen nun dauerhaft verschiebt oder ob es sich um eine seltene biologische Ausnahme handelt, müssen nachfolgende Studien und unabhängige Überprüfungen erst noch bestätigen.
Eukaryoten sind komplexe Lebensformen
Weitere Eukaryoten könnten möglicherweise noch höhere Temperaturen tolerieren als bisher bekannt. Unter Eukaryoten versteht die Biologie komplexe Lebensformen mit einem eigenen Zellkern und spezialisierten Zellorganellen – dazu zählen unter anderem Amöben, Pilze, Pflanzen und Tiere, aber auch der Mensch. Wegen der empfindlichen Zellstrukturen reagieren Eukaryoten sensibel auf Hitze.
Über einen Zeitraum von zwei Jahren entnahm das Team Organismen aus den geothermalen Quellen in Kalifornien und untersuchte deren Verhalten im Labor. Besonders die zuvor unbekannte Amöbe stach hervor: Nach Hitzephasen von bis zu 70 Grad erholte sie sich vollständig, sobald die Temperaturen sanken.
Feueramöbe hat zusätzliche Gene für Proteinerhaltung und DNA-Reparatur
Beim genauen Blick auf das Erbgut der Feueramöbe entdeckte das Forschungsteam Überraschendes: Die Feueramöbe hat zusätzliche Gene für Proteinerhaltung und DNA-Reparatur. Diese genetische Ausstattung könnte erklären, weshalb der Organismus Hitze besser verkraftet als verwandte Arten. Zudem tragen die Proteine an ihrer Oberfläche vermehrt positiv geladene Aminosäuren – eine Eigenschaft, die auch bei den hitzebeständigsten Bakterien und Archaeen vorkommt. Forschende vermuten, dass diese Moleküle die Proteine stabilisieren und ein Verklumpen bei hohen Temperaturen verhindern.
„Auch wenn diese Organismen so unterschiedlich sind, gibt es doch eine Übereinstimmung darin, wie die Eigenschaften von Proteinen ausgewählt werden, um unter hohen Temperaturen stabil zu bleiben“, sagt Erstautorin Beryl Rappaport, Doktorandin an der Syracuse University. Der Temperaturrekord der Feueramöbe wirft allerdings grundlegende Fragen auf: Wo kann Leben überhaupt existieren? Für die Astrobiologie eröffnen sich neue Perspektiven bei der Suche nach bewohnbaren Welten jenseits der Erde.
Was sind die Grenzen des Lebens auf der Erde?
„Die Erforschung von Extremophilen hilft uns, die biochemischen und physiologischen Grenzen des Lebens, wie wir es auf der Erde kennen, besser zu verstehen“, erläutert Alison Olcott, Programmwissenschaftlerin für Exobiologie am NASA-Hauptquartier in Washington D.C. Die Erkenntnisse erweitern den Bereich der Bedingungen, unter denen Leben anderswo potenziell existieren könnte.
Organismen, die in extremen Umgebungen gedeihen, produzieren einzigartige Proteine mit Potenzial für Medizin und Industrie. „Wir konnten zahlreiche Strategien aufdecken, die I. cascadensis helfen könnten, bei hohen Temperaturen zu überleben, und einige dieser Strategien könnten von Thermophilen in allen Lebensformen genutzt werden“, erklärt Rappaport. Thermophile sind Lebewesen, die wie die Feueramöbe die Wärme lieben.
Hitze zerstört Proteine und lässt Zellmembrane zerfallen
Hohe Temperaturen zerstören Proteine und lassen Membranen zerfallen, weshalb die Forschung jahrzehntelang annahm, dass Organellenmembranen von Eukaryoten oberhalb von 62 Grad Celsius nicht stabil bleiben können. Die Feueramöbe beweist das Gegenteil. „Möglicherweise waren Studien zu Eukaryoten bislang teilweise aufgrund von Annahmen über die Membranstabilität eingeschränkt“, betont Rappaport. Sie hofft, dass die Entdeckung von I. cascadensis andere dazu anregt, gezielt nach weiteren Hochtemperatur-Eukaryoten zu suchen.
Olcott ergänzt: „Die Entdeckung von Eukaryoten, die in Umgebungen mit hohen Temperaturen überleben, erweitert nicht nur unser Verständnis davon, wo Leben zu finden sein könnte, sondern auch davon, wie komplex dieses Leben sein könnte.“ Allerdings warnt das Forschungsteam vor voreiligen Schlüssen. „Es geht nicht nur um die Temperatur. Eine Lebensumgebung benötigt auch den richtigen Säuregrad, den richtigen Sauerstoffgehalt, den richtigen Druck, Wasser und Nahrung. I. cascadensis könnte nicht alleine überleben. Auch sie ist auf andere Lebewesen angewiesen“, betont Rappaport. (Quellen: Studie, NASA-Mitteilung, Pressemitteilung von Cell Press) (tab)