Eskalation auf Frankreichs Straßen: Regierung fürchtet zweiten Gelbwestenprotest – Macron unter Druck
Stand: 07.10.2026, 14:05 Uhr
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Schwere Krise in Frankreich: Das Land erlebt Schulblockaden und Massenproteste. Doch die Lage geht längst über die Schulen hinaus.
Paris – Die Schulproteste in Frankreich gehen unvermindert weiter. Auch am 7. Oktober kam es morgens erneut zu einzelnen Blockadeaktionen an Gymnasien und Universitäten, darunter an der Pariser Elitehochschule Sciences Po. Insgesamt 528 Schulen blieben vorsorglich komplett oder teilweise geschlossen. Die jungen Leute fordern eine bessere Ausstattung der Schulen, mehr Lehrkräfte und bessere Lernbedingungen.

Unterdessen hat die französische Regierung den Einsatz von Blendgranaten bei den Protesten mit sofortiger Wirkung vorläufig ausgesetzt. Die Maßnahme gelte zunächst, „um zu klären, was genau passiert ist“, begründete Innenminister Laurent Nuñez den vorläufigen Stopp gegenüber dem Sender RTL. Auslöser war der Fall eines 15-Jährigen aus Nordfrankreich, dem am Montag durch eine solche Granate die Hand abgerissen worden war. Ungeklärt ist bislang, ob der Jugendliche direkt getroffen wurde oder den Sprengkörper aufheben wollte, um ihn zurückzuwerfen.
Ermittlungen nach schweren Verletzungen eingeleitet
Das Drama um den 15-Jährigen führte zu einer wachsenden Empörung über das Auftreten der Polizei und mutmaßliche Polizeigewalt. Insgesamt ermittelt die Polizeiaufsicht derzeit in 18 Fällen. Besonders schwer wiegt auch der Vorfall um einen 14-jährigen Schüler in Saint-Ouen-l’Aumône nordwestlich von Paris: Ein Beamter hatte aus nächster Nähe eine Tränengasgranate auf den Jugendlichen abgefeuert, wodurch dieser einen Kieferbruch und den Verlust mehrerer Zähne erlitt. Gegen den Polizisten wurde Anklage wegen illegaler Gewaltanwendung erhoben; die Staatsanwaltschaft sieht keine Anhaltspunkte für Notwehr. In Tours verlor zudem ein 16-Jähriger bei einer Schulblockade nach einem Kopftreffer sein Augenlicht.
Präsident Emmanuel Macron rief bei einer Krisensitzung zur Mäßigung auf. Nuñez betonte im Sinne des Staatschefs, dass es bei friedlichen Versammlungen – besonders vor Bildungseinrichtungen – keinerlei Anlass für polizeiliches Eingreifen gebe. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International forderten die Behörden auf, der unverhältnismäßigen Polizeirepression umgehend ein Ende zu setzen.
Hunderttausende auf den Straßen – Blockaden an Schulen und Universitäten
Nach Angaben des Innenministeriums beteiligten sich am Dienstag zwischen 256.000 und 266.000 Menschen an Protestzügen in Metropolen wie Paris, Marseille, Nantes und Lyon. Bildungsgewerkschaften und Veranstalter sprachen hingegen von rund 450.000 Teilnehmenden. Allein am Dienstag nahm die Polizei 488 Personen fest, 43 Einsatzkräfte wurden verletzt. Seit Beginn der Protestwelle Mitte September summieren sich die Festnahmen auf mehr als 6500, überwiegend Minderjährige.
„Unsere Forderungen sind einfach: bessere Lernbedingungen, genug Lehrer, anständige Schulgebäude. Die Reaktion der Behörden war katastrophal“, zitierte der Guardian eine Schülerin bei den Kundgebungen in der Hauptstadt. Auch Lehrkräfte solidarisieren sich demnach vermehrt mit den Lernenden. Der Lehrer Romain Dubourg aus Rennes betonte stellvertretend für rund 30 Kolleginnen und Kollegen, man habe sich angesichts der erlebten Polizeigewalt entschieden, aktiv an der Seite der Schülerinnen und Schüler zu demonstrieren.
Sorge vor Ausweitung: Parallelen zur Gelbwesten-Krise
Die Kernforderungen der Jugendlichen umfassen kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal, kürzere Unterrichtstage und moderne Infrastruktur. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte an, diese Punkte zu prüfen, und bereitet eine Ansprache zur Lage an den Schulen, den steigenden Energiepreisen sowie der angespannten Haushaltslage vor. Innerhalb des Kabinetts herrscht erhebliche Nervosität. Es wird befürchtet, dass sich die Wut der Jugendlichen mit dem Unmut über hohe Lebenshaltungskosten verbindet – ähnlich den Gelbwesten-Protesten von 2019.
Die Krise trifft Frankreich in einer Phase politischer Fragilität wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen. Während die Regierung der Linkspartei La France Insoumise vorwirft, die Bewegung anzuheizen, unterstützt Parteichef Jean-Luc Mélenchon die Proteste an den Schulen, rief dabei jedoch zur Gewaltlosigkeit auf. Lecornu warnte im Parlament vor einer weiteren Eskalation und verurteilte Gewalt an Schultüren, verteidigte den Polizeieinsatz im Grundsatz jedoch als verhältnismäßig. (Quellen: Guardian, AFP, dpa) (cs)