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Katholische Kirche Auslandseinsätze für Priester trotz Missbrauchsvorwürfen
Stand: 03.08.2026 • 06:02 Uhr
Katholische Priester, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, wurden häufiger im Ausland eingesetzt als bisher bekannt - das zeigt eine Bistums-Umfrage für das ARD Radiofeature. Teils hatten die Männer dort wieder Kontakt zu Kindern.
Von Gabriele Knetsch, BR
Deutsche Bistümer setzten in mindestens 47 Fällen Priester im Ausland ein, gegen die Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden. Einzelne derartige Versetzungsfälle waren bisher bekannt. Eine Umfrage für das ARD Radiofeature unter 27 Bistümern gibt nun erstmals einen Überblick, wie verbreitet die Praxis war.
In 20 Fällen waren die Bistümer demnach vor der Versetzung über die Vorwürfe informiert. In allen übrigen Fällen hatten sie vorher nichts von den Missbrauchsvorwürfen gewusst oder nichts darüber in den Akten gefunden. Priester, die nicht von Bistümern, sondern von Ordensgemeinschaften in entfernte Einsatzorte versetzt wurden, sind in der Umfrage nicht erfasst.
Die Anwältin Bettina Janssen hat mehrere Aufarbeitungsstudien im Auftrag der katholischen Kirche durchgeführt und kennt die Auswertung. Sie bewertet diese Versetzungspraxis als "Muster" und betont, dass "Auslandseinsätze trotz bekannter Probleme stattfanden".
Um problematische Priester in der Heimat loszuwerden, stützte sich die katholische Kirche nach Aussage von Janssen auf ein internationales Netzwerk. Die Anwältin rekonstruiert "transnationale Priesterbiografien" und stößt dabei immer wieder auf katholische Organisationen wie Ordensgemeinschaften oder katholische Hilfswerke, die beim Auslandseinsatz der beschuldigten Priester eine Rolle spielten. "Dadurch", so die Missbrauchsexpertin, "war eben eine Vertuschungsgeschichte und eine Missbrauchsgeschichte möglich."
Trotz Missbrauchsvorwürfen nach Afrika geschickt
Im Rahmen der Bistums-Abfrage wurde ein bislang unbekannter Versetzungsfall aus dem Erzbistum Bamberg bekannt: Der mutmaßlich Betroffene Peter Thiem war zwölf Jahre alt, als er im katholischen Internat Aufseesianum lebte. Bis heute erinnert er sich an eine Februar- oder Märznacht im Jahr 1976, als plötzlich ein Mann in den Schlafsaal gekommen sei und sich an seine Bettkante gesetzt habe. "Und dann kam die Hand", so schildert es Thiem. "Und dann hat er quasi die Schlafanzughose ein bisschen runtergezogen und hat halt quasi so rumgespielt."
Thiem identifiziert den Mann als den Direktor des Heims, der zugleich auch Priester und Religionslehrer war. Thiem meldet die Vorwürfe gemeinsam mit einem zweiten Betroffenen einem Erzieher des Internats. Noch vor Ende des Schuljahres verschwindet der Direktor. Ein Sprecher des Erzbistums Bamberg teilt auf Anfrage des ARD-Radiofeatures mit, dass der Direktor in einer deutschen Gemeinde in Namibia eingesetzt wurde, nachdem die Vorwürfe bekannt wurden.
Aus den Unterlagen des Erzbistums gehe hervor, dass "damalige kirchliche Verantwortungsträger von den Vorwürfen gegen den beschuldigten Priester wussten". Sie hätten aber trotzdem seiner Versetzung ins Ausland nach Namibia zugestimmt, anstatt ihn bei den Behörden anzuzeigen und der Strafverfolgung zuzuführen. Dies bewertet der Bistumssprecher aus heutiger Sicht als "falsches Verhalten". Er fügt hinzu, dass so ein Vorgehen "aufgrund der inzwischen eingeleiteten Vorkehrungen und Maßnahmen" undenkbar wäre.
Einsatz in weit entfernten Ländern
Häufig wurden Priester mit Missbrauchsgeschichte in weit entfernten Ländern eingesetzt - an erster Stelle in Südamerika mit 20 Nennungen, so das Ergebnis der Bistums-Umfrage. Der früheste Fall stammt noch aus der NS-Zeit. Die neuesten Verdachtsfälle stammen aus den 2010er-Jahren, darunter ein Priester, der nach Elternprotesten ins Ausland versetzt wurde. Ihm wurde grenzüberschreitendes Verhalten im Firmunterricht vorgeworfen.
Die Gemeinden im Ausland wurden offenbar nicht immer über die Missbrauchsvorwürfe gegen die deutschen Priester in der Heimat informiert. Teilweise hatten die Seelsorger weiterhin Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Das gilt auch für den damaligen Direktor des katholischen Internats Aufseesianum, der später in Windhuk in Namibia im Einsatz ist. Der Betroffene Thiem ist von dieser Praxis der katholischen Kirche entsetzt: "Fürchterlich. Ich arbeite ja selber als Pädagoge. Fürchterlich."
In einem anderen Fall aus dem Bistum Eichstätt lag ein Haftbefehl gegen einen Priester vor. Eltern von fünf Schulmädchen hatten bei der Polizei Anzeige erstattet wegen sexueller Übergriffen und Vergewaltigung. Kirchenverantwortliche waren darüber informiert, dass Interpol den Mann suchte - und verschleierten seinen Aufenthaltsort. Der Beschuldigte konnte fliehen und arbeitete im Ausland in der Mission.
Debatte über die Verantwortung für die Opfer
Die Deutsche Bischofskonferenz bestätigt auf unsere Anfrage: Es gebe eine "signifikante Zahl von Fällen", in denen kirchliche Stellen in Deutschland Missbrauchstäter und -beschuldigte zu einem Einsatz im Ausland verholfen hätten. Das katholische Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz lässt aktuell seine Akten durch externe Experten prüfen. Bischofskonferenz und Bistümer würden "ein Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger beim Umgang mit Missbrauchsvorwürfen" anerkennen. Auch das Erzbistum Bamberg will Missbrauchsvorwürfe gegen den damaligen Direktor des katholischen Internats Aufseesianum und andere Priester bis Frühjahr 2027 aufarbeiten lassen.
Der Einsatz von Priestern mit Missbrauchsgeschichte war offenbar auch in anderen Ländern Usus. Spanische Jesuiten wurden von ihrem Orden in einem katholischen Internat in Bolivien eingesetzt und sollen dort zahlreiche Kinder missbraucht haben. Missbrauchsvorwürfe gegen sie in Spanien waren vorab bekannt, teilweise handelte es sich um verurteilte Straftäter. Mehr als 1.000 Betroffene haben sich inzwischen in Bolivien gemeldet. Aktuell prüft die Ombudsstelle des katalanischen Parlaments, inwieweit der Jesuitenorden in Europa für das erlittene Unrecht verantwortlich gemacht werden kann.
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