Die EU gibt kurz vor dem geplanten Importverbot weiterhin Milliarden für russisches Flüssigerdgas (LNG) aus. Zwischen dem 1. Januar und dem 5. September 2026 zahlten europäische Abnehmer nach Berechnungen der Umweltorganisation Urgewald schätzungsweise 7,28 Milliarden Euro für LNG aus dem russischen Yamal-Projekt. Damit übertrafen die Ausgaben bereits nach gut acht Monaten den Wert des gesamten Vorjahres.
Doch während russisches LNG ab Januar 2027 aus der EU verschwinden soll, wächst der Widerstand anderer Lieferländer gegen die europäischen Methanregeln. „Mit der EU-Methanverordnung schneidet sich die EU selbst von relevanten Bezugsquellen ab“, sagte Rainer Seele dem Handelsblatt. Seele leitet das globale Chemiegeschäft bei XRG, der internationalen Investmentgesellschaft des staatlichen Energiekonzerns Adnoc aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nach den USA und Katar fordert damit ein weiterer wichtiger Akteur Änderungen an den EU-Vorgaben. Was beudetet das für Europas Gasversorung?
EU-Methanregeln werden zum Problem für Gasimporte
Die EU-Methanverordnung trat im August 2024 in Kraft. Sie soll klimaschädliche Emissionen bei der Förderung und dem Transport von Öl und Gas senken. Ab 2027 müssen Importeure bei bestimmten Lieferungen nachweisen, dass die Emissionen im Herkunftsland nach Standards gemessen, gemeldet und unabhängig überprüft werden, die mit den europäischen Vorgaben vergleichbar sind.
Gerade bei komplexen Lieferketten gilt dieser Nachweis als schwierig. In den USA gelangt Gas aus zahlreichen Förderstätten in gemeinsame Leitungen, bevor es verflüssigt und exportiert wird. Die USA und Katar hatten deshalb erklärt, für viele Exporteure gebe es keinen praktikablen Weg, sämtliche Anforderungen zu erfüllen. Washington verlangte zeitweise sogar eine zehnjährige Ausnahme für amerikanisches Öl und Gas.
Auch deutsche Gasimporteure hatten gegenüber der Berliner Zeitung bereits vor Problemen gewarnt. Uniper erklärte, unklare oder zu starre Vorgaben könnten „zusätzliche Kosten, Verzögerungen oder Einschränkungen bei LNG-Importen nach Europa verursachen“. Sefe sprach von „spürbarer Unsicherheit“ im Markt. Der Leipziger Importeur VNG forderte realistisch umsetzbare Regeln, die die Versorgungssicherheit nicht gefährdeten.
Mehrere deutsche Gasimporteure warnten in der Berliner Zeitung wegen der EU-Methanverordnung vor Problemen bei LNG-Verträgen.
© Stefan Sauer/dpa
Die EU-Kommission ist den Unternehmen und Lieferländern inzwischen entgegengekommen. Im Juli empfahl sie den Mitgliedstaaten, zwischen 2027 und 2029 auf Bußgelder zu verzichten, wenn Importeure einzelne Anforderungen noch nicht vollständig erfüllen. Die gesetzlichen Pflichten bleiben allerdings bestehen. Zudem ist die Empfehlung für nationale Behörden und Gerichte nicht bindend.
Der Umweltökonom Manuel Frondel hält weitere Zugeständnisse für denkbar. Ob die EU-Kommission dazu bereit sei, bleibe jedoch abzuwarten, sagt der Leiter des Kompetenzbereichs Umwelt und Ressourcen am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI auf Anfrage der Berliner Zeitung. Die Methanleckagen bei der Förderung außerhalb Europas würden nicht dem Treibhausgasausstoß der EU zugerechnet. Weitere Lockerungen würden die europäischen Klimaziele daher aus seiner Sicht nicht unmittelbar untergraben.
Energie
Neue EU-Methanregeln: Deutsche Gasimporteure melden Probleme bei LNG-Verträgen
Asien zahlt mehr: LNG-Tanker fahren an Europa vorbei
Ana Maria Jaller-Makarewicz bezweifelt, dass die Methanverordnung derzeit der wichtigste Grund für ausbleibende LNG-Lieferungen ist. Frei verfügbare Ladungen würden schon heute von Europa nach Asien umgeleitet, sagt die Energieanalystin des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) der Berliner Zeitung. Entscheidend sei häufig der Preis: LNG-Tanker fahren in der Regel dorthin, wo Käufer mehr bezahlen.
Der Wettbewerb hat sich seit Beginn des Iran-Krieges und der Blockade der Straße von Hormus verschärft. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate können einen großen Teil ihrer üblichen LNG-Mengen derzeit nicht ausführen. Gleichzeitig wurden amerikanische Lieferungen zuletzt verstärkt nach Asien umgeleitet. Europa muss deshalb höhere Preise bieten, um zusätzliche Ladungen anzuziehen.
Die Methanverordnung könnte diese Lage ab 2027 weiter verschärfen. Können Exporteure die geforderten Nachweise nicht liefern, könnten sie ihre Ladungen in Märkte verkaufen, die keine vergleichbaren Auflagen verlangen. Ob die Methanverordnung Europa tatsächlich LNG-Lieferungen kosten wird, ist bislang offen. Die Exportländer könnten mit ihren Warnungen auch versuchen, kostspielige Auflagen für ihre Unternehmen abzuwenden.
Durch die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs fehlen auf dem globalen LNG-Markt seit Monaten große Mengen.
© The Visible Earth/NASA/dpa
Europas Abhängigkeit von Yamal LNG wächst noch immer
Die neue Debatte trifft die EU in einer ungünstigen Lage. Von Januar bis August erreichten laut Urgewald 156 Ladungen mit insgesamt 11,39 Millionen Tonnen aus der Yamal-Anlage europäische Häfen. Das waren 10,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig sanken die weltweiten Ausfuhren des Projekts um 3,1 Prozent. Der Anteil der EU an allen Yamal-Exporten stieg dadurch von 78,2 auf 88,9 Prozent.
Die von der Umweltorganisation genannten 7,28 Milliarden Euro sind allerdings kein exakter Rechnungsbetrag. Urgewald multiplizierte die gelieferten Mengen mit dem jeweiligen europäischen Referenzpreis TTF, weil die Preise einzelner Verträge nicht öffentlich sind. Dass der geschätzte Wert des gesamten Vorjahres bereits überschritten wurde, liegt deshalb auch am höheren Gaspreis. Beim Volumen hatte die EU bis Anfang September erst rund 77 Prozent der 2025 gelieferten Jahresmenge erreicht.
Gleichzeitig wird der LNG-Markt weniger vielfältig. Im ersten Halbjahr 2026 stammten nach einer Studie des Norwegian Institute of International Affairs bereits 81 Prozent der LNG-Importe des Europäischen Wirtschaftsraums aus den USA und Russland, wie die Berliner Zeitung berichtete. Die Lieferungen aller anderen Staaten gingen innerhalb eines Jahres von 19 auf 13 Milliarden Kubikmeter zurück.
Jaller-Makarewicz warnt deshalb davor, den Austausch der Lieferländer mit größerer Versorgungssicherheit gleichzusetzen. Zwar hätten neben Russland unter anderem die USA, Nigeria, Norwegen, Mauretanien, die Republik Kongo und Mexiko ihre Lieferungen nach Europa erhöht. Aber: „Yamal-LNG durch Flüssigerdgas aus anderen Ländern zu ersetzen, würde die europäische Versorgungssicherheit nicht verbessern“, sagt sie. „Die Abhängigkeit würde lediglich auf andere Staaten verlagert.“
Experte erwartet höhere Gaspreise für Verbraucher
Für Europa geht es damit nicht nur um die Herkunft, sondern auch um den Preis des Gases. Sollte der Iran-Krieg bis zum Jahreswechsel andauern, müsse ohnehin mit höheren Preisen gerechnet werden, warnt Frondel. „Der Wegfall der russischen Importe wäre noch ein zusätzlicher Preistreiber.“
Die Mehrkosten müssten nach seiner Einschätzung letztlich die Verbraucher tragen. Staatliche Gaspreisentlastungen könne und solle sich der Bund nicht leisten. Für Haushalte wirken höhere Großhandelspreise meist zeitversetzt, energieintensive Unternehmen können sie dagegen schneller zu spüren bekommen.
Zum Jahreswechsel laufen nun zwei Entscheidungen zusammen: Die EU will russisches LNG verbieten und zugleich strengere Anforderungen an Lieferungen aus anderen Staaten stellen. Gibt Brüssel dem wachsenden Druck nach, verliert die Methanverordnung an Wirkung. Bleibt die EU hart, könnten sich Vertragsabschlüsse erschweren und Lieferungen verteuern. Ob Europa trotzdem genügend Gas bekommt, entscheidet der Weltmarkt. Dort konkurriert die EU mit Asien um jede freie Ladung – und muss im Zweifel mehr zahlen.
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