Owen Ansah lief an diesem Abend gegen mehr Gegner als die sieben, die mit ihm auf der Bahn standen. Als er im Alexander Stadium als Erster die Ziellinie überquerte, wurde es auf den Rängen für einen Moment ganz still. Die britischen Zuschauer waren für Zharnel Hughes gewesen, aber die Goldmedaille ging an Deutschland: 19,95 Sekunden machten Ansah zum ersten Europameister über 200 Meter seit 44 Jahren.
Der 25-Jährige bekreuzigte sich, zeigte mit dem Finger zum Himmel und schlug sich mit der flachen Hand aufs Herz. Fast wäre er nach seinem nationalen Rekord über 100 Meter auch der erste Deutsche gewesen, der über die doppelte Distanz unter der 20-Sekunden-Marke bleibt. Nur der zu starke Rückenwind mit 2,5 Metern pro Sekunde verhinderte, dass Ansah bei seinem historischen Sieg auch die deutsche Bestzeit unterbot.
„Mein Trainer hat immer gesagt, dass ich über 200 Meter mehr erreichen kann als über 100 Meter. Über 100 Meter ist es einfach krass, was in der Weltspitze abgeht“, sagte Ansah in der ARD: „Jetzt glaube ich ihm auch.“ Das Rennen habe gezeigt, dass er sich auf seine Stärke, den fliegenden Bereich, verlassen könne. „Mein Ziel war es einfach, meinen Top-Speed so lange wie möglich halten zu können.“ Einen wichtigen Tipp habe er aber auch von seinem dreijährigen Sohn bekommen, der sagte: „Papa, zünde den Turbo.“
„Er feiert einfach, dass ich schnell bin. Er will immer mit mir rennen. Natürlich lasse ich ihn auch gewinnen. Nur einer darf schneller sein als ich – und das ist mein kleiner Sohn“, sagte Ansah, der sich dessen Porträt auf den rechten Oberarm tätowieren lassen hat: „Wenn er älter ist, wird er verstehen, dass nicht er der Schnellere ist, sondern Papa. Aber jetzt lasse ich ihm noch den Vortritt, dass er auch Spaß an der ganzen Sache hat.“
Trainer Bayer hält sein Wort
Sein Sohn drückte ihm in Hamburg die Daumen, für das Training ist Ansah allerdings von seiner Heimat nach Mannheim gezogen. Dort arbeitet er mit Sebastian Bayer zusammen, der 2012 Europameister im Weitsprung wurde. „Er spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben“, sagte Ansah: „Nach meiner Ausbildung bin ich 2021 mit ihm nach Mannheim gegangen. Ich war 20 Jahre alt, habe ihm vertraut.“ Als er selbst nicht von sich überzeugt war, habe Bayer zu ihm und den anderen Sprintern aus seiner Trainingsgruppe gesagt: „Lasst uns hart arbeiten, ich sehe etwas in euch.“ Bayer hielt sein Wort. Fünf Jahre später ist Ansah Europameister – zumindest unter Vorbehalt.
In der Mixed Zone sprach Ansah davon, wie glücklich er darüber ist, dass die EM für ihn so gut lief. „Ich habe gesagt, dass ich Deutschland wieder auf die Karte bringen möchte – nicht nur in Disziplinen, in denen wir in der Vergangenheit viele Medaillen gewonnen haben, sondern auch im Sprint“, sagte Ansah, nachdem er zu Gold über die 200 Meter und Bronze über die 100 Meter gelaufen war: „Ich wollte zeigen, dass es uns gibt, und das möchte ich auch in Zukunft.“
Wenn ihn die Situation belastet, lässt Ansah es sich nicht anmerken. „Ich konzentriere mich auf die Sachen, die ich beeinflussen kann“, wiederholte er, was er schon nach dem ersten Rennen erklärt hatte: „Heute konnte ich nochmal zeigen, dass ich im Kopf frei bin, und das ermöglicht mir auch solche Leistungen.“
Er verspüre „keine Angst“, dass er seine Medaille wieder abgeben muss, hatte Ansah gesagt, nachdem er in 10,19 Sekunden zur ersten deutschen 100-Meter-Medaille seit 40 Jahren gesprintet war. „Ich vertraue auf mein Team, das hinter mir steht und mir den Rücken freihält“, betonte Ansah: „Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin.“
Ansah stellt sich den Fragen
Ansah gelingt es, in Birmingham ziemlich souverän mit dem Thema umzugehen, das ihn die besten Jahre seiner Karriere kosten könnte. Er stellt sich den Fragen der Journalisten, auch wenn er damit rechnen muss, immer und immer wieder darauf angesprochen zu werden. Dann beantwortet Ansah sie so gut, wie es während eines laufenden Verfahrens eben möglich ist, bleibt höflich und bittet um Verständnis, nichts weiter dazu sagen zu wollen.
ARD-Reporter Claus Lufen verzichtete am Freitagabend darauf, Ansah im Fernsehen auf die mögliche Sperre anzusprechen. Stattdessen wünschte er Ansah, er solle „als Mensch keinen Schaden nehmen“. Der 25-Jährige, der am Vortag die ZDF-Journalistin Maral Bazargani stehen lassen hatte, als diese eine Nachfrage zu seiner Situation stellte, bedankte sich am Ende für das „sehr nette“ Interview.
Ansah ist eines der bekanntesten Gesichter in der deutschen Leichtathletik. Er lief 2024 die 100 Meter als erster Deutscher unter zehn Sekunden, im Juni verbesserte er seine Bestzeit noch einmal auf 9,98 Sekunden. Mit ihm war die Hoffnung verbunden, dass Deutschland auch im Sprint wieder prominent vertreten ist. Dann gab die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) Mitte Juli allerdings bekannt, ein Verfahren gegen den Athleten des Hamburger SV eingeleitet zu haben. Ansah wird vorgeworfen, keine Probe abgegeben zu haben, obwohl ihn ein Kontrolleur dazu aufgefordert hatte – ein Vergehen, das so behandelt werden kann, als wäre er positiv getestet worden.

Inzwischen sieht es die NADA als erwiesen an, dass Ansah eine Dopingkontrolle verweigert haben soll. Sie fordert vier Jahre Sperre, die sich automatisch auf drei Jahre verkürzen würde, wenn Ansah der Entscheidung zustimmt. Alle Ergebnisse zwischen der verweigerten Probe und jenem Tag würden annulliert. Sein Anwalt Rainer Cherkeh ließ aber bereits wissen, dass Ansah den Sanktionsvorschlag der NADA „nicht akzeptieren“ werde.
Somit landet der Fall vor dem Deutschen Sportschiedsgericht – und womöglich in letzter Instanz vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS). Das Verfahren könnte sich über Jahre ziehen und sollte Ansah tatsächlich eine Sperre bekommen, würde die erst ab dem Tag des Urteils gelten, weil er derzeit nicht suspendiert ist. In den kommenden drei Jahren finden eine Europa- und zwei Weltmeisterschaften sowie die Olympischen Spiele in Los Angeles statt.
Ansah erhält von den anderen Athleten viel Zuspruch. Keiner glaubt, dass er sich bewusst einer Kontrolle entziehen wollte. „Was er dort gerade gemacht hat, ist unfassbar mit diesem ganzen Druck“, sagte etwa Hammerwerfer Merlin Hummel. Teamkapitänin Gina Lückenkemper befand, dass Ansah das einzig Richtige mache, indem er sich auf sich selbst konzentriere und versuche, alles andere auszublenden: „Das sind Dinge, die außer seiner Macht sind.“
„Er hat Gold gewonnen, das ist schön für ihn“
Durch Ansahs Erfolg hat sich sein Fall inzwischen aber auch zu den internationalen Journalisten herumgesprochen. Timothé Mumenthaler aus der Schweiz, der zeitgleich mit dem Italiener Eseosa Desalu Bronze gewonnen hatte (20,26 Sekunden), wollte sich nach dem Rennen nicht zu Ansah äußern. „Das geht mich nichts an“, sagte er und fügte hinzu: „Er hat Gold gewonnen, das ist schön für ihn.“ Auch der zweitplatzierte Hughes (20,16/Großbritannien) wurde gefragt, ob er von Ansahs Fall wisse. „Um ehrlich zu sein: Nein“, sagte er. Und verschwand.
Über „negative Sachen“ wollte der neue Europameister im Moment seines größten Erfolges nicht sprechen. Stattdessen erzählte Ansah lieber davon, was er sich noch vorgenommen habe: Er wolle die 200 Meter auch unter regulären Bedingungen in weniger als 20 Sekunden laufen und immer besser werden, um es auch mit der internationalen Konkurrenz um 100-Meter-Olympiasieger Noah Lyles (USA) aufnehmen zu können. Medaillen bei Weltmeisterschaften seien das Ziel, betonte Ansah: „Ich trainiere schließlich nicht nur für mich, sondern auch für Deutschland.“ Das Land brauche Medaillen, sagte der 25-Jährige: „Und ich bin da, um das zu tun.“
Es ist schon erstaunlich, wie Ansah alles von sich abprallen lässt, obwohl er seinen Erfolg kaum unbeschwert genießen kann. Er ist der beste 200-Meter-Sprinter Europas, aber ob und wie lange er diesen Titel behalten darf, liegt nicht mehr in seiner Hand. Die Karriere, die gerade erst in Fahrt kommt, könnte für Jahre ausgebremst werden, und trotzdem blickt Ansah weiter nach vorne. „Es wird immer gesagt, dass man das perfekte Sprinteralter erst mit 27 erreicht“, sagte er: „Ich habe also noch ein paar Jahre Zeit.“ Aber nur, wenn er diese Jahre tatsächlich auf der Bahn verbringen darf.