Leichtathletik: Rebekka Haase ist eine Meisterin der Sprint-Staffel

Rebekka Haase, 33 Jahre alt, gehört seit mehr als zehn Jahren zur deutschen Frauen-Staffel über 4×100 Meter. Zu ihren größten Erfolgen zählt die Goldmedaille bei der EM 2022 in München. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris sowie bei den Weltmeisterschaften 2022 in Eugene und 2025 in Tokio belegte sie mit der Staffel jeweils den dritten Platz. Haase startet seit 2019 für das Sprintteam Wetzlar, sie trainiert aber weiterhin am Olympiastützpunkt in Chemnitz bei Jörg Möckel. 2014, 2015 und 2022 wurde Haase deutsche Meisterin über 200 Meter.

Frau Haase, bei der Staffel ist die Kunst, Kontrolle abzugeben. Was ist an diesem Satz richtig – und was daran vielleicht falsch?

Es kommt ein bisschen auf die Position an. Kontrolle ist ein großes Thema, und Vertrauen ist gewissermaßen der Gegenpart dazu. Wenn ich als ablaufende Person dastehe, kann ich nur beeinflussen, wann und wie schnell ich loslaufe. Aber alles andere, was hinter mir passiert, kann ich nicht kontrollieren. In diesem Moment muss ich die Kontrolle über meinen Lauf abgeben und sagen: „Okay, du klärst das.“ Wenn man das nicht macht und den Job der anlaufenden Läuferin mitübernimmt, kann es kein gutes Staffelrennen werden. Wir waren in den vergangenen Jahren sehr verwöhnt, weil wir ein eingeschweißtes Team waren. Deshalb liefen die Rennen wie aus einem Guss: Wir wussten, was die andere kann und was sie nicht kann. Jetzt merkt man langsam, dass ein Umbruch stattfindet. Dieses Vertrauen muss man sich erst wieder erarbeiten.

Erfolg hat eine Staffel nur, wenn die vier Läuferinnen ihre Entscheidungen aufeinander abstimmen. Wie gelingt das in einem Rennen, in dem eigentlich keine Zeit für Kommunikation bleibt?

Die Aufgaben sind so klar verteilt, dass wir nicht mehr kommunizieren müssen. Die ablaufende Person muss so genau und so schnell wie möglich loslaufen. Die anlaufende Person gibt das Kommando, wann der Arm herauskommen soll, und bestimmt damit, wann der Stab übergeben wird. Jede Läuferin weiß genau: Was muss ich machen? Was darf ich nicht machen? Dadurch braucht es in dem Moment keine Kommunikation.

Wann wird es für Sie innerlich ernst?

Wenn ich an zweiter Position laufe, beginnt die Anspannung nach dem Startschuss. In dieser Hinsicht ist Position zwei viel entspannter als Position vier. Als Schlussläuferin muss man das ganze Rennen so entspannt und so neutral wie möglich beobachten und im richtigen Moment bereit sein. Man kann aber nicht ausblenden, was passiert, und nimmt auch die Reaktion des Stadions ganz anders wahr. An zweiter Position habe ich nur den Gedanken: „Ich laufe, bekomme den Stab, übergebe ihn und bin fertig.“

Die Position verändert also, wie sich die Anspannung anfühlt. Gibt es trotzdem etwas, das alle Positionen gemeinsam haben?

Bei der Staffel ist die Nervosität zehnmal größer als im Einzel. Wenn ich keinen guten Job mache, leidet das ganze Team darunter. Zu wissen, ich bin der Grund, warum wir keine Medaille gewonnen haben, ist schwer zu verkraften.

Auf Position zwei sehen Sie die anlaufende Läuferin lange nicht. Wie reagieren Sie auf einen Lauf, den Sie nur anhand Ihres Gefühls einschätzen können?

Ich sehe sie höchstens zehn Meter vor der eigentlichen Markierung. Davor ist mein Blickfeld durch die Kurve und die anderen Läuferinnen verdeckt. Ich orientiere mich an meiner Markierung und kann danach nicht mehr beeinflussen, was hinter mir passiert. Das ist die Verantwortung der anlaufenden Person. Man muss die Kontrolle abgeben und sagen: „Ich habe meinen Job gemacht, jetzt liegt es an dir, das zu klären.“

Wie fühlt es sich an, den Arm nach hinten zu strecken, ohne zu wissen, ob Sie den Stab im nächsten Moment tatsächlich in der Hand haben?

Wenn ich das Kommando bekomme, weiß ich schon, dass die andere Läuferin irgendwo in der Nähe ist. In lauten Stadien sind die Kommandos aber nicht immer zu hören. Dann geht der Arm automatisch heraus, wenn die 20-Meter-Marke erreicht ist. Es ist eine Sache des Trainings, ob man sich traut, weiter zu beschleunigen, oder das Tempo herausnimmt und auf den Stab wartet. Dann verliert man aber das Momentum und riskiert eine schlechtere Zeit.

Am Ziel: Gina Lückenkemper, Rebekka Haase, Sophia Junk und Sina Mayer gewinnen bei der WM 2025 die Bronzemedaille
Am Ziel: Gina Lückenkemper, Rebekka Haase, Sophia Junk und Sina Mayer gewinnen bei der WM 2025 die BronzemedaillePicture Alliance

Ist es schwieriger, im richtigen Moment loszulaufen oder den Stab entgegenzunehmen?

Man braucht viele Wiederholungen, um die richtige Reaktionsspanne zu finden. Die andere Läuferin kommt mit ungefähr 36 Kilometern pro Stunde angerannt, und ich habe ein Zeitfenster von maximal einer Zehntelsekunde, in dem ich mich bewegen kann, damit der Wechsel optimal klappt. Diesen Moment zu treffen, ist höchste Kunst, und deshalb ist die Staffel auch mit so viel Nervenkitzel verbunden. Den Stab entgegenzunehmen, ist nicht das Thema. Ich habe einfach den Arm draußen und warte, dass der Stab mit Schwung kommt. Dann schließt sich meine Hand mehr oder weniger automatisch, und es geht weiter.

Wie viel von einem Wechsel ist bewusstes Entscheiden und wie viel antrainierter Automatismus?

Bei einer Frau weiß ich relativ genau, wann und wie schnell ich loslaufen muss und wann ich das Kommando gebe, damit die andere Läuferin den Arm herausnimmt. Bei einem Mann verschieben sich die Verhältnisse etwas. Das macht die neue Mixed-Staffel so spannend, weil wir es noch nicht so oft üben konnten. Da entscheide ich wirklich bewusst, wann der Arm herauskommen muss, damit ich überhaupt an den Stab herankomme.

Macht es bei den Wechseln einen Unterschied, ob Sie mit Frauen oder Männern laufen?

Es ist etwas ganz anderes, wenn man auf der Bahn steht, nach hinten schaut und eine Horde Männer auf einen zugerannt kommt. Ich finde es in der Mixed-Staffel aber fast entspannter, weil ich mir unabhängig davon, wann ich loslaufe, sicher sein kann, dass der Stab ankommt. Für den optimalen Wechsel hat man auch hier nur eine Zehntelsekunde. Aber ich kann sicher sein, dass der anlaufende Mann mich erreicht. Deshalb kann ich unabhängig vom Zeitpunkt Vollgas geben.

Was geht Ihnen bei den letzten Schritten vor der Staffelübergabe durch den Kopf?

Ich habe vor allem die Markierungen im Blick: Wo befinde ich mich? Wo beginnt die Wechselzone? Wie schnell komme ich an die übergebende Läuferin heran? Wie groß ist der Abstand? Ist die andere Läuferin zu weit entfernt, muss ich früher nach dem Arm rufen. Bin ich zu schnell, muss ich meine Geschwindigkeit reduzieren, damit ich nicht auflaufe und noch eine vernünftige Übergabe hinbekomme. Ich denke dabei nicht bewusst nach. Ich habe meine Markierungen und weiß: So sollte es sein und so nicht. Es ist ein ständiges Überprüfen der Zwischenmarken.

Sie sprechen sich in dem Moment also nicht noch mal gut zu.

Nein, es geht eher darum, im Griff zu haben, wo die Übergabe stattfindet. „Wir machen einfach unseren Job“ ist bei uns im Callroom zu einem Mantra geworden. Wir machen nichts Besonderes, sondern einfach das, was wir machen sollen.

Woran merken Sie, dass der Wechsel gelungen ist?

Wenn die Übergabe zu weit nach hinten rückt, passt der Abstand irgendwann nicht mehr. Dadurch geht Geschwindigkeit verloren. Im Idealfall ist die Übergabe flüssig. Ob der Wechsel dann bei zwölf oder 24 Metern stattfindet, spielt manchmal gar keine große Rolle. Hauptsache, man verliert nicht an Geschwindigkeit.

Ungläubige Freude: Rebekka Haase, 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris, nach dem Erreichen des dritten Platzes mit der Staffel
Ungläubige Freude: Rebekka Haase, 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris, nach dem Erreichen des dritten Platzes mit der StaffelPicture Alliance

Ist es leichter, jemandem zu vertrauen, den man sehr gut kennt, oder jemandem, dessen Laufverhalten man besonders genau studiert hat?

Wenn man jemanden sehr gut kennt, kennt man meistens auch die Stärken und die Schwächen. Ich arbeite lieber mit jemandem zusammen, bei dem ich weiß, was auf mich zukommt. Auch wenn man jemanden nicht sehr gut kennt, gibt die genaue Auseinandersetzung mit seinem Laufverhalten Sicherheit. Entscheidend ist, dass man weiß, was passiert. In Staffeltrainings übt man unterschiedliche Szenarien: Was passiert, wenn ich wechseln muss, ohne dass es vorher so geplant war? Jeder kennt seine Eigenheiten, und die anderen Personen müssen wissen, wie sie damit umgehen. Jungen Läuferinnen, die mich noch nicht so gut kennen, kann ich zum Beispiel sehr genau sagen: „Pass auf, wenn du meinen Arm vor dir hast: Er geht einmal hoch, dann wieder herunter und bleibt stehen. Wenn du versuchst, den Stab in diesem Schwungmoment hineinzubekommen, hast du ein Problem. Das wird passieren, aber ich kann es nicht mehr ändern.“

Sie und Gina Lückenkemper kennen sich sehr gut. Kann eine enge Freundschaft eine Staffelübergabe besser machen – oder ist allein entscheidend, wie gut zwei Läuferinnen aufeinander abgestimmt sind?

Wir haben schon viele Wechsel gerettet, weil wir eine intuitive Verbindung haben. Wenn ich an die EM in München denke: Am Ende des Wechsels habe ich mich umgedreht, weil ich das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmt. Eigentlich ist eine der Regeln, dass man das als ablaufende Läuferin lässt, weil man damit alles kaputtmachen kann. Im Finale habe ich mich trotzdem umgedreht, habe nur Ginas Gesicht gesehen und wusste, dass sie Probleme hatte. Dadurch konnten wir den Wechsel noch retten. Er war alles andere als optimal, aber das sind Momente, in denen ich denke: Mit keiner anderen Athletin hätte ich die Situation so routiniert lösen können. Oder auch bei den Olympischen Spielen in Paris: Ich glaube, wir haben den Stab bei 29,50 Metern übergeben. Bei Gina konnte ich trotzdem ruhig bleiben und sagen: „Nein, ich beschleunige durch, sie bekommt mich noch.“ Bei einer anderen Athletin hätte ich das vielleicht nicht gewagt.

Welche Fähigkeit muss eine Läuferin besitzen, die in ihrer Einzelzeit nicht sichtbar wird?

Es gibt 100-Meter-Sprinterinnen, die sehr gut beschleunigen können, aber die fliegenden 120 Meter, die am Ende bei einer Staffel anfallen, sind etwas anderes. Dazu kommen die Wechselfähigkeiten: Bin ich in der größten Drucksituation in der Lage, genau abzulaufen und voll zu beschleunigen? Kann ich die Verantwortung abgeben? Habe ich die Ruhe, in die Wechselzone hineinzulaufen und die Abstände zu managen? Das ist eine große Aufgabe.

Kann eine Läuferin die schnellste über 100 Meter sein und trotzdem nicht die beste Staffelläuferin?

Entscheidend ist, wie eine Läuferin ins Team passt. Leichtathletik ist ein Einzelsport, aber die Staffel ein Teamsport. So bitter es manchmal ist: Man muss einschätzen können, ob man gerade eine Verstärkung für das Team ist, und dazu gehört auch die Fähigkeit, sich einzugestehen: „Ich muss einen Schritt zurückgehen, weil ich dort im Moment nicht hingehöre.“ Das sind harte Entscheidungen, und das kann nicht jeder.

Schneller: Die Amerikanerin Sha’carri Richardson macht bei den Sommerspielen 2024 in Paris das Tempo, Rebekka Haase (Zweite von links) hält den Anschluss.
Schneller: Die Amerikanerin Sha’carri Richardson macht bei den Sommerspielen 2024 in Paris das Tempo, Rebekka Haase (Zweite von links) hält den Anschluss.Picture Alliance

Was wird in den ersten Minuten nach einem missglückten Wechsel gesagt – und was besser nicht?

Grundregel Nummer eins lautet: Wir gewinnen zusammen, und wir verlieren zusammen. Es spielt keine Rolle, wer den Fehler macht. Wenn wir nicht bereit sind, auf der Bahn Fehler zu machen, haben wir dort nichts verloren. Fehler sind menschlich. Natürlich ist es manchmal ärgerlich, aber wir haben eine kleine Fehlerspanne, die noch akzeptabel ist. Wenn man als Team so viel Energie investiert, ist das Schlimmste, was passieren kann, dass man sich zusätzlich Gedanken darüber macht, ob das Team einen zerreißt, wenn man einen Fehler macht. Diesen Druck auch noch tragen zu müssen, ist für das gesamte Team nicht förderlich.

Ist das Vertrauen nach einem missglückten Wechsel sofort wieder vorhanden, oder muss man es erst im Training neu herstellen?

Wenn ein Wechsel schiefgeht, schaut man sich die Videos an und versucht herauszufinden, warum es in diesem Moment nicht geklappt hat. Wenn es ein einmaliger Fehler war und man sagt: „Da sind einige Dinge unglücklich gelaufen“, ist das kein Problem. Dann weiß man, dass wir es beim nächsten Mal besser machen. Wenn man aber ein System erkennt, also einen Fehler, der immer wieder passiert, wird es irgendwann schwierig mit dem Vertrauen.

Kann eine Staffel funktionieren, wenn eine Athletin sportlich unverzichtbar, menschlich aber schwierig ist?

Das ist eine gemeine Frage (lacht). Wenn wir wissen, dass diese Läuferin unsere Erfolgschancen erhöht, gehört es dazu, damit zu arbeiten. Jede kennt die Stärken und Schwächen der anderen. Wenn die Schwäche menschlicher Natur ist, lernt man, auch damit umzugehen. Der Fokus muss darauf liegen: Wer hat welche Stärken? Man akzeptiert, dass diese Person ihre sportliche Stärke einbringt, und baut zugleich auf die menschlichen Stärken der anderen. In einem Team mit so vielen unterschiedlichen Charakteren muss man sich auf das konzentrieren, was gut ist, und alles andere ausblenden.

Aber kann man einer Athletin blind vertrauen, wenn man im Training ständig mit ihr aneinandergerät?

Wenn sie auf der Bahn ihren Job macht: Ja, absolut.

Sie haben eben die besondere Rolle der Schlussläuferin angesprochen. Ist sie tatsächlich die wichtigste Läuferin – oder nur die sichtbarste?

Alle Läuferinnen, die den Stab über die Bahn bringen, sind wichtig. Die Schlussläuferin ist aber die sichtbarste und muss deshalb den größten Druck aushalten. Sie hat das ganze Rennen Zeit, sich damit zu beschäftigen, was auf der Bahn passiert. Diesen Moment auszuhalten, wenn alle gleichzeitig angelaufen kommen, im richtigen Moment zu beschleunigen und die letzte Strecke über die Bahn zu bringen, ist extrem anspruchsvoll.

Was gibt Ihnen ein Staffelrennen, was Ihnen ein Einzelrennen niemals geben könnte?

Als Leichtathletin ist man immer allein auf der Bahn, aber dieser Nervenkitzel, dass alles zusammenpassen muss, damit ein großes Ganzes entsteht – das kann nur eine Staffel schaffen. Diese Begeisterung und diese Elektrizität, die man auf der Bahn spürt, sind unglaublich. Ich hatte bisher noch nicht so viele Momente, in denen ich mich im Einzel freuen konnte. Aber ich hatte schon viele Momente, in denen ich mich im Team freuen konnte.