Experte über Bürozwang statt Homeoffice: "Das ist eine Kapitulation des Führungsstils"

Arbeitswelt

Experte über Bürozwang statt Homeoffice: "Das ist eine Kapitulation des Führungsstils"

Manche Unternehmen fahren das Homeoffice zurück. Die Zahlen zeigen aber: In den allermeisten Unternehmen ist Remote Work nicht mehr wegzudenken

Deutsche Autobauer wie Mercedes-Benz müssen sparen – und streichen den Angestellten daher ihre Homeoffice-Tage. Nur noch ein Tag Homeoffice pro Woche, das soll laut einer neuen Betriebsvereinbarung ab Anfang kommenden Jahres in Stuttgart Standard sein. Damit will man "persönliche Zusammenarbeit, direkten Austausch und Teamgeist" wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.

Gruppe von Büroangestellten in einem modernen Coworking-Center, auf einem Teppichboden gehend. Bewegungseffekt durch Bewegungsunschärfe. Helle, professionelle Umgebung mit Glaswänden und vertikalen Jalousien.
Kommando retour aus dem Homeoffice? In den meisten Unternehmen wird das nicht funktionieren.

Auch internationale Unternehmen wie Amazon, Google und Dell haben in den Jahren seit der Corona-Pandemie ihre Homeoffice-Regelungen zurückgefahren und Angestellte mit teils nur wenig Vorlaufzeit zurück ins Büro geholt. Die Botschaft, die damit ausgeschickt wird: Werden die Zeiten wirtschaftlich klamm, wird bei Führung wieder mehr auf Kontrolle gesetzt. Und die Kontrolle geht in den Augen vieler Führungskräfte eben leichter, wenn sich die Angestellten in Sichtweite befinden.

Zwei Tage Präsenz

Handelt es sich dabei um Einzelfälle – oder erleben wir hier das schleichende Ende von Remote Work? "Die totale Rückkehr ins Büro ist ein Mythos", stellt Oliver Bertram, Geschäftsführer des Wiener Architekturbüros Bertram ZT, klar. Das zeigen auch die Zahlen: Im Schnitt verbringen Angestellte in Deutschland und Österreich 2,4 Tage pro Woche im Homeoffice, diese Zahl hat sich bei einer Mehrheit der Unternehmen in den vergangenen Jahren auch nicht groß verändert.

In den meisten Unternehmen sind zwei Tage Präsenz vorgeschrieben, viele Führungskräfte drücken aber ein Auge zu, wenn Angestellte mehr zuhause arbeiten wollen. Strenge Präsenzpflicht ohne Möglichkeit zum Homeoffice gibt es ausschließlich in kleinen Unternehmen. Das geht aus dem aktuellen "Office Report" von Teamgnesda und Bertram ZT hervor, der mit Unterstützung des Büromöbelherstellers Neudörfler und des deutschen Beratungsunternehmens "pro m²" erstellt wurde. Darin flossen Daten von 164 Organisationen mit 225.300 Mitarbeitenden in Österreich und Deutschland ein.

Diese 2,4 Tage pro Woche, die Menschen im Schnitt im Homeoffice verbringen, hält Andreas Gnesda, Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Teamgnesda, für ein "gutes Mittelmaß", mit dem beide Seiten leben könnten. Wer wie die eingangs erwähnten internationalen Unternehmen das Homeoffice abschafft oder stark zurückfährt, würde in Kauf nehmen, dass qualifizierte Menschen sich um einen anderen Job umschauen – selbst in der aktuell schwierigen Situation am Arbeitsmarkt.

"Das ist eine Kapitulation des Führungsstils", sagt Andreas Gnesda, und damit werde man in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr reüssieren. Ähnlich sieht das Oliver Bertram: "Wenn man Mitarbeiter zwingt, zurück ins Büro zu kommen, stimmt auf einer anderen Ebene etwas nicht."

Unbegrenztes Homeoffice

Was Gnesda aber auch einräumt: "In manchen Organisationen wurde es mit Homeoffice übertrieben". Dort, wo man Mitarbeitenden unbegrenzt viel Homeoffice erlaubte, werde nun vielerorts nachjustiert. Der Büroexperte betont auch, dass mit Remote Work nicht alle Angestellten zurechtkommen: "Homeoffice hat sehr viel mit selbstbestimmtem Arbeiten zu tun. Damit tun sich manche schwer." Hier sieht er einen gewissen "Wildwuchs, der nicht gut ist für die Produktivität von Unternehmen".

Insgesamt, das zeigt die Auswertung, sind in Österreich und Deutschland nur 62 Prozent der Arbeitsplätze belegt. Anders gesagt: Auf einem Drittel der Schreibtische sammelt sich der Staub, weil die Mitarbeitenden lieber daheim blieben. Am Dienstag, übrigens dem stärksten Office-Tag, werden 78 Prozent der Schreibtische genutzt. Am Freitag, dem schwächsten Tag, nur 34 Prozent.

Dennoch sei die Mietfläche pro Mitarbeitendem seit Jahren nahezu unverändert und liege aktuell bei 18,3 Quadratmetern. Bei den Top Ten der besonders flächeneffizienten Unternehmen, die in die Untersuchung einflossen, sind es hingegen nur noch etwas mehr als sieben Quadratmeter. Die Experten sehen in dieser Tatsache enormes Einsparungspotenzial bei der Bürofläche und damit auch bei den Mietkosten bei vielen Unternehmen. Sie plädieren auch für eine stärkere Umwidmung von Büroflächen zu Wohnraum.

Schwierige Veränderung

Was mit der Umgestaltung der Büroflächen auch häufig einhergeht: Die Angestellten haben keinen eigenen Schreibtisch mehr. Das Familienfoto und die Topfpflanze am Arbeitsplatz sind also Geschichte. "Desk-Sharing ist mittlerweile das alte Normal", sagt Bertram, in vielen Unternehmen gehöre es längst zum Alltag.

Dass diese Veränderung in Organisationen mitunter schwierig ist, wissen die Profis auch. Hier brauche es gute Führung und häufig eine Veränderung der Unternehmenskultur. "Früher wurde Wertschätzung durch die Führungskraft beispielsweise mit einem Eckzimmer ausgedrückt", sagt Bertram. Dabei könne man Wertschätzung auch unabhängig vom Standort des Schreibtischs ausdrücken – beispielsweise Lob in der Unternehmenskultur einen größeren Stellenwert bekommt. Die aktuelle Akzeptanz von Desk Sharing ist in den befragten Unternehmen jedenfalls durchwachsen: 54 Prozent der Befragten bewerten diese als niedrig oder sehr niedrig.

Was derzeit nicht nur Mercedes-Benz beschäftigen dürfte: Wie bringt man die Mitarbeitenden wieder ins Büro? Wer auf Zwang verzichten möchte, sollte laut Bertram auf Teamarbeit, eine Führungskraft, die selbst im Büro ist, und sozialen Austausch setzen. Gnesda verortet ein "irrsinniges Bedürfnis nach Gemeinschaft" bei Menschen, genau das könne durch das richtige Arbeitsumfeld gestillt werden.

Für die Zukunft gehen die Experten von weiter sinkenden Büroflächen aus – auch, weil die KI, die viele Tätigkeiten übernimmt, keinen Schreibtisch mehr benötigt. Ein Büro werde es in Zukunft zwar auch noch brauchen, allerdings werde es anders ausschauen. "Wir bauen heute Büros mit Schreibtischen, die keiner mehr brauchen wird", sagt Gnesda. Was hingegen bleiben werde: das Büro als Begegnungsort. "Da wird uns die KI nicht ersetzen." (Franziska Zoidl, 21.10.2026)

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