Fährunglück in Simbabwe: Am Rand der Straße verfaulen die Toten

Ein Fährunglück auf dem Karibasee zwischen Simbabwe und Sambia fordert mindestens 92 Tote. Opposition und Anwohner kritisieren die Regierung.

Rettungskräfte und örtliche Bootsbetreiber beteiligen sich an den Such- und Bergungsarbeiten in der Nähe der gekenterten Passagierfähre auf dem Karibasee
92 Tote wurden bisher nach dem Kentern der Fähre „Mbuya Nehanda“ auf dem Karibasee im Norden Simbabwes geborgen

Foto: Admore Mbonda/Reuters

Die Todeszahlen steigen, zahlreiche Menschen werden noch vermisst. Bis Sonntagabend sind 92 Tote aus dem Karibasee an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia geborgen worden, nach dem Sinken des Passagierschiffs „Mbuya Nehanda“ am vergangenen Dienstag. Taucher suchen immer noch in 90 Meter Tiefe im kalten Wasser nach ermissten.

Die gesunkende Fähre „Mbuya Nehanda“ ist nach einer antikolonialen Widerstandskämpferin des 19. Jahrhunderts benannt. Ihre Havarie ist eines der schlimmsten Unglücke in der Geschichte der Region. Der Karibasee liegt gut 350 Kilometer nördlich der simbabwischen Hauptstadt Harare am Sambesi-Fluss oberhalb einer Talsperre aus britischer Kolonialherrschaft, und mit einer Länge von 223 Kilometern auf bis zu 40 Kilometern Breite ist er vom Volumen her das größte künstlich geschaffene Gewässer der Welt.

Politiker reisten am Wochenende an die Unglücksstelle, aber die Besuche waren von Kontroversen gezeichnet. Die Abgeordnete Mutsa Murombedzi stellte fest, dass die Straße von der Stadt Kariba in den Ort Mola, aus dem die meisten Toten stammen, lang und schlecht ist.

„Am Wegesrand verfaulen die Leichen nach mehreren Tagen im Wasser“, berichtete sie. Manche Toten würden nach Kariba transportiert und dort beigesetzt, weit weg von ihren Angehörigen, kritisierte sie: „Wir rufen den Staat auf, Hubschrauber zu schicken, damit die Opfer transportiert werden können und dort beigesetzt werden, wo sie hingehören, in Respekt, Tradition und Würde.“

100 US-Dollar von der Regierung

Die Bevölkerung der Region war wütend, als sie sah, wie Regierungsangehörige in Luxusautos und edler Kleidung eintrafen, statt für die Menschen vor Ort etwas zu tun. Für jedes Opfer des Unglücks, sowohl Tote als auch die nächsten Angehörigen, gibt es von der Regierung 100 US-Dollar, kündigte Rodwell Mtetwa an, Entwicklungskoordinator des Distrikts Kariba und Vorsitzender des lokalen Zivilschutzes.

Ein „Witz“ und eine „Beleidigung trauernder Familien“ sei dies, sagte Jacob Ngarivhume, Anführer der christlichen Oppositionsgruppe Transform Zimbabwe. „Jede Hilfe ist willkommen, aber die 100 Dollar sind nichts gegen die Millionen, die an Promis, Pastoren und Personen mit guten Connections gehen.“ Er meinte damit den umstrittenen Geschäftsmann Wicknell Chivhayo, eng mit Simbabwes Regierungspartei Zanu-PF (Zimbabwe African National Union-Patriotic Front), verbunden, der seit zwei Jahren Luxusautos an Oppositionspolitiker, Kirchenführer, Musiker, Sicherheitsoffizielle und Prominente verschenkt, damit sie regierungsfreundlicher sind.

Am vergangenen Sonntag war Chivhayo zusammen mit Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa in bester Stimmung auf einer Konferenz der Masowe-Pfingstkirche zu sehen, bevor Mnangagwa nach Südafrika aufbrach. Ein Sprecher des Präsidenten nannte Kritiker Mnangagwas jetzt „eine Kakophonie von Pseudoexperten mit ihrer unerwünschten Expertise“ und forderte: „Tragödien sollten uns in Barmherzigkeit und Verantwortung vereinen, statt uns durch politische Schuldzuweisungen und Spekulationen zu spalten.“

Der Präsident hatte zuvor den Notstand ausgerufen, um die Finanzierung der Rettungsarbeiten im Karibasee sicherzustellen und die Krankenhausrechnungen der Überlebenden sowie die Unterbringung von Angehörigen der Toten zu bezahlen.

Kein Geld zur Reparatur der Fähre

Jameson Timba, ehemaliger Minister und Mitglied des Oppositionsbündnisses CCC (Citizens Coalition for Change), wies darauf hin, dass die gesunkene Fähre für 40.000 US-Dollar hätte repariert werden müssen, aber dies sei nicht getan worden. „Das ist weniger als der Preis eines einzigen Toyota Fortuner, wie ihn Abgeordnete erhalten haben, um für die jüngste Verfassungsänderung CAB3 zu stimmen“, sagte er.

CAB3 steht für das kontroverse Gesetz „Constitution of Zimbabwe Amendment (No. 3) Act“, das die Direktwahl des Präsidenten durch das Volk abschafft und seine laufende Amtszeit verlängert. „Vielleicht hätten Menschenleben gerettet werden können, wenn die öffentliche Sicherheit und essenzielle Infrastruktur Vorrang vor politischer Patronage hätten“, so Timba. Erst im vergangenen Monat war im Verkehrsausschuss des Parlaments die Unterfinanzierung der Wasserwege Simbabwes und in ihrer Infrastruktur ein Thema. In diesen Bereich fließen nur 3 Prozent des Verkehrsetats.

Das gesunkene Schiff „Mubaya Nehanda“ war die einzige Direktverbindung aus der Stadt Kariba in die entlegenen Dörfer am Seeufer. 90 Passagiere waren zugelassen, aber Berichten zufolge waren bis zu 153 Menschen an Bord, als es sank. Der Kapitän ignorierte offenbar auf seiner 45 Kilometer langen Strecke, die 5 Stunden dauern sollte, die starken Winde, die das Schiff schließlich kentern ließen. Das älteste Opfer war 61 Jahre alt, das jüngste ein einjähriges Baby.

„Die kleinsten Särge sind am schwersten zu tragen“, sagte Parlamentarierin Mutsa Murombedzi bei der Beerdigung eines vierjährigen Kindes. „Überall gibt es Beerdigungen. An jeder Ecke stößt man auf Särge. Das Leiden hier ist so schwer.“

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