Eric Stehr weiß nicht so recht, was er denken soll, als er die ersten Fake-Videos über sich sieht. "Gemische Gefühle" habe er gehabt, zwischen Belustigung und Sorge, Heiterkeit und Hilflosigkeit. "Ich möchte nicht, dass sowas im Internet steht. Aber ich weiß andererseits, ich kann dagegen nichts tun," sagt Stehr. Der Student ist Kandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die Partei Die Linke und hofft mit Listenplatz zwei am 6. September in den Landtag einziehen zu können. In den Sozialen Medien wird über ihn behauptet:
- Er soll angeblich seine Großmutter ermordet haben, um deren Wohnung zu erben (Video bei archive.org)
- Er soll angeblich aus Eifersucht ein Webcam-Model ermordet haben (Video bei archive.org)
- Er soll angeblich Untergrund-LGBTQ-Sexpartys an einer deutschen Universität organisiert haben (Video bei archive.org)
- Er soll angeblich die Bauhaus Universität Weimar dabei unterstützt haben, westdeutschen Studierenden bessere Noten zu geben (Video bei archive.org)
Darüber berichten große deutsche Medien wie die FAZ, SternTV, die ARD und SpiegelTV. Angeblich. Denn weder stimmen die Aussagen, noch handelt es sich um echte Videos der genannten Medien.

Es besteht keinerlei Mordverdacht und es laufen auch keine Ermittlungen in dieser Richtung gegen Stehr, bestätigte ein Polizeisprecher des Burgenlandkreises der DW. Es finden sich auch weder Berichte über angebliche universitäre Sexparties, noch gibt es einen angeblichen Noten-Skandal an der Bauhaus Universität Weimar, bestätigt eine Uni-Sprecherin.
Mehr als 180 Fake-Posts im Vorfeld der Wahlen
Die Videos sind nach Erkenntnissen von DW Faktencheck Teil der russischen Einflussoperation Matrjoschka – auch Overload genannt. Mehr als 180 Fake-Posts hat DW Faktencheck im Vorfeld der Landtagswahlen inzwischen auf den Plattformen X, Bluesky und Tiktok gezählt. Die Daten dazu stammen aus einer akribischen Sammlung des anonymen Recherchekollektivs "Antibot4Navalny", das ursprünglich entstand, um Desinformation gegen den im sibirischen Straflager verstorbenen russischen Oppositionellen Alexej Nawalny aufzudecken. Jetzt spürt das Kollektiv mit großem Aufwand russische Einflussoperationen im Netz auf. Der DW liegen die Fake-Posts vor, die seit dem 24. Juni veröffentlicht wurden – übrigens nur wochentags, am Wochenende machen die Desinformatoren Pause.
Viele der Posts sind gezielte Diskreditierungen von Kandidatinnen und Kandidaten der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, den Abgeordnetenwahlen in Berlin – und seit kurzem auch den Kommunalwahlen in Niedersachsen, die alle im September stattfinden. Die Wahlen gelten als wichtiger Gradmesser für die politische Stimmung in Deutschland – und für die frisch umgebaute Bundesregierung.
Neue Dimension von Operation Matrjoschka erreicht
Dass Matrjoschka nun Deutschland ins Visier nimmt, kommt für Beobachter auch nicht überraschend, das Ausmaß allerdings schon. "Diese Einflusskampagne ist generell seit September 2023 auf mehreren Plattformen aktiv. Zu den Zielen dieser Kampagne gehörten auch schon die Bundestagswahl, die Wahlen in Moldau, in Armenien oder die Olympischen Spiele in Frankreich", sagt Julia Smirnova. Sie ist Forscherin am Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), einem gemeinnützigen Berliner Think Tank, und beobachtet Matrjoschka schon lange.

"Es ist neu für russische Einflusskampagnen, dass konkrete Kandidatinnen auf Ebene von Landtagswahlen angegriffen werden," so Smirnova. Ihren Beobachtungen nach seien alle Parteien mit Ausnahme von der in Teilen rechtsextremen Alternative für Deutschland und dem Bündnis Sahra Wagenknecht von den Fakes betroffen.
"Schon im Vorfeld der Bundestagswahl haben wir beobachtet, dass russische Kampagnen in der Regel versucht haben, Kandidat*innen aller demokratischen Parteien zu diskreditieren und die Parteien AfD und BSW zu unterstützen. Insofern ist das, was wir jetzt im Vorfeld der Landtagswahlen sehen, eine Fortsetzung der langfristigen Russland-Strategie, die Parteien zu unterstützen, die eher russlandfreundliche Positionen vertreten und andere Parteien und Kandidatinnen zu diskreditieren."
Auch Pablo Maristany de las Casas deutet in diese Richtung. Als Spezialist für manipulative Verhaltensweisen und Kampagnen ausländischer Akteure analysiert er für den Think Tank Institute for Strategic Dialogue (ISD) Manipulations- und Einflussoperationen wie Matrjoschka und sieht wie Smirnova bei der laufenden Kampagne Ähnlichkeiten zu früheren russischen Einflussversuchen. Die Narrative und Botschaften seien einmal mehr "pro-russisch, anti-deutsch und EU-feindlich".
Wer steckt hinter Operation Matrjoschka?
Zwar könne man noch keine Verbindung zum russischen Staat sicher nachweisen, aber vieles deute auf Russland hin, sagt Maristany de las Casas: Ein Post auf X in spanischer Sprache enthält etwa eine verräterische Abkürzung. In dem Post über die FDP-Kandidaten Lydia Hüskens und Andreas Silbersack wird die Freie Demokratische Partei mit "SvDP" abgekürzt – die russische Abkürzung für Svobodnaya Demokraticheskaya Partiya, also die FDP.

Das Gnida Projekt, eine OSINT-Forschungsgruppe, die russische Desinformationskampagnen analysiert und aufdeckt, hat bereits russische Urheber hinter Matrjoschka identifiziert, nämlich, dass die Einfluss-Operationen technisch und inhaltlich direkt mit der berüchtigten, vom russischen Militärgeheimdienst GRU gesteuerten Einheit "Storm-1516" verknüpft sind, die bereits im Vorfeld der Bundestagswahl aktiv war.
Für Smirnova ist klar: Die laufende Operation ist "mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit eine russische Kampagne, die im Auftrag der Präsidialverwaltung ausgeführt werden soll." Durchgeführt werde diese bei Matrjoschka dann meist durch "private Unternehmen mit Expertise im Bereich vom digitalen Marketing und politischen Einflusskampagnen."
Wie kann man Matrjoschka-Fakes von echten Medienberichten unterscheiden?
Die Fakes sind technisch gut gemacht, aber kleine Unstimmigkeiten im Vergleich mit den originalen Video-Templates der Medienunternehmen verraten die Fälschung. Erkennen kann man diesen digitalen Identitätsdiebstahl, auch Media-Spoofing genannt, anhand von folgenden Fragen:
- Findet sich das Video auch auf einem offiziellen Account des Medienhauses?
- Stimmen Design und Schriftart mit dem des Medienhauses überein?
- Woher stammt das Bildmaterial und zeigt es überhaupt die erzählte Story?
- Liefert das Video irgendwelche nachprüfbaren Beweise für die erzählte Story?
Im Falle der aktuell kursierenden Fakes führen diese Fragen sehr schnell zu der Erkenntnis: ausgedachte Stories, geklautes Bildmaterial, geklonte Logos und ungenau nachgebaute Videodesigns. Das alles fällt aber erst auf den zweiten Blick auf.
Welche Narrative werden im Vorfeld der Wahlen verbreitet?
Die Narrative der aktuellen Kampagne vor den deutschen Wahlen lassen sich in zwei Kategorien einteilen:
Diskreditierung von Kandidatinnen und Kandidaten: Da wird zum Beispiel in einem per KI-Stimme vertonten Video Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ein Mord an einem Profi-Tennis-Spieler (Video bei archive.org) unterstellt. Beweise werden keine präsentiert. Eine Sprecherin der Polizei Berlin bestätigte auf DW-Anfrage, dass weder kürzlich ein Profi-Tennisspieler in Berlin getötet wurde noch Ermittlungen gegen Wegner geführt werden. Andere Kandidatinnen und Kandidaten der Parteien CDU, SPD, die Grünen, die Linke, und FDP werden mit falschen Vorwürfen der Korruption, des Drogenkonsums oder in Dutzenden Fällen sogar mit angeblichen Sexskandalen überzogen.

Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschen: In einem angeblichen Eurostat-Video (Video bei archive.org) wird über eine Umfrage berichtet, in der eine große Mehrheit der Westdeutschen die Wiedervereinigung als "historischen Fehler" betrachte. Die vermeintliche Umfrage wird nicht näher beschrieben und es findet sich dazu auch keinerlei Bericht. Eurostat schrieb auf DW-Anfrage: "Das ist ein Fake-Video, Eurostat hat es nicht produziert. Eurostat hat auch nicht die im Video erwähnte Umfrage durchgeführt." Tatsächliche Umfragen zeichnen zudem ein ganz anderes Bild: Laut ARD-DeutschlandTrendvom Oktober 2025 sind in Westdeutschland 64 Prozent mit dem Stand der deutschen Wiedervereinigung zufrieden.
Neben diesem Post finden sich zahlreiche weitere, die eine angebliche Ungleichbehandlungen von Ost- und Westdeutschen hervorheben, wie etwa Behauptungen, dass angeblich weniger in Sicherheit und Infrastruktur in Ostdeutschland investiert werde, oder dass angeblich Experten Deutschland eine erneute Teilung von Deutschland für das Jahr 2030 prognostizieren. Ein Video berichtet sogar über Pläne, eine neue Berliner Mauer aufzubauen. Nichts davon ist wahr. Einige der Posts verwenden sogar den Hashtag #TimeToDivideGermany.

"Es geht darum, Menschen aus Ost- und Westdeutschland gegeneinander aufzuhetzen oder zu behaupten, dass Menschen in Ostdeutschland von Menschen in Westdeutschland verachtet, gehasst oder diskriminiert worden seien", erklärt Smirnova. Und es gehe auch darum, mit Falschbehauptungen konkreten Politikerinnen und Politikern zu schaden.
Wie erfolgreich ist die Desinformationskampagne?
Die Einflussoperation läuft noch und es kommen ständig neue Fakes hinzu. Für eine abschließende Bilanz ist es also noch zu früh. Nach Einschätzung der von uns befragten Experten ist die Wirkung derzeit noch sehr begrenzt. "Die Auswirkungen sind nicht signifikant. Das sehen wir auch an der künstlichen Amplifizierung der Inhalte," sagt Maristany de las Casas. Gemeint ist, dass die Posts trotz der zum Teil mehr als 100.000 Aufrufe kaum organische Reichweite haben: kaum Interaktionen, wenig Kommentare. Auch frühere Erhebungen zeigten, dass die Wirkung von Desinformationskampagnen wie "Matrjoschka" bisher eher begrenzt ist. Das liegt auch daran, dass – anders als auf X – andere Plattformen wie Bluesky oder Tiktok die Inhalte oft recht schnell löschen.
Linken-Kandidat Stehr will sich darauf aber nicht verlassen und die Fakes zur Anzeige bringen. Bei X sei er bereits damit gescheitert, ein Video von ihm entfernen zu lassen, "weil man von deren Seite keinen Anlass sah, das zu löschen." Auch deshalb geht die Desinformationskampagne gegen deutsche Politiker weiter.
Mitarbeit: Asya Lokina, Aldo Sánchez Vera, Anwar Ashraf